Blick auf eine Baustelle an der A49 bei Schwalmstadt
Bei jeder Baustelle, wie dieser an der A49 bei Schwalmstadt, fällt Bodenaushub an - und der muss entsorgt werden. Bild © picture-alliance/dpa

Wo gebaut wird, wird meist auch gebaggert. Und es wird viel gebaut in Hessen. Aber wohin mit all dem Erdaushub? Weil viele Deponien randvoll sind, fahren Baufirmen weite Wege und Bauherren zahlen immer mehr.

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Wenn das Tiefbauunternehmen Hermann Riede aus Kassel eine Straße baut, muss Geschäftsführer Ulrich Linß erst mal einen Rundruf starten: Deponie für Deponie muss er abklappern, bis er Lkw mit Ladungen los wird. Die mit Steinen vermischte ausgebaggerte Erde bereitete den Firmen früher keine Probleme. "Da hat man den Boden auf einen Lkw geladen und zur nächsten Kippe gefahren", sagt Linß.

Die Zeiten sind vorbei. Nicht nur, weil jetzt genaue Regeln einzuhalten sind und die jeweilige chemische Zusammensetzung des Aushubs geklärt werden muss.

Massive Engpässe in ganz Hessen

Hinzu kommt: Die Deponien, die den Bodenaushub annehmen können, werden immer weniger. Die anderen seien schlichtweg voll, sagt Burkhard Siebert vom Bauindustrieverband Hessen Thüringen.

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Situation in Deutschland und Hessen

Laut Bundesregierung fallen an Bodenaushub in Deutschland 222 Millionen Tonnen an (Stand 2016. Das ist mehr als die Hälfte der Gesamtmenge an Abfall. Vor zehn Jahren gab es noch 35 Deponien für Bodenaushub in Hessen. 2016 waren es nur noch 20.

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Siebert wundert sich, dass im Landtagswahlkampf die Themen Wohnungsbau und Infrastruktur eine große Rolle spielten, die Entsorgung des anfallenden Aushubs aber kaum Aufmerksamkeit bekamen. "Die Anforderungen an die Deponien steigen."

Bodenaushubentsorgung betrifft viele

Das Thema betrifft nicht nur große Baubetriebe, sondern auch Hausbauer. Alleine beim Bau eines Einfamilienhauses mit Keller fielen für die Entsorgung von Bodenaushub circa 40.000 bis 50.000 Euro an, rechnet Linß vor. "Im Jahr 2010 waren das schätzungsweise noch 10.000 Euro."

Linß‘ Firma baut auch kommunale Straßen. Auch dort müsse inzwischen sehr viel mehr Geld für die Entsorgung von Bodenaushub ausgegeben werden, erklärt er. Geld, das am Ende die Steuerzahler aufbringen müssen. Ein Faktor, der die Kosten so massiv steigen lässt: die enorm weiten Wege zu den entsprechenden Deponien.

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Verbände schlagen seit Jahren Alarm

Land auf Land ab fahren Lastwagen Bodenabfall durch Hessen und auch über die Landesgrenzen hinaus. "Bei bestimmten Kontaminierungen fahren wir aber auch mal 200 Kilometer bis nach Nordrhein-Westfalen oder in die neuen Bundesländer", sagt Geschäftsführer Linß.

Im Jahr 2016 waren in Hessen laut dem Verband baugewerblicher Unternehmer 15,3 Millionen Tonnen Bodenaushub zu entsorgen. Schon vor drei Jahren schlugen Verbände der Branche Alarm: Angesichts des Notstands müsse die Politik handeln. Die Regelungen seien nicht nur von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich, sondern auch zu kompliziert, sagt Burkhard Siebert, Hauptgeschhäftsführer des Bauindustrieverbands Hessen Thüringen. "Wir schätzen die Lage als dramatisch ein."

Das hessische Umweltministerium sieht die Lage nicht ganz so dramatisch. Die Zahl der Deponien habe zwar in den vergangenen 20 Jahren deutlich abgenommen, heißt es auf Anfrage. Die Entsorgungskapazitäten seien aber noch für mindestens zehn Jahre gesichert. Allerdings zeichne sich die Notwendigkeit der Schaffung zusätzlicher Deponiekapazitäten ab, räumt das Ministerium ein. Auch bei den Deponien für gering belastete Abfälle bestehe Handlungsbedarf.

Mineralwasser macht's teurer

Viel helfen würde bis dahin nach Einschätzung von Verbands-Hauptgeschäftsführer Siebert ein Register, in dem zu sehen ist, welche Deponie für welchen Abfall noch Kapazitäten hat. Das würde unnötigen "Aushub-Tourismus" beenden, sagt er. Auch Tiefbau-Unternehmer Linß hat noch einen Wunsch. Er fordert mehr "Pragmatismus" von Politik und Behörden. Unbelasteten Boden könne er für ungefähr fünf Euro die Tonne verkippen. Schütte er aber Mineralwasser auf diesen Boden, gelte dieser theoretisch schon nicht mehr als unbelastet: "Dann müsste ich ihn für ungefähr zwölf Euro die Tonne entsorgen!" Das sei nur schwer zu verstehen.

Der Verband der Bauindustrie will aber auch die Bauherren in die Pflicht nehmen. Sie müssten sich darum kümmern, dass der Erdaushub insgesamt weniger werde - vor allem durch Wiederverwertung. Da kann auch das Umweltministerium zustimmen: "Allein die Schaffung von mehr Deponieraum ist auch keine nachhaltige Antwort auf die zu lösenden Entsorgungsfragen."