Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Bau der Wasserstoff-Tankstelle für Züge beginnt

Wasserstofftank auf dem Gelände der Tankstelle in Wiesbaden.

In Frankfurt-Höchst können Züge demnächst mit Wasserstoff betankt werden. Sie wird Anlaufstelle sein für die weltweit größte Flotte von Zügen mit Brennstoffzellen.

Es ist nur ein unscheinbares Zelt an den Gleisen, doch im Industriepark Frankfurt-Höchst begann am Montag ein wichtiges Kapitel künftiger Mobilität im Rhein-Main-Gebiet. In gut zwei Jahren, im Dezember 2022, soll hier der Regelbetrieb der weltweit größten Flotte von Personenzügen beginnen, die mit Brennstoffzellen emissionsfrei angetrieben werden.

Der dafür notwendige Wasserstoff ist in dem Chemiewerk der früheren Hoechst AG reichlich vorhanden, so dass es nun noch einer eisenbahntauglichen Tankstelle bedarf, um die insgesamt 27 bestellten Züge regelmäßig zu befüllen. Die Gleise führen am Gelände entlang.

"Hessen ist Schrittmacher auf dem Weg in eine klima- und umweltfreundliche Mobilität", sagt der aus Wiesbaden zum Spatenstich angereiste Wirtschafts-Staatssekretär Jens Deutschendorf (Grüne) mit Blick auf das Projekt "Taunus-Netz". Das sind vier Nebenstrecken des Rhein-Main-Verkehrsverbundes (RMV) rund um Frankfurt, auf denen derzeit mangels Oberleitungen noch Diesel-Triebwagen unterwegs sind.

Mit einer Tankfüllung bis zu 1.000 Kilometer

Künftig sollen diese Aufgabe die Brennstoffzellenzüge vom Typ "Coradia iLint" übernehmen, die der französische Hersteller Alstom in Salzgitter montiert und bereits im niedersächsischen Bremervörde auf die Schienen gestellt hat. Wie ihre Dieselbrüder können die Wasserstoff-Triebwagen mit einer Tankfüllung bis zu 1.000 Kilometer weit fahren, verspricht Alstom-Deutschland-Chef Jörg Nikutta.

Oberleitungen brauchen die Züge nicht. In den Brennstoffzellen an Bord reagiert Wasserstoff sauber mit Sauerstoff. Es entstehen Wärme, Strom für die Motoren und als Abfallprodukt Wasserdampf. Von klimaschädlichen Substanzen wie CO2, Stickoxiden oder Feinstaub ist in diesem Prozess keine Spur. Allerdings muss Wasserstoff, das häufigste chemische Element des Universums, zuvor mit hohem Energieaufwand aus seinen natürlichen Verbindungen gelöst werden.

Erfahrung mit dem Gas reichlich vorhanden

Im Industriepark Frankfurt-Höchst geschieht das bei der Produktion organischer Grundstoffe in der Chlor-Chemie seit mehr als 100 Jahren. Erfahrung mit dem flüchtigen und unter bestimmten Bedingungen explosiven Gas ist also reichlich vorhanden. Bislang wurde es beispielsweise zur Produktion von Agrardünger weiter verwendet oder schlicht verheizt. Seit 2006 beliefert Infraserv auch eine öffentliche Wasserstofftankstelle am Werkstor für eine kleine Busflotte und die noch sehr überschaubare Zahl von privaten Brennstoffzellen-Autos.

Zur Chlor-Alkali-Elektrolyse wird am Main zunächst sehr viel fossile Energie aufgewendet, weswegen der so gewonnene "graue" Wasserstoff bislang nicht als klimaneutral gelten kann. Würde ausschließlich Wind- oder Solarenergie eingesetzt, erhielte man "grünen" Wasserstoff.

Kostenpunkt: rund 500 Millionen Euro

Infraserv-Geschäftsführer Joachim Kreysing zeigt sich offen, perspektivisch auch diesen Teil des Weges mitzugehen. Der Einsatz regenerativer Energie sei zudem bei dem als Wasserstoff-Backup eingeplanten Elektrolyseur mit 5 Megawatt Leistung möglich. Mit diesem Gerät kann Wasser unter hohem Stromeinsatz in seine Bestandteile Sauerstoff und Wasserstoff gespalten werden.

Insgesamt investiert Infraserv einen niedrigen zweistelligen Millionenbetrag in Tankstelle und Elektrolyseur, das gesamte Projekt samt der Züge kostet rund 500 Millionen Euro. Die Mehrkosten im Vergleich zu konventionellen Zügen federn Bund und Land mit Fördermitteln ab.

"Sonst hätten wir das Projekt nicht machen können", lobt RMV-Chef Knut Ringat die politischen Entscheider. Die Züge sind leiser als ihre Vorgänger und natürlich mit allem zeitgemäßen Komfort einschließlich W-LAN ausgestattet.

Sendung: hr-iNFO, 26.10.2020, 9.00 Uhr