Kombo Bensheim
In Bensheim fühlen sich junge Erfinder und Festival-Fans aller Altersgruppen gleichermaßen wohl. Bild © hessenschau.de

Nachwuchs-Schmiede für Daniel Düsentriebs und ein Festival, das fröhlich mit dem Thema Tod umgeht: Im südhessischen Bensheim kommen Schnaps- und Chipstüten-Ideen groß raus. Unser Innovations-Check.

Innovative Orte in ganz Hessen machen den Alltag ihrer Bewohner mit ausgefallenen Ideen lebenswerter und könnten damit vielen als Vorbild dienen. hessenschau.de und hessenschau waren im ganzen Bundesland unterwegs und haben dabei unter anderem eine wasserstoffbetriebene Chipstüte und die kleinste Großstadt Hessens entdeckt. Immer mit dabei: Umwelttipps für Jedermann. Heute im Innovations-Check: Bensheim (Bergstraße).

Ortsbesuch: Bensheim

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Wein und schönes Wetter. Auf diese beiden Schlagworte trifft man bei der Beschreibung des beschaulichen Ortes Bensheim recht schnell. "Das hier ist schließlich die Toskana Hessen", erklärt Pressesprecher Matthias Schaider im Gespräch mit hessenschau.de.

Eingerahmt von Weinbergen liegt die 42.000-Einwohner-Gemeinde ziemlich genau auf halber Strecke zwischen Frankfurt und Heidelberg und lädt zum Wandern, Schlemmen und Verweilen ein. Doch die Stadt kann mehr als Dolce Vita.

Aus Chips-Tüte wird Boot

Denn Bensheim ist nicht nur Ausflugsziel für Freunde edler Tropfen, sondern auch Anlaufstelle für Hessens Hochleistungs-Schüler. Erst im Februar trafen sich 16 angehende Einser-Abiturienten zum 24. Erfinderlabor des ortsansässigen Zentrums für Chemie (ZFC) und widmeten sich eine Woche lang der Forschung. "Dort ging es um die Brennstoffzellen-Technologie", beschreibt Thomas Schneidermeier, ZFC-Vorstand und Lehrer am Bensheimer Goethe-Gymnasium. "Das ist schick: Damit kann man umweltfreundlich Auto fahren oder Boote betreiben."

Statt jedoch ein herkömmliches Gummi- oder Paddelboot zu bauen, entwickelten die Nachwuchs-Daniel-Düsentriebs einen schwimmfähigen Untersatz aus Alltagsmaterialien. "Sie haben eine Chipstüte und Gummibänder bekommen. Als Antrieb diente eine Elektrolysezelle", sagt Schneidermeier. Wasserstofftank, Schiffsschraube und Rumpf mussten selbst konzipiert werden. "Und das haben alle geschafft."

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Drei Labortage später stachen sechs funktionsfähige Modelle zur Jungfernfahrt in eine kleine Regenrinne, im August sollen sie auf dem Vogel-der-Nacht-Festival im Rahmen der hessenschau-Sommertour einem breiten Publikum präsentiert werden. "Wir wollen den Schülern zeigen, welche Berufsoptionen sie haben und neue Technologien mit Ressourceneffizienz verbinden." Die Zukunft beginnt in Südhessen.

Aus Picknick wird Festival

Aber auch die Bensheimer Gegenwart kann sich dank einer Geschichte aus der Vergangenheit bereits mehr als sehen lassen. Hauptfigur ist Harry Hegenbarth, der im Frühsommer 2005 biertrinkend und verliebt im Stadtpark lag und spontan einen Wunsch äußerte: "Wie toll wäre das eigentlich, wenn unten auf der Wiese jetzt eine Band spielen würde?"

Ein paar Wochen später fuhr Hegenbarth mit einem VW-Bus vor, baute eine kleine Bühne auf und veranstaltete ohne es zu wissen die erste Ausgabe eines Festivals. "Es sollte romantisch werden, ich wollte eigentlich nur meine Freundin mal richtig beeindrucken", sagt er knapp 13 Jahre später. Mit seiner Lebensgefährtin ist er noch immer liiert und hat inzwischen drei Kinder, "Vogel der Nacht" findet in diesem Sommer zum 14. Mal statt. Aus einem einzelnen Konzert ist ein mehrtägiger Event geworden.

Vom 30. Juli bis zum 5. August sorgen auch in diesem Jahr jede Menge Bands und Künstler für den kulturellen und musikalischen Höhepunkt der Stadt. Der Eintritt ist frei, das Publikum ganz jung bis ganz alt, die Finanzierung zum größten Teil die Sache von Hegenbarth selbst. Ein Plus gibt es selten, die Getränkeeinnahmen müssen rund drei Viertel des Budgets decken.

Den Rest erledigen Sponsoren. "Wenn’s regnet, habe ich ein Problem." Da genau das im vergangenen Jahr passierte, wurde das Festival spontan um drei Tage verlängert, viele Musiker traten einfach noch mal zum Nulltarif auf. "So etwas Verrücktes geht nur hier." Ein unkonventionelles Festival mit einem unkonventionellen Erfinder.

Aus Tabuthema wird Grund zum Feiern

Noch bemerkenswerter ist allerdings der Umgang des Festivals mit dem Thema Tod. Da der Stadtpark in unmittelbarer Nähe eines Hospizes liegt und sich die Einrichtung mit einem Essensstand aktiv an der Veranstaltung beteiligt, schauen auch immer wieder Bewohner vorbei. "Dann sitzen die hier und du weißt, dass die morgen vielleicht nicht mehr da sind. Während wir hier unser lebensfrohes Ding durchziehen", so Hegenbarth. Eine ungewöhnliche Kombo, aber eine Kombo, die funktioniert. "Das ist hier völlig normal, wir machen da sogar Späße drüber. Nur so geht das."

Neben der kurzfristigen Verbreitung von guter Laune bewirkt das Festival aber auch eine nachhaltige Verbesserung. "Weil wir keinen Eintritt nehmen, stehen wir am Ende des Abends an den Ausgängen und bitten die Leute, es etwas klimpern zu lassen", erklärt Hegenbart sein Konzept des „freiwillig aufgezwungenen Austritts“. Heißt: Jeder Besucher schmeißt beim Verlassen des Geländes einen kleinen Beitrag in ein Sparschwein, der Erlös kommt komplett dem Hospiz zu Gute.

In diesem Jahr könnten wieder rund 10.000 Euro zusammenkommen, die Gesamt-Spendensumme der vergangenen Jahre könnte dann die 100.000-Euro-Marke knacken. "Viele Leute kommen zudem durch uns auf die Idee, dem Hospiz im Nachhinein etwas zu schenken, das ist eine schöne Nummer." So geht innovative Öffentlichkeitsarbeit.

Das finden wir gut

Schlaue Schüler mit Erfindergeist, ein außergewöhnliches Festival und fröhliche Hospiz-Bewohner. Die südhessische Stadt Bensheim beweist, dass sie mehr kann als Wein und gutes Wetter. Dinge ausprobieren, Dinge durchziehen und Dinge einfach mal mutig  kombinieren. Wie Chipstüten mit Wasserstoffantrieb oder Tod mit Lebensfreude. Klingt erst einmal seltsam, führt aber zu bemerkenswerten Ergebnissen. Innovations-Check mit Bravour bestanden.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 30. Juli 2018, 19:30 Uhr