Jesberg Bikes
E-Lastfahrräder statt Autos: So sieht die Zukunft von Jesberg aus. Bild © Vorfahrt für Jesberg

Im nordhessischen Jesberg wird gerne geteilt. Es gibt Fahrzeuge und Mitfahrgelegenheiten für jeden, selbst Einkaufen und Müll wegbringen muss niemand alleine. Das hilft auch Flüchtling Zahid. Unser Innovations-Check.

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Innovative Orte in ganz Hessen machen den Alltag ihrer Bewohner mit ausgefallenen Ideen lebenswerter und könnten damit vielen als Vorbild dienen. hessenschau.de und hessenschau waren im ganzen Bundesland unterwegs und haben dabei unter anderem eine wasserstoffbetriebene Chipstüte und die kleinste Großstadt Hessens entdeckt. Immer mit dabei: Umwelttipps für Jedermann. Heute im Innovations-Check: Jesberg (Schwalm-Eder).

Ortsbesuch: Jesberg

Lastwagen und Kraftfahrzeuge gibt es in Jesberg mehr als genug. Die einen kommen, weil der kleine Ort auf halber Strecke zwischen Marburg und Kassel liegt und von der B3 durchkreuzt wird. Die anderen sind da, weil viele der 1.200 Bewohner wohl eher zur Gemütlichkeit neigen und schon kleine Strecken mit dem eigenen Auto zurücklegen. Was sowohl Lkw- als auch Pkw-Fahrer dabei verpassen: Das Dorf am Rande des Kellerwald-Edersee-Naturparks hat mehr zu bieten als glühenden Asphalt.

Shopping mit dem E-Lastenfahrrad

Damit das alle merken, sollen die Straßen des nordhessischen Ortes fortan klüger genutzt werden. Zu Beginn des Jahres 2016 gründete sich der Verein Vorfahrt für Jesberg, der die Mobilität verbessern und den zunehmenden Bevölkerungsschwund bremsen will. "Die schlechten Verkehrsbedingungen führten dazu, dass immer mehr Menschen hier weggezogen sind", erklärt Vorstand Michael Schramek die Beweggründe.

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Rund zwei Jahre später sind in Jesberg klare Veränderungen erkennbar. Beim ortseigenen Car-Sharing können die Anwohner zwischen einem Elektro-Smart, einem Caddy und einem Neun-Sitzer wählen, zusätzlich gibt es ein E-Lastenfahrrad für Einkäufe und drei E-Bikes.

Ein E-Bike als Klappfahrrad fährt Michael Schramek vom Verein "Vorfahrt für Jesberg".
Ein E-Bike als Klappfahrrad fährt Michael Schramek vom Verein "Vorfahrt für Jesberg". Bild © hessenschau.de

Mit Fortbewegungsmitteln für die Allgemeinheit soll so nach und nach der Bestand an eigenen Fahrzeugen minimiert und das Bewusstsein für Umwelt und Nachhaltigkeit gestärkt werden. "Hier läuft niemand, viele Eltern holen ihre Kinder sogar mit dem Auto von der Bushaltestelle ab. Dabei sind die Orte ja wirklich nicht groß", so Schramek. "Das eigene Auto ist oft heilig."

Dass es auch anders geht, beweist vor allem das Car-Sharing. Statt neue Pkws anzuschaffen, bedient sich Jesberg an den ohnehin vorhandenen Mobilen. "Wir schauen, wer ein Auto hat, das er nicht regelmäßig braucht", so Schramek, der mit dieser Methode Erfolg hat: Das Elektroauto ist eine Leihgabe der ortsansässigen Bank, der Kleinbus gehörte vorher einer Jesberger Familie. Jetzt darf sich jeder für einen erschwinglichen Unkostenbeitrag bedienen. Teilen als Erfolgsrezept.

Mitfahrbänke

Da es jedoch auch in Jesberg Menschen gibt, die nicht selbst fahren können oder wollen, gibt es auch dafür eine innovative Lösung. Wer innerhalb der Gemeinde zwischen den insgesamt sechs Ortsteilen hin- und herreisen will, muss sich dafür lediglich auf eine der zahlreich im Dorf aufgestellten Mitfahrbänke setzen und mittels eines drehbaren Schildes das gewünschte Fahrtziel anzeigen. Mit etwas Glück wird er dort dann innerhalb weniger Minuten von einem vorbeifahrenden Pkw eingesammelt und mitgenommen. "Es gibt zwar auch Busse. Die fahren aber nicht wirklich oft", so Schramek. "Mit den Bänken geht das deutlich schneller."

Eine einfache Idee mit großer Wirkung, die auch beim Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) gut ankommt. "Das ist genial. Die Leute im Ort kennen sich ja, so hilft man sich gegenseitig", lobt Andrea Graf vom BUND-Landesverband Hessen. Das Jesberger Projekt schont die Umwelt und den Geldbeutel, nebenbei wird der nachbarschaftliche Zusammenhalt gestärkt. "Der Mobilitätsaspekt wird genauso abgedeckt wie der Klimaschutzaspekt", so die BUND-Sprecherin. "Der soziale Aspekt kommt dann noch dazu."

Als weitere Goodies für Bewohner mit eingeschränkter Mobilität werden ein Abholservice von Gartenmüll, ein Lieferdienst von Lebensmitteln sowie ehrenamtliche Fahrdienste für Ältere angeboten. Eine Schlüsselfigur dieser Dienste ist Zahid Kahn, ein Flüchtling aus Pakistan. Der 25-Jährige ist seit zweieinhalb Jahren in Jesberg und dank der von ihm ausgeführten Fahrten inzwischen nicht mehr wegzudenken. "Er bringt sich unglaublich ein", so Schramek. "Er ist im Dorf bekannt, als jemand der hilft."

Integration durch Mobilität

Und so sorgt das Mobilitäts-Projekt nebenbei noch für vorbildliche Integration. "Ich kenne hier alle, jeder kennt mich. Wenn jemand Hilfe braucht, komme ich vorbei", erzählt Kahn, der seine Wege in und um Jesberg natürlich auf dem E-Bike oder dem E-Lastenfahrrad zurücklegt. Einmal kurz zum Wertstoffhof, im Supermarkt Kleinigkeiten besorgen oder aufs Auto umsteigen und betagtere Jesberger zu Terminen fahren. All das ist Teil seines Aufgabengebiets. "Ab und zu spiele ich auch mit den Kids Fußball oder unterstütze im Kindergarten."

Zahid Jesberg
Der Verein "Vorfahrt für Jesberg" mit Zahid (Mitte) setzt sich für Mobilität ein. Bild © hessenschau.de

Irgendwann wieder weg aus Jesberg in eine größere Stadt? Das will Kahn, der dank des ständigen Austauschs beachtlich gut Deutsch spricht und bald eine Ausbildung zum Elektriker beginnen will, nicht mehr. "Mir gefällt es sehr gut, alle sind nett zu mir. Ich helfe allen, alle helfen mir", sagt er. "Das ist in Jesberg alles ein Geben und Nehmen." Eine Win-Win-Situation, ähnlich wie beim Car-Sharing.

Das finden wir gut

Die Umwelt schützen, teilen lernen und dabei auch noch zur Integration beitragen. Der Verein "Vorfahrt für Jesberg" hat mit einer Idee gleich mehrere Verbesserungen angestoßen und damit auch umliegende Gemeinden zum Nachdenken angeregt. Das Modell mit Car-Sharing und E-Bikes hat es bereits in drei weitere Städte geschafft, bei mindestens zwei weiteren haben die Vorbereitungen bereits begonnen. Wir sagen: Daumen hoch.