So sehen die solarbetriebenen Tuk-Tuks aus.
So sehen die solarbetriebenen Tuk-Tuks aus. Bild © Jan Vogel

Solarbetriebene Tuk-Tuks und Solaranlagen auf Spielplätzen, Parkplätzen und Dächern: Die Gemeinde Alheim in Osthessen ist Vorreiter in der Solarenergie und hat schon Preise dafür abgeräumt. Unser Innovations-Check.

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Tuk Tuks

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Innovative Orte in ganz Hessen machen den Alltag ihrer Bewohner mit ausgefallenen Ideen lebenswerter und könnten damit vielen als Vorbild dienen. hessenschau.de und hessenschau waren im Land unterwegs und haben dabei unter anderem solarbetriebene Tuk-Tuks für Tonga, Bio-Bier und eine geplante Insel mit Sandstrand entdeckt. Im Innovations-Check: Alheim.

Zu Besuch in: Alheim

In Alheim (Hersfeld-Rotenburg) wird die Sonne bestens genutzt. Das wird uns beim Spaziergang durch die rund 5.000-Einwohner-Gemeinde schnell bewusst. In den zehn Ortsteilen links und rechts der Fulda sind auf vielen Dächern Solaranlagen angebracht. Der regional erzeugte Stromanteil liegt bei rund 99 Prozent. Die weitestgehend energieautonome Gemeinde setzt dabei auf einen Mix aus Photovoltaik und Solarthermie, zudem wird aus Wasserkraft und Biomasse Energie gewonnen. Dafür wurde sie schon zwei Mal mit dem deutschen Nachhaltigkeitspreis ausgezeichnet.

Bei Kirchner Solar gibt es einen Spielplatz mit Solarmodulen.
Bei Kirchner Solar gibt es einen Spielplatz mit Solarmodulen. Bild © Jan Vogel

Kein Wunder - denn in Alheim sitzt die Kirchner Solar Group GmbH. Das Unternehmen betreibt Solarparks, in die Bürger investieren können. Auch ein großer Bio-Geflügelhof - der Mustergeflügelhof Leonhard Häde - ist da angeschlossen. Hühner haben dort Auslauf unter Schutzdächern, die mit Photovoltaikanlagen ausgestattet sind. So kann der Betrieb seinen eigenen Ökostrom produzieren. Auf der Suche nach Innovationen sind wir aber nicht nur auf Bürgersolarparks, sondern auch eine originelle Erfindung gestoßen.

Solarbetriebene Tuk-Tuks für Tonga

Da kommt Urlaubsstimmung auf: Im Hof von Kirchner Solar stehen Tuk-Tuks unter einem großen Solar-Carport. Es handelt sich aber nicht um die wackligen Gefährte, die der ein oder andere aus Thailand kennen mag. Die Tuk-Tuks sind solarbetrieben und werden extra für Tonga hergestellt. Eine Insel mitten im Pazifik, nah der Fidschi Inseln, auf der sonst vor allem ausgemusterte Spritfresser unterwegs sind.

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Es gibt verschiedene Modelle: Eines der Tuk-Tuks soll zum Beispiel in Tonga Fahrgäste transportieren, das benutzt ein Taxi-Unternehmen. Zudem testet eine Bäckerei eines der Gefährte aus Alheim. "Auch die tongalesische Post benutzt ein Tuk-Tuk mit Transportpritsche", berichtet Carl-Hubertus Lederle, Prokurist bei der Kirchner Solar Group. Für Fischer gibt es ein Tuk-Tuk, an dem ein Kühlwagen dran hängt, um die Ware frisch zu halten. Die Fischer wurden zusätzlich mit einem Elektroboot ausgestattet.

Tonga ist erst der Anfang

Aber was in aller Welt hat Alheim mit Tonga zu tun? Prokurist Lederle erklärt es: "Wir haben eine Kooperation mit der Deutschen Investitions- und Entwicklungsgesellschaft (DEG). Und diese hat Tonga vorgeschlagen." Mittlerweile gibt es dort schon acht solarbetriebene Tuk-Tuks aus Alheim im Testbetrieb. Diese wurden in Einzelteilen per Schiff dort hin gebracht. "Unsere Leute haben die Fahrzeuge dann vor Ort zusammengebaut. In den Fahrzeugen befinden sich Tracker, um zu schauen ob sich das wirtschaftlich lohnt", erklärt Lederle.

Das Tuk-Tuk mit Kühlwagen kann zum Beispiel von Fischern benutzt werden.
Das Tuk-Tuk mit Kühlwagen kann zum Beispiel von Fischern benutzt werden. Bild © Susanne Mayer/hr

Für den Prokuristen ist Tonga nur der Anfang. Es gebe schon Anfragen für tausende dieser Gefährte, etwa aus Großstädten in Entwicklungsländern. "Es muss aber erstmal weiter getestet werden", so Lederle. "So kann man die Tuk-Tuks noch nicht auf die Straße lassen."

Royal-Faktor: Der König von Tonga in Alheim

Als die Tuk-Tuks eingeführt wurden, bekam Alheim royalen Besuch: der König aus Tonga reiste persönlich an. "Das war erlebnisreich", erinnert sich Alheims Bürgermeister Georg Lüdtke (SPD). Dass Produkte aus Alheim über den Pazifik geschippert werden, freut ihn. "Wir sind glücklich und zufrieden, dass die Kirchner Solar Group zum jetzigen Zeitpunkt noch als Holding auftritt – und in sechs Staaten dieser Welt Betriebsstandorte besitzt." Auf der wunderschönen Insel Tonga sei eine kleine Niederlassung mit einem Solarpark. Betreut werde er von einem Mitarbeiter aus Alheim.

Umwelt: Bürger investieren in Solarparks

Solarparks sind auch das, für was Kirchner Solar bekannt geworden ist. Das Besondere daran ist, dass sich Bürger daran beteiligen können: Privatpersonen kaufen eine Solaranlage und Kirchner Solar betreibt diese für sie. "Die Kunden müssen sich um nichts kümmern, sie bekommen jeden Monat ihren Abschlag von dem Strom, der produziert und eingespeist wird. Es ist eine Investition", sagt Prokurist Lederle. Von den Systemen gebe es mehrere tausend. "Die gehen weg wie warme Semmeln."

Ein Solarsegel kostet etwa 6.000 Euro bis 8.000 Euro. Damit bekommen die Kunden allerdings noch keine Vergütung."Das Wertvolle sind die Module. Da klebt dann per Gesetz eine Vergütung von vielleicht 30 Cent pro Kilowattstunde dran. Das erhöht natürlich den Preis noch mal auf 20.000 Euro bis 30.000 Euro", erklärt der Prokurist.

Die Bürgersolarparks sind über Hessen, Thüringen und Sachsen verteilt – weil sie vorwiegend Bürgern aus der Region gehören. Das Unternehmen versucht laut Lederle, die Landschaft nicht mit Solaranlagen zuzupflastern. "Bei Amazon in Bad Hersfeld haben wir zum Beispiel den ganzen Parkplatz mit den Anlagen bestückt, so dass man darunter parken kann und oben wird der Strom produziert." Auf ihrem eigenen Gelände nutzt die Kirchner Solar Group Solarmodule zum Beispiel auch auf einem Spielplatz oder auf Carport-Dächern.

Vision: Kunden sollen erzeugten Strom selbst nutzen

Die Vision des Unternehmens ist, dass die Kunden in Zukunft den Strom aus ihren Anlagen auch selbst nutzen können. Dazu sollen Anlagen virtuell zusammengeschaltet werden. Derzeit läuft der Strom "nur" ins Netz und wird für alle eingespeist.

So erfolgreich und innovativ wie vor ein paar Jahren steht die Solarbranche allerdings nicht mehr da. Hatte Kirchner Solar zu Spitzenzeiten 250 Arbeitsplätze in Alheim, sind es heute weltweit 300 und vor Ort momentan nur noch 40. Die Hochzeiten sind also auch dort vorbei. Bürgermeister Lüdtke bedauert das, sagt aber auch: "Wir sind trotzdem froh, dass wir hier ein Unternehmen in dieser Branche haben, das die Gemeinde Alheim auf ihrem energieautarken Weg begleitet hat."

Fazit: Das finden wir gut

Ob auf dem Hühnerhof oder dem Parkplatz: Die Idee, mit Hilfe von Solaranlagen selbst für umweltfreundlichen Strom zu sorgen, gefällt uns gut. Und das nicht nur im Sinne der Energiewende, sondern auch aus wirtschaftlicher Sicht: In Alheim verdient nicht nur das ansässige Solar-Unternehmen an den Anlagen, sondern auch die Bürger, die investieren. Unser persönliches Highlight sind aber natürlich die solarbetriebenen Tuk-Tuks, die wir ausprobieren durften – schade, dass es sie bislang nur in Tonga und nicht in heimischen Gefilden gibt.