Ulrichstein Innovationscheck
Hier entsteht der rund 200 Meter tiefe Brunnen. Bild © hessenschau.de

In Ulrichstein herrscht immer wieder Trinkwasser-Knappheit. Auch in diesem Sommer. Um nicht wieder auf dem Trockenen zu sitzen, versuchten die Mittelhessen etwas, was viele Wissenschaftler für Hokuspokus halten. Unser Innovations-Check.

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Innovative Orte in ganz Hessen machen den Alltag ihrer Bewohner mit ausgefallenen Ideen lebenswerter und könnten damit vielen als Vorbild dienen. hessenschau.de und hessenschau waren im Land unterwegs und haben dabei unter anderem solarbetriebene Tuk-Tuks für Tonga, Bio-Bier und eine geplante Insel mit Sandstrand entdeckt. Im Innovations-Check: Ulrichstein.

Ortsbesuch: Ulrichstein

Wer nach Ulrichstein (Vogelsberg) reisen will, muss hoch hinaus. Der staatlich anerkannte Erholungsort mit neun Ortsteilen und insgesamt rund 3.000 Einwohnern liegt auf 604 Metern und ist damit offiziell die höchstgelegene Stadt Hessens. Das beliebteste Ausflugsziel im Dorfzentrum ist Deutschlands erstes Naturbadebiotop. Ein kleiner See, der dank geschickt angelegter Pflanzenwelt die Wasseraufbereitung selbst übernimmt und somit zum umweltfreundlichen Planschen einlädt. Sauberes Wasser, ohne chemische Zusätze oder andere Hilfsmittel. Wenn das doch überall im Ort so einfach wäre.

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Das erste Naturbadebiotop Deutschlands befindet sich in Ulrichstein. Bild © hessenschau.de

Das Problem: Wassermangel

Die exponierte Lage und die anhaltende Trockenheit in den vergangenen Jahren haben nämlich auch ihre Schattenseiten. "Die Schürfquellen sind versiegt", bringt Bürgermeister Edwin Schneider (parteilos) das Problem im Gespräch mit hessenschau.de auf den Punkt. Die insgesamt sieben im Oberwald gelegen Wasserquellen sind ausgetrocknet. Kein Wasser im Brunnen heißt: kein Wasser aus dem Hahn. Erstmals traten diese Folgen der Dürre im Jahr 2016 auf, im vergangenen Sommer ging dann gar nichts mehr: "Wir waren fünf Monate auf Wasser aus Tanklastern angewiesen", so Schneider.

Die Oldschool-Lösung: Brunnen oder teure Leitung

Da das Ankarren des flüssigen Guts aber kein Dauerzustand sein sollte, suchten Schneider und seine Kollegen nach dauerhaften Lösungen. Der Masterplan eines neuen Brunnens scheiterte schon 2016 daran, dass Geologen zwar tief im Erdreich Wasservorräte vermuteten und eine 120-Meter-Bohrung anordneten. Sie fanden dort dann aber außer Erde und Steinen nichts. "Da war kein Wasser", fasst Schneider das Ergebnis der Suche zusammen. Die Alternative: eine Versorgungsleitung zum Hochbehälter im nahegelegenen Helpershain. Diese würde zwar garantiert Wasser liefern, die Rechnung von knapp 600.000 Euro aber auch nicht für übersprudelnde Freude sorgen.

Die innovative Lösung: Suche nach tektonischen Störungen

Die vermeintliche Erleuchtung erfuhren die auf dem Trockenen sitzenden Ulrichsteiner dann ausgerechnet auf dem heimischen Fernsehsessel. "Wir haben einen Beitrag zu einem ähnlichen Problem im bayrischen Wald gesehen", berichtet Schneider. Die dort bohrende Firma mit dem Namen Retagg Solutions setzte bei der Wassersuche auf eine innovative Methode. Statt einer Wünschelrute oder hydrogeologischen Übersichtskarten kamen dort hochempfindliche Messgeräte und die sogenannte Resonanzseismik zum Einsatz. "Die haben nach tektonischen Störzonen gesucht", übersetzt Schneider. Doch was heißt das genau?

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Wie funktioniert das?

"Wir lösen eine kleine Schwingung des Bodens aus, ähnlich wie bei einem Fußtritt, und können dann in Echtzeit messen, was damit in mehreren tausend Metern Tiefe passiert", erklärt Andreas Hoffmann von Retagg in Geophysi. Konkret bedeutet das, dass eine Art Schallwelle ausgelöst und dann die Reaktion des Bodens gemessen wird. Eine massive Gesteinsschicht sendet andere Signale zurück als brüchiger Fels. Das Ziel der Begierde sind unterirdische Risse, durch die sich Wasser nach oben drückt. "Und dort ist zu 98 Prozent frei verfügbares Wasser", so Hoffmann. Geologen halten diese Methode allerdings für Hokuspokus.

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Die Bohrung sorgt im Dorf für großes Aufsehen. Bild © hessenschau.de

Hat’s geklappt?

Die Realität gibt jedoch vorerst Hoffmann Recht: "Haben Sie Ihre Kamera dabei? Das Wasser läuft", sagte Bürgermeister Schneider beim Ortsbesuch Ende Mai zur Begrüßung. Nachdem wie vorhergesagt bereits bei 20, 31, 53, 70 und 90 Metern Tiefe kleinere Wasserblasen entdeckt worden waren, stießen die Forscher bei 136 Metern auf die erste größere Menge. Folge: Knapp fünf Liter fließendes Wasser pro Sekunde und damit genug für ganz Ulrichstein. 

Richtig lange währte die Freude jedoch nicht, schon Anfang August ließ der Druck aus der Leitung deutlich nach. "Jetzt haben wir nur noch knapp zwei Liter, das ist zu wenig", so Schneider, der die Frage nach der Zufriedenheit mit einem "jein", beantwortete. Heißt: Seit vergangenem Donnerstag wird nachgebohrt, dieses Mal bis auf 200 Meter.

Unser Fazit:

Trotz aller Expertenzweifel hielten die Innovatoren Wort und schafften das, was Geologen zuvor vergeblich versuchten: Sie fanden Wasser. Ob die Menge dann tatsächlich reicht, wird sich zeigen müssen. Zumindest die Zeit der Tanklaster scheint in Ulrichstein aber erst einmal vorbei zu sein.