Teilchenbeschleuniger im Marburger Ionenstrahl Therapiezentrum
Ein gigantischer Teilchenbeschleuniger bringt die Partikel, mit denen Patienten beschossen werden, auf 70-prozentige Lichtgeschwindigkeit. Bild © picture-alliance/dpa

Es war eines der Leuchtturmprojekte der Regierung Koch: Jetzt ist das Marburger Ionenstrahl-Therapiezentrum pleite - vielleicht aber nicht verloren.

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Die örtliche SPD-Landtagsabgeordnete zeigt sich "sehr schockiert". Die Linke spricht von einer "Pleiten-Pech-und-Pannen-Geschichte", Bedauern bei der Landesregierung, Mahnungen bei der FDP: Die Insolvenz des Marburger Tumor-Therapiezentrum (MIT) hat wenige Wochen vor der Landtagswahl am Freitag das politische Wiesbaden aufgewühlt.

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Ionenstrahltherapie

Bei der Ionenstrahltherapie werden Tumore mit Kohlen- und Wasserstoffionen beschossen. Diese Ionen können gesundes Gewebe durchdringen, ohne dort Schaden anzurichten. Das ist ein großer Vorteil bei der Behandlung von Tumoren, die tief im Körper sind oder sich in besonders empfindlichen Regionen befinden. Deutschlandweit wird die Ionenstrahltherapie nur in Marburg und Heidelberg angeboten.

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Die Insolvenzanmeldung führe zu einer "bitteren Bestätigung", dass die Privatisierung und der Verkauf des Uniklinikums Gießen-Marburg ein großes Desaster seien, sagte die Marburger SPD-Landtagsabgeordnete Handan Özgüven. Ins gleiche Horn blies auch die Linke: "Einmal mehr zeigt sich, dass sich die Versprechen der Landesregierung in Luft auflösen", so der Linken-Landtagsabgeordnete Jan Schalauske.

Die FDP mahnte: "Wir halten es für wichtig, dass die Partikeltherapie erhalten bleibt", sagte Fraktionschef René Rock. Die Frage sei, wie nun für Patienten die lebenswichtige Therapie weitergeführt werden könne.

Auch das von der CDU geführte Wisssenschaftsministerium zeigte sich von der Entscheidung überrascht, man habe darauf allerdings keinen Einfluss, hieß es in einer Mitteilung. Wissenschaftsminister Boris Rhein (CDU) betonte, die Versorgung der Patienten habe Priorität, der klinische Betrieb solle möglichst fortgeführt und die spezielle Behandlungsmethode weiterhin in Marburg angeboten werden. Es gebe auch bereits entsprechende Gespräche zwischen dem Ministerium und den Betreibern.

Es fehlen vier Millionen Euro

Am Freitag war bekannt geworden, dass die Betriebsgesellschaft des MIT bereits am Mittwoch beim Amtsgericht Heidelberg einen Insolvenzantrag gestellt hatte, dem vorläufig stattgegeben wurde. "Die geringe Auslastung der Anlage hat ein wirtschaftliches Betreiben nicht ermöglicht", sagte eine Sprecherin des Universitätsklinikums Heidelberg, das die Anlage federführend betreibt. Für den kostendeckenden Betrieb fehlten vier Millionen Euro im Jahr, erläuterte der Geschäftsführer der Betreibergesellschaft, Markus Jones.

Nun sei man auf der Suche nach "frischem Kapital". Die Gesellschafter bemühen sich demnach um Investoren und ein Sanierungskonzept unter anderer Trägerschaft. Dementsprechend läuft ein Insolvenzverfahren "zur Sanierung in Eigenverwaltung". Vom medizinischen Verfahren selbst seien Geschäftsführung und behandelnde Ärzte weiterhin überzeugt.

Laut Betreiber können alle Patienten ihre Therapie fortsetzen: in Marburg oder am Heidelberger Ionenstrahl-Therapiezentrum. Seit Herbst 2015 seien 641 Patienten "mit sehr guten Ergebnissen" in Marburg behandelt worden. Rund ein Drittel der Patienten stamme aus anderen Regionen.

Nicht nachzuvollziehen?

An der Betriebsgesellschaft ist das Heidelberger Uni-Klinikum mit rund 75 Prozent beteiligt. Die Rhön-Klinikum AG, der das privatisierte Uniklinikum Gießen-Marburg gehört, hält knapp 25 Prozent der Anteile. Das Unternehmen zeigte sich am Freitag überrascht von dem Insolvenzantrag. Vor dem Hintergrund der bis dahin anderslautenden Informationen zur Situation am MIT "können wir als Minderheitsgesellschafter den Eintritt der Insolvenz nicht nachvollziehen", teilte Rhön mit.

Wie es nun weitergeht am MIT, ist unklar. 38 Mitarbeiter sind dort beschäftigt, sie sind am Freitag über die Insolvenz informiert worden. Von den Betreibern hieß es, die Behandlung der Patienten sei zumindest für die kommenden drei Monate noch in Marburg gesichert.

Die lange Geschichte der Ionenstrahl-Therapie in Marburg

Das Marburger Krebstherapiezentrum war einst ein Leuchtturmprojekt von Ministerpräsident Roland Koch (CDU). Rund 107 Millionen Euro an Steuergeld flossen in das Projekt. Beim Verkauf des zuvor fusionierten Uni-Klinikums Gießen-Marburg an die Rhön-Klinikum AG im Februar 2006 war die Ionenstrahltherapie vertraglich festgeschrieben worden. Doch der neue Eigentümer zeigte zunächst kein Interesse an der Anlage und verkaufte sie für 86 Millionen Euro an den Hersteller Siemens. Der Medizintechnikanbieter betrieb die Anlage danach nur für Forschungszwecke.

Im Jahr 2013 startete die Regierung unter Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) einen neuen Versuch, die Ionentherapie in Marburg zu retten und setzte das Rhön-Klinikum mit Strafzahlungen unter Druck. Im Oktober 2015 nahm das MIT dann tatsächlich seinen Betrieb auf. Die Betreibergesellschaft wollte dort mehr als 700 Patienten im Jahr bestrahlen.

Zuletzt schien das Therapiezentrum auf gutem Weg. Waren bis Ende 2016 rund 170 Tumorpatienten behandelt worden, waren es 2017 schon 284 Menschen. Die wachsenden Patientenzahlen unterstrichen die "positive Entwicklung des MIT", hatte vor wenigen Monaten noch Gunther Weiß gesagt, der Vorsitzende der Geschäftsführung des Uniklinikums Gießen-Marburg. Nun aber droht das endgültige Aus des Therapie-Zentrums.