Deliveroo
Bringdienst mit Fahrrad: Schnell und möglichst billig soll das für Firmen wie Deliveroo und Foodora funktionieren. Bild © Imago

Mit dem Fahrrad liefern sie online bestelltes Essen: die Bringdienst-Mitarbeiter von Deliveroo oder Foodora. Am Freitag protestieren die Fahrer bundesweit gegen ihre Arbeitsbedingungen - auch in Frankfurt. Warum, erklärt ein Organisator im Interview.

Abends von der Couch ist das Lieblingsessen vom Vietnamesen um die Ecke nur ein paar Klicks entfernt - oder doch lieber ein Burger? Lieferdienste wie Foodora und Deliveroo sind mit diesem Service groß geworden. Das Prinzip: Kuriere düsen mit eigenen Fahrrädern durch die Stadt, auf dem Rücken ein großer Kastenrucksack mit Essen von lokalen Restaurants - für Foodora in pinken Outfits, für Deliveroo in türkis.

Am Freitag protestieren die Kuriere bundesweit gegen ihre Arbeitsbedingungen. In Frankfurt wollen sie ab 14 Uhr an der Alten Oper Flyer verteilen und zu einer Kundgebung zusammenkommen.

hessenschau.de hat mit Mitorganisator Patrick Hartleb über den Ärger der Fahrer und den Aktionstag gesprochen.

hessenschau.de: Der Aktionstag richtet sich gegen Essenslieferdienste wie Deliveroo und Foodora. Was sind die größten Probleme der Fahrrad-Lieferanten?

Hartleb: Eines der Probleme ist das Hauptarbeitsmittel, das Fahrrad: In den allermeisten Fällen sind das private Räder, auch der Handyvertrag zur Nutzung der App über die die Aufträge kommen, muss von den Fahrern selbst bezahlt werden.

Der Verschleiß beim Fahrrad ist durch die Lieferfahrten hoch, es geht oft etwas kaputt, und das geht ins Geld. Deliveroo hat erst nach viel Druck von Fahrern eine Verschleißpauschale von 10 Cent pro Luftlinie-Kilometer eingeführt.

hessenschau.de: Was ist mit Unfällen?

Hartleb: Es kommt oft zu Unfällen, dann sind die Fahrer und Fahrerinnen nicht versichert. Die Risiken und Versicherungen müssen sie selbst tragen, sofern sie selbstständig sind.

Sehr problematisch ist die Selbstständigkeit, beziehungsweise die Scheinselbstständigkeit: Viele werden als Selbstständige angeheuert, sind aber nicht mit selbstständigen Unternehmern vergleichbar, weil sie von einer einzigen Firma abhängig sind und nur dafür arbeiten. Es gibt also keine Sicherheiten wie bei einer sozialversicherungspflichtigen Tätigkeit und auch keine Rechte, wie etwa einen Betriebsrat zu gründen.

hessenschau.de: Welche Unternehmen werden besonders kritisiert?

Hartleb: Das System ist bei allen Fahrrad-Lieferservices sehr ähnlich. Europaweit gab es Proteste bei verschiedenen Unternehmen - in Großbritannien etwa ist Deliveroo im Fokus, Proteste gab es auch in Belgien, Spanien und Italien.

Hier in Deutschland gibt es Protestaktionen gegen Foodora und gegen Deliveroo: In Köln gab es einen Betriebsrat bei Deliveroo, aber deren Arbeitsverträge waren befristet und werden nicht verlängert, um sich der Betriebsräte zu entledigen. In Frankfurt gibt es, soweit ich weiß, bei den Lieferservices keinen Betriebsrat.

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Protest in Deutschland - und weltweit

Starken Protest gegen Deliveroo und Foodora in Deutschland gibt es in Köln und Berlin, in Frankfurt sind die Fahrer noch weniger gut vernetzt. Am Freitag wird es auch in Hamburg, Hannover, Dortmund, Bamberg, Nürnberg, Dresden und München Aktionen geben. Aber auch in anderen Ländern demonstrierten Fahrer immer wieder gegen die Arbeitsbedingungen, etwa in Frankreich, Belgien, Niederlande, Australien, Großbritannien oder Hongkong.

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hessenschau.de: Die Unternehmen machen den Fahrern Druck - welche Methoden gibt es?

Hartleb: Die Fahrer erhalten zum Beispiel regelmäßig Leistungs-Feedbacks, in denen sie auch bei angemessener Erfüllung ihrer Aufträge relativ negativ beurteilt werden, und immer zu noch besserer Leistung aufgefordert werden. Außerdem kann man wohl durch eine negative Beurteilung sein Recht auf die Verschleißpauschale wieder verwirken.

Was die Fahrer auch schildern, ist das Strike-System: Wer drei Strikes hat, wird zu einem Gespräch einbestellt. Strikes gibt es etwa dafür, dass eine Lieferung zu spät, ist oder ein Fahrer nimmt eine neue angebotene Schicht nicht an. Letzteres gilt für angestellte Fahrer. In Großbritannien bei Deliveroo wird mittlerweile schon mit einem Konkurrenzsystem gearbeitet. Die Fahrer können sich selbst unterbieten, um einen Auftrag zu bekommen.

hessenschau.de: Fahrer beschweren sich auch, dass zu viele Daten von ihnen erfasst werden.

Hartleb: Es wird digital alles erfasst, was die Fahrer machen und wo sie sich aufhalten. Es gibt ein festgelegtes Zeitlimit pro Fahrer, das so kontrolliert wird.

Die Fahrer kommunizieren im Grunde nur mit der App. Sie melden sich dort an und können Angebote bekommen. Die Firma sieht dann, wo sie sind.

hessenschau.de: Kann man von dem Job überhaupt leben in einer Stadt wie Frankfurt?

Hartleb: Schwierig, ich habe mit verschiedenen Fahrern gesprochen. Es herrscht eine große Fluktuation, die Leute kommen und gehen ständig, viele arbeiten auch nur wenige Schichten. Einer, der hier davon komplett leben muss, erzählte mir, dass er am Ende etwa 1.000 Euro netto verdient - für eine Vollzeitarbeit.

Die Selbstständigen, von denen die Unternehmen immer mehr suchen, werden nach Lieferung bezahlt, die Beschäftigten in Teil- oder Vollzeit hingegen nach Zeit. Es gibt aber auch Verträge, die einen Stunden- und Stücklohn kombinieren. Die Stundenpauschale beträgt dabei 3 Euro.

hessenschau.de: Wie groß ist der Zusammenhalt der Fahrer in Frankfurt?

Hartleb: Eher geringer, in Köln und Berlin sind viele bereits in Gewerkschaften organisiert. Hier sind viele nur in Whatsapp-Gruppen miteinander verbunden und hängen oft zusammen an der Alten Oper ab.

Aber dadurch, dass die Kommunikation der Fahrer auch ohne einen direkten Arbeitgeber funktioniert, sondern nur durch die App, in die ich mich einlogge, treffen sich die Fahrer untereinander auch nicht, da herrscht eine große Vereinzelung. Die Arbeitgeber sind übrigens auch kaum sichtbar, die Fahrer haben keinen Ansprechpartner, es gibt so auch kaum Angriffspunkte für Proteste.

hessenschau.de: Gehört das vielleicht auch zur Arbeitgeber-Strategie?

Hartleb: Ja, das System ist, es werden sehr viele Leute eingestellt, die nur wenige Schichten bekommen - deswegen gibt es von der Arbeitgeberseite immer ein großes Reservoir an Leuten.

Selbst wenn gestreikt wird - diese Unternehmen können den Betrieb auch mit nur einem Drittel der Leute fortführen. Deswegen ist Solidarität mit den Fahrern auch von außen wichtig, um den Protesten der Fahrer mehr Schlagkraft zu verleihen - Unterstützung von den liefernden Restaurants, aber auch von den Kunden. 

Das Gespräch führte Sonja Süß.