Zimmer in Jugendherberge

Die Corona-Krise hat die Jugendherbergen voll erwischt: Sie sind geschlossen, Schüler dürfen bis zum Herbst nicht auf Klassenfahrt. Nach Kritik kündigte die Landesregierung nun finanzielle Unterstützung an.

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hs
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Der Wind rauscht, ein künstlicher Bach plätschert - mehr ist nicht zu hören. Das ist zurzeit die Geräuschkulisse an der Jugendherberge in Schmitten-Oberreifenberg (Hochtaunus). Lilli Scheffke, die das Haus zu Füßen des Großen Feldbergs mit ihrem Mann Jens betreibt, kann die Ruhe freilich nur schwer ertragen.

"Das ist ein bisschen seltsam", sagt sie: "Normalerweise wäre zu dieser Jahreszeit das Haus voll mit Schülern und ganz viel Geräuschen." Ist es aber nicht, und das liegt natürlich am Corona bedingten Lockdown der Übernachtungshäuser im Land. "Das fehlt uns ganz arg", sagt Lilli Scheffke, und sie meint sie die Geräusche, aber natürlich auch das Geschäft, von dem sie und ihre Familie leben.

Land stellt Hilfe bereit

Im hessischen Landesverband des Deutschen Jugendherbergswerks sind allein 32 Jugendherbergen organisiert. Alle sind seit Mitte März geschlossen. Die finanzielle Situation ist dramatisch. Bislang gab es auch kein Corona-Hilfsprogramm des Landes. Das soll sich jetzt ändern.

Die Landesregierung stellt zunächst eine Million Euro Soforthilfe für die Jugendherbergen bereit. Das erklärte Sozialminister Kai Klose (Grüne) am Donnerstag in einem Interview mit dem hr. Das sei eine Reaktion auf akute Liquiditätsengpässe und den Notstand.

"Wir wissen, dass diese Nothilfe zunächst nur ein Überleben sichert und hoffen, dass mit den Lockerungen und bevorstehenden Öffnungen auch die Jugendherbergen bald wieder ausgelastet sind", sagte Klose. Die Jugendherbergen erfüllten einen sozialpolitischen Auftrag und seien eine wichtige Einrichtung gerade auch für Familien mit Kindern. Anträge können ab kommenden Montag, 11. Mai, beim Sozialministerium gestellt werden unter "jugend@hsm.hessen.de".

Nur ein Monat Überleben gesichert

Zuvor hatte Timo Neumann, der Vorsitzende des Landesverbands des Jugendherbergswerks, Alarm geschlagen: "Wenn wir in dieser Woche keine politische Hilfe bekommen, dann sieht es um die Jugendherbergen wirklich schlecht aus." Und das beileibe nicht nur für die Betreiber, so Neumann: "Wir müssen sogar in Aussicht stellen, dass es 2021 keine Klassenfahrten mehr geben kann, weil es uns auch nicht mehr gibt."

Über Kloses Zusage freue man sich, so Neumann. Damit sei allerdings nur ein Monat Überleben gesichert. Deswegen werde der Verband nun das Gespräch mit dem Sozialministerium suchen.

Sehnsüchtiger Blick nach Bayern

Bis Donnerstag wollte sich die Landesregierung zunächst um eine bundesweite Lösung bemühen. "Da alle Landesverbände des Deutschen Jugendherbergswerks vor denselben Problemen stehen, wird derzeit an einer bundesweiten Lösung gearbeitet. Dies halten wir für einen erfolgversprechenden Ansatz", hieß es aus dem Wirtschaftsministerium.

Jetzt könnte Bayern Vorbild sein. Der Freistaat hat unter anderem für Jugendherbergen 26 Millionen Euro an Soforthilfen bereitgestellt. Bis Ende Juli werden die Häuser zwischen Achaffenburg und Berchtesgaden mit 60 Prozent der entgangenen Einnahmen entschädigt.

Ohne Klassenfahrten keinen Umsatz

Bislang greift der Landesverband nach Aussage des Vorsitzenden Neumann auf Geld für geplante Um- und Neubauten zurück, damit es kurzfristig weitergeht. In den Jugendherbergen in Hessen arbeiten rund 500 Menschen. Aktuell sind die Angestellten in Kurzarbeit, die 400-Euro-Jobber im unbezahlten Urlaub.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Den Jugendherbergen gehen dauerhaft die Gäste aus

Eingang in Jugendherberge
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In Oberreifenberg sind 15 Beschäftigte betroffen. Wann und wie es weitergeht? Lilli Scheffke, die Leiterin des Hauses, weiß es nicht. Zumal die Herbergen die Corona-üblichen Hygieneregeln einhalten müssten, also so rasch nicht voll ausgelastet seien und erst einmal nur an den Wochenenden besucht, weil Schüler mindestens bis zum Herbst keine Ausflüge machen dürften.

Schulklassen seien aber nun mal die wichtigste Gästegruppe, sagt Verbandschef Neumann: "Je nach Haus machen die Umsätze mit Klassenfahrten 40 bis 60 Prozent des Jahresumsatzes aus. Das Geschäft fällt von April bis Oktober aus."

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 07.05.2020, 19.30 Uhr