Die Präsidentin der Handwerkskammer steht vor dem Gebäude eines Handwerkbetriebs und lächelt in die Kamera. Auf dem Foto klebt ein Label mit der Aufschrift "hr Thema".

Der Fachkräftemangel drückt Handwerksfirmen seit Jahren, junge Menschen sind kaum für eine Ausbildung zu begeistern. Handwerkskammer-Präsidentin Susanne Haus meint, dass es einen Image-Wandel braucht.

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Üben für die Zwischenprüfung: Sophie Grundherr (24) in der Berufsschule für Holztechnik in Homberg (Efze)
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Fehlender Nachwuchs und zu wenige Fachkräfte sind die zentralen Probleme im Handwerk. Viele junge Menschen entscheiden sich gegen eine Ausbildung im Handwerk, arbeiten lieber auf anderen Gebieten oder studieren.

Woran das genau liegt und was Firmen dagegen tun können, legt Susanne Haus dar. Sie ist seit 2020 die erste Präsidentin in der mehr als 100-jährigen Geschichte der Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main und außerdem Präsidentin der Arbeitsgemeinschaft der Hessischen Handwerkskammern.

hessenschau.de: Frau Haus, Sie selbst sind gelernte Malermeisterin und Restauratorin. Sie führen einen eigenen Familienbetrieb in der dritten Generation in Bischofsheim (Groß-Gerau). Wie sehr belastet Ihre Firma der Fachkräfte- und Nachwuchsmangel?

Susanne Haus: Wir haben es eigentlich ganz gut, wir hatten in den vergangenen Jahren immer ausreichend viele Bewerberinnen und Bewerber für unsere freien Ausbildungsplätze. Für den Sommer habe ich schon eine Azubine eingestellt. Wir haben wirklich immer ausgebildet, hatten insgesamt in fast 90 Jahren Betriebsbestehen über 100 Auszubildende.

Aber viele sind weitergegangen, aus unterschiedlichsten Gründen. Meine Belegschaft geht beim Alter in Richtung 60. Mit der Struktur haben wir schon zu kämpfen. Bis die Jungen nachkommen und sich die Expertise dieser Alten angeeignet haben, ist da einfach ein Loch.

hessenschau.de: Die Begriffe des Fachkräfte- und Nachwuchsmangels im Handwerk schwirren seit vielen Jahren in Medien und Gesellschaft herum. Wann ist dieses Problem eigentlich entstanden?

Haus: Es ist eine schleichende Entwicklung gewesen. Das Handwerk ist sehr klein strukturiert, in der Regel sind wir in einem Betrieb zwischen fünf und zehn Beschäftigte. Da ist das Problem in der Summe lange gar nicht bewusst wahrgenommen worden. Es ist wie bei einem Korken, der unter Wasser gehalten wurde und dann hochploppt. Irgendwann hat man es geschafft, das zu benennen und auch zu schauen, was die Ursachen sind.

hessenschau.de: Und was genau sind diese Ursachen?

Haus: Wenn wir ehrlich analysieren, haben wir ein großes Wertschätzungsproblem in der Gesellschaft. Es gibt Umfragen, wonach 90 Prozent der Gesellschaft das Handwerk für wichtig erachten - auch für sich persönlich. Bei der Frage, ob man selbst auch gerne Handwerker sein möchte, tendiert es ganz stark in die andere Richtung. Das heißt: Es ist gut, Handwerker zu sein - aber nicht für mich.

Gleichzeitig werden die Ansprüche ans Handwerk immer höher. Wenn Sie sich alleine die Klimaziele ansehen, die ausgerufen wurden: Ohne das Handwerk sind die schlichtweg nicht umsetzbar. Der Bedarf an Fachkräften wird also noch viel größer.

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Handwerker gesucht: zu Gast beim Hörgeräteakustiker

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hessenschau.de: Dafür brauchen Sie eben auch Nachwuchs. Was tun Sie, um junge Menschen für Handwerksberufe zu begeistern?

Haus: Wir brauchen einen Imagewandel. Im Handwerk sind ganz viele Chancen da, es gibt Entwicklungsmöglichkeiten, eine Ausbildung schließt eine Weiterbildung nicht aus. Es ist wichtig, das zu erkennen. Junge Menschen sollten wieder mehr mit dem Handwerk anfangen können. Wir müssen die Berufe schön darstellen, viele Informationen rüberbringen und Angebote machen, wo junge Menschen das ausprobieren können. Dass sich jemand alles in der Praxis ansehen kann, funktioniert am besten.

Wir haben Sommercamps, wo die Schülerinnen und Schüler den Beruf testen können. Wir haben auf unserer Homepage einen virtuellen Messestand errichtet, an dem man sich rund um die Uhr informieren kann. Und wir haben VR-Filme gedreht, wo Auszubildende ihren Job vorstellen.

hessenschau.de: Was braucht ein Handwerksbetrieb, um möglichst interessant für die junge Generation zu sein?

Haus: Es geht damit los, dass ein Betrieb sich auch selbst attraktiv machen muss. Das fängt damit dabei an, wie ich als Chef oder Chefin nach außen auftrete. Wie treten meine Mitarbeiter auf? Wie sehen meine Fahrzeuge aus? Wie attraktiv erscheine ich als Arbeitgeber? Wie sieht meine Homepage aus? Habe ich meinen Betrieb auch als Marke aufgebaut? Ganz wichtig ist die Qualität der Ausbildung. Das spricht sich herum.

Ein wichtiges Thema ist Social Media. Dort bewegen sich junge Menschen. Die Hürde, sie dort anzusprechen, ist einfach geringer als im klassischen Homepage-Umfeld.

hessenschau.de: Die Digitalisierung spielt in allen Bereichen und eben auch im Handwerk eine Rolle. Führt das zu mehr oder weniger Interesse?

Haus: Die Digitalisierung macht es spannender. Über eine App kann ich mich über ein Material informieren, das ich gerade auf der Baustelle verarbeite. Das ist schon ein bisschen cooler als in Papierform. Auszubildende können auch das Berichtsheft digital führen. Ich kann Fachwissen über Apps und Programme zum Lernen verwenden. Das macht es lockerer, leichter und interessanter.

hessenschau.de: Der Klimawandel und Nachhaltigkeit beschäftigen junge Menschen zunehmend. Kann das Handwerk das für sich nutzen?

Haus: Das Thema Nachhaltigkeit wird im Handwerk eigentlich noch viel zu wenig gespielt. Das, was Handwerk tut, ist per se nachhaltig. Nicht nur in der Klimatechnik. Wir erhalten auch Dinge. Wenn Sie sich einen Maßschneider oder einen Schuhmacher ansehen: Sie fertigen Sachen, die nicht nach einer kurzen Nutzungszeit in die Tonne geworfen werden. Oder wenn Ihnen ein Tischler ein Möbel anfertigt. Das ist nichts, was nach dem zweiten Umzug in sich zusammenfällt. Wenn junge Menschen sich da engagieren und nachhaltig arbeiten wollen, sind sie im Handwerk genau richtig.

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Fachkräftemangel im Handwerk

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hessenschau.de: 2015 sind viele Flüchtlinge nach Deutschland gekommen. Könnten Zuwanderer das Problem lösen?

Haus: Wir haben es in der Flüchtlingskrise 2015 gesehen, wie das Handwerk integrativ tätig war. Das ist unglaublich bereichernd. Eine gezielte Einwanderung mit Fachkräften ist mit Gewissheit für uns ein Gewinn.

Quereinsteiger haben auch ein gutes Potenzial. Sie sind in der Regel etwas älter und haben vielleicht schon den einen oder anderen Versuch hinter sich. Wenn sich so jemand für das Handwerk interessiert, ist das eine sehr wohlüberlegte Sache, die auch erfolgreich verlaufen kann.

Das Interview führte Michelle Goddemeier.

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hr-Thema: Handwerker gesucht

Schon seit Jahren sprechen wir von einem Handwerker-Mangel. Seit der Corona-Pandemie scheint sich dieses Problem weiter zugespitzt zu haben. Wir wollen die Gründe offenlegen, warum man in Hessen so lange auf einen Handwerker warten muss, welche Folgen das für die Verbraucher hat und was Betriebe dagegen tun können. Der hr macht am 6. April die Situation im Handwerk auf allen Ausspielwegen zum Thema.

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