Schäden im Wald bei Gernsheim

Den Wäldern in Hessen geht es schlecht. Nicht nur die Wetterextreme setzen ihnen zu, auch Schädlinge sorgen dafür, dass manche Baumarten komplett verschwinden. Dabei ist der Wald ein wichtiger Partner im Kampf gegen den Klimawandel.

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Eigentlich ist Christoph von Eisenhardt-Rothe gerne in der Natur unterwegs. Doch was der Forstexperte beim Spaziergang in der Nähe von Gernsheim sieht, macht ihn traurig. "Dieses Gebiet hier war mal einer der besten Standorte für Eichen und Eschen in ganz Südhessen. Jetzt ist es ein Katastrophenwald", sagt der Landesgeschäftsführer der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald.

Schäden im Wald bei Gernsheim

Von den dicken, alten Eichen, die hier vor 30 Jahren standen, ist nicht mehr viel zu sehen. Stattdessen ist der ehemalige Waldboden zum Teil von Gestrüpp bedeckt, hohe Bäume sucht man an diesen Stellen vergebens. "Man kann sich streiten, ob das noch Wald ist", sagt von Eisenhardt-Rothe.

"Tragödie spielt sich ab"

Doch nicht nur hier im hessischen Ried ist die Situation dramatisch, sagt André Schulenberg von HessenForst. "In den hessischen Wäldern spielt sich als Folge der extremen Dürre im letzten Jahr derzeit eine Tragödie ab."

Im Gebiet bei Gernsheim wird die Situation dadurch verschärft, dass seit Jahrzehnten Wasser für die Stadt Frankfurt entnommen wird. "Durch das Abpumpen ist der Grundwasserspiegel um mehrere Meter gesunken", erklärt von Eisenhardt-Rothe – so sehr, dass viele Bäume nun nicht mehr an Wasser gelangen könnten. Der trockene, heiße Sommer 2018 hat ihnen zusätzlich geschadet.

Alte Buche mit abgestorbener Baumkrone

Das sieht man den Bäumen hier deutlich an. Bei einigen sind die Baumkronen komplett abgestorben, andere haben noch versucht, sich zu retten. So wie eine etwa 100 Jahre alte Buche, die der Experte entdeckt hat. "Der Baum hatte nicht mehr die Kraft, das Wasser bis in die Krone zu pumpen. Er hat die Krone dann weiter nach unten verlagert. Eine typische Reaktion." Doch in diesem Fall umsonst, prophezeit er. In ein bis zwei Jahren werde der Baum tot sein.

Esche und Ahorn werden verschwinden

Trockenheit und Hitze sind nicht die einzigen Probleme, die der Klimawandel für Hessens Bäume mit sich bringt. Sind sie einmal geschwächt, haben Schädlinge wie Käfer und Pilze oftmals leichtes Spiel. Viele Bäume erholen sich davon nicht mehr und sterben ab. In Hessens Wäldern gebe es dadurch momentan einen Artenverlust, sagt Eisenhardt-Rothe.

Das habe vor 30 oder 40 Jahren mit dem Verschwinden der Ulme durch eine Pilzkrankheit begonnen. "Vor zehn oder 15 Jahren begann dann das Eschentriebsterben. Wir haben dadurch einen massiven Verlust an Eschen." Und auch der Ahorn sei durch die Rußrindenkrankheit gefährdet. "Damit fallen drei wesentliche Laubbaumarten aus. Wir sind etwas ratlos, weil das natürlich einen wahnsinnigen Verlust an Biodiversität bedeutet."

Schäden im Wald bei Gernsheim

Nadelbäume haben ebenfalls extrem zu kämpfen, wie auch HessenForst besorgt feststellt. In Nordhessen vernichte der Borkenkäfer große Waldareale, in Südhessen lasse eine Pilzart großflächig Kiefernwälder absterben. "Die Lebensgeister der Borkenkäfer haben mit der warmen Witterung Fahrt aufgenommen", sagt Schulenberg.

Gegen die Borkenkäfer versuchten die Försterinnen und Förster alles zu tun, um Schäden gering zu halten. Besonders wichtig sei es, totes Holz, das wegen Trockenheit und Sturmschäden im Wald liegt, wegzuschaffen. Es sei ein gefundenes Fressen für Schädlinge und biete beste Lebensbedingungen gerade für Borkenkäfer, die in der Rinde von Fichten ihre Eier ablegen. Bei Pilzen hingegen sei man machtlos und könne "nur zuschauen".

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Ohne Wald mehr CO2 in der Luft

Mit dem Verschwinden einzelner Baumarten gerät ein ganzes Ökosystem aus den Fugen. Denn das Problem betrifft nicht nur die Bäume selbst. "Jede Baumart hat spezifische Organismen, Tier- und Pflanzenarten, die auf sie angewiesen sind. Und die gehen alle mit verloren", erklärt von Eisenhardt-Rothe.

Experte läuft durch Wald

Was oft vergessen werde, sagt er, sei außerdem die Bedeutung, die der Wald für die Rettung des Klimas habe. "Die Bäume binden Kohlenstoffdioxid aus der Atmosphäre und speichern es im Holz." Etwa sieben bis zehn Prozent des CO2, das die Hessen produzieren, fange der Wald wieder ein. "Wir müssen den Wald erhalten, das ist die beste Chance, CO2 zurückzuholen."

Umbau des Waldes dauert

Doch den zahlreichen Herausforderungen zu begegnen, ist nicht einfach. Eine Mischung aus vielen Baumarten senke das Risiko, sagt HessenForst. "Daran arbeiten wir in Hessen schon seit langer Zeit. Erste Erfolge zeichnen sich ab – jedoch benötigt der Umbau eines Waldes sehr viel Zeit. Anders als auf einem Acker, der jährlich neue Chancen bietet, überleben Bäume mehrere Menschengenerationen." Baumarten aus wärmeren Klimaregionen wie Douglasie oder Roteiche könnten eine weitere Option bieten, um den hessischen Wald robuster zu machen.

Mit Blick auf den Wald bei Gernsheim und das gesamte hessische Ried hat von Eisenhardt-Rothe vor allem einen Wunsch: "Dass der Grundwasserspiegel so angehoben wird, dass der Boden von diesem Wasser auch leben kann. Damit dann wieder ein Eichen-Eschen-Mischwald aufwachsen kann, der vital ist." Und, sagt er noch, wie alle Waldfreunde wünsche er sich, dass es mal vier Wochen am Stück regnet.