Collage: Blick auf das Firmengelände Wilke (links), Wurst auf einem Tablett (rechts)

Der Wilke-Skandal hat gezeigt, dass Verbraucher kaum eine Kontrolle darüber haben, was auf ihrem belegten Brötchen landet. Aber das Problem geht weit über die Gammelsalami hinaus. Wir müssen unser Essen grundsätzlich neu denken.

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hs
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Die Wilke-Wurst ist längst aufgegessen – aber der Nachgeschmack liegt uns noch auf der Zunge. Immer noch erfahren wir in kleinen ekligen Häppchen mehr über die Zustände in der nordhessischen Wurstfabrik und darüber, wer die Wurst alles weiterverarbeitet und verteilt hat, bevor der Skandal an die Öffentlichkeit gelangte. Wer in Hessen wohnt, hat besonders gute Chancen, schon mal in den fragwürdigen Genuss eines Wilke-Brötchens gekommen zu sein. Die Wurst aus Nordhessen wurde in Unimensen, Kitas, Altenheimen und Krankenhäusern aufgetischt. Lecker.

Viele fordern jetzt mehr Kontrollen, aber das eigentliche Problem ist Transparenz. Öffentlich wurde das ganze Ausmaß der Verbreitung nämlich erst durch ausgiebige hr-Recherchen. Selbst die "Taskforce Lebensmittelsicherheit" beim Regierungspräsidium Darmstadt sagt: Eine vollständige Liste zu erstellen und zu veröffentlichen – das sei quasi unmöglich.

Ab jetzt nie wieder Salamibrötchen aus der Kantine?

Nicht mal die Firme Wilke weiß, wo ihre Produkte überall gegessen wurden. Wilke hat die mit Listerien verseuchte Salami und den verschimmelten Fleischkäse ja nicht direkt an die Kunden verkauft, sondern über ein kompliziertes Netz aus international agierenden Zwischen- und Großhändlern. Bis die Produkte beim Endverbraucher landeten, sind sie durch unzählige Hände gegangen. Um das zurückzuverfolgen, sind bei einem Lebensmittelskandal wie diesem laut Foodwatch bis zu 400 Behörden beteiligt.

Es spricht viel dafür, ab jetzt Kantinen zu meiden. Aber nicht nur Arbeitnehmer sind oft auf Großküchen angewiesen, sondern auch Schüler, Senioren, Kleinkinder oder Krankenhauspatienten. Es spricht viel dafür, weniger tierische Produkte zu essen. Aber es gab in den letzten Jahren auch Lebensmittelskandale rund um Zucker, Wein oder Oliven. Es spricht auch viel dafür, mehr auf dem Markt oder im Bioladen einzukaufen. Aber Sozialorganisationen verweisen zu Recht darauf, dass das auch eine Frage des Budgets ist und viele Menschen dafür einfach kein Geld haben.

Problem geht weiter über Wilke hinaus

Es läuft offenbar grundsätzlich etwas falsch mit unserem Essen – und das geht weit über Wilke hinaus. Deshalb müssen wir größer denken. Weg vom Einzelkunden, hin zu den großen Linien: den Lieferketten. Unsere Wertschöpfungsketten sind völlig undurchschaubar geworden. Wenn schon die Behörden offenbar keinen echten Überblick mehr über die Lieferketten haben: Wie sollen Konsumenten dann noch wissen, was sie essen und woher es kommt?

Lebensmittel-Aktivisten, die sich in den letzten Jahren überall in sogenannten Ernährungsräten zusammenschließen, fordern schon lange eine vollständige Ernährungswende. Das heißt: Wir müssen wieder die regionalen, direkten Lieferketten aufbauen, die in den letzten Jahren zugrunde gegangen sind und momentan in den Händen riesiger Unternehmen liegen.

Direktvermarkter stärken, Ernährungsbildung fördern

Es kann nicht sein, dass Bauernfamilien derzeit so große Existenznöte haben, dass sie gegen (!) mehr Umweltschutz demonstrieren. Wir müssen deshalb dringend Direktvermarkter stärken: etwa Biolandwirte, lokale Milchbauern oder selbst verarbeitende Fleischereibetriebe. Statt über Groß- und Zwischenhändler müssen wir sie in Kontakt bringen mit den Großabnehmern vor Ort, etwa städtischen Großküchen, Unimensen oder Krankenhäusern. Das geht nicht? Doch. Etwa durch sogenannte "Food Hubs": lokale Lebensmittelverteilzentren, wie es sie schon lange in den USA und Kanada gibt.

Und wir brauchen viel mehr Ernährungsbildung: Schon Schul- und Kitakinder müssen lernen, was zu welcher Jahreszeit wächst, wie Lebensmittel gemacht werden und wie ein gesund und nachhaltig belegtes Brötchen aussehen und schmecken soll. Nur so können Verbraucher langfristig wieder die Kontrolle über ihre eigenen Teller zurückbekommen.