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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Vier-Tage-Woche: "Freitags gehört Mutti mir!"

Drei Männer montieren einen Opel Grandland-X

Die Debatte um Arbeitszeitverkürzung ist zurück. Doch unter anderen Vorzeichen: Im Fokus steht kein Freizeit-Plus, sondern die Bewältigung der Wirtschaftskrise. Für Geringverdiener ist diese Option allerdings unwahrscheinlich.

Weniger arbeiten bei vollem Lohnausgleich: Das fordern Gewerkschaften bereits seit mehr als 100 Jahren. Oft waren sie erfolgreich. Heute ist die Sechs-Tage-Woche passé, der Zwölf-Stunden-Tag für die meisten von uns unvorstellbar.

Im Jahr 2020 ist die Debatte um Arbeitszeitverkürzungen wieder in aller Munde. Vor wenigen Tagen brachte Linken-Bundeschefin Katja Kipping den Vorschlag einer 30-Stunden- beziehungsweise Vier-Tage-Woche ein. In einem Papier der Fraktion steht die Forderung, "Produktivitätsfortschritte" sollten "allen zugutekommen".

IG Metall: "Kann dafür ein geeignetes Mittel sein"

Auch in Hessen ist die Debatte angekommen. Gerade die Gewerkschaften bringen ihn ins Spiel. Jörg Köhlinger, der Leiter des für Hessen zuständigen IG-Metall-Bezirks Mitte, erklärte auf hessenschau.de-Anfrage, dass es angesichts der wirtschaftlichen Entwicklung aufgrund der Corona-Krise langfristig tragende Lösungen zur Beschäftigungssicherung brauche. "Die Verkürzung der Arbeitszeit kann dafür ein geeignetes Mittel sein", sagte Köhlinger.   

Auch die Arbeitgeberseite in Hessen zeigt sich dem Gedanken nicht ganz abgeneigt. Die konkrete Frage danach, ob man der Ansicht sei, dass die Vier-Tage-Woche helfen könnte, die wirtschaftlichen Folgen der Coronakrise abzufedern, blieb zwar unbeantwortet. Doch Dirk Pollert, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands Hessenmetall, erteilte dem Instrument keine generelle Absage. Weniger Arbeitszeit müsse aber auch weniger Gehalt bedeuten, so Pollert.

Hoffnung auf Arbeitsplatzsicherheit

Was aus diesen Statements klar wird: Die Debatte um Arbeitszeitverkürzung ist derzeit weniger eine Freizeit- als viel mehr eine Arbeitsplatzdebatte. Dazu kommt, dass das ganze eher längerfristig greifen würde, nach einem Auslaufen des regulären Kurzarbeitergeldes. Derzeit wird auf der bundespolitischen Ebene diskutiert, dieses Instrument auf 24 Monate zu verlängern.  

Ein Streitpunkt bei der Vier-Tage-Woche wird vor allem die Frage nach dem Lohnausgleich sein. Der Kasseler SPD-Arbeitsmarktexperte Wolfgang Decker forderte gegenüber dem hr im Gegenzug "gewisse Eingeständnisse" der Arbeitgeberseite, um die Option den Beschäftigten schmackhaft zu machen. "Wenn wir von einer Vier-Tage-Woche reden, reden wir auch von einem Fünftel weniger Lohn. Das ist eine ganze Menge", sagte Decker. Ähnlich äußerte sich auch die IG Metall Mitte mit Sitz in Frankfurt.

Unternehmen bringen Vier-Tage-Woche auf den Weg

Einige Betriebe in Hessen haben das Thema bereits im Blick. So erklärte der Automobilzulieferer ZF Friedrichshafen auf Anfrage, dass er mit seiner Arbeitnehmervertretung und der IG Metall im Juli einen "Tarifvertrag Transformation" geschlossen habe. Dieser sieht eine Verkürzung der Arbeitszeiten um bis zu 20 Prozent vor - im Gegenzug für eine Beschäftigungssicherung bis Ende 2022. Diese Möglichkeit zur Arbeitszeitverkürzung bestehe auch am ZF-Luftfahrt-Standort Kassel-Calden, wo derzeit rund 500 Personen arbeiten, sagte eine Sprecherin.

Auch die Lufthansa hat mit der Flugbegleitergewerkschaft Ufo bereits eine Vereinbarung getroffen, nach der ein vierjähriger Kündigungsschutz einem umfassenden Sparprogramm unter anderem mit Arbeitszeitverkürzung ohne Lohnausgleich gegenüber steht.

"Instrumente dafür schon in sehr vielen Tarifverträgen"

Der Arbeitsmarktexperte Gerhard Bosch von der Universität Duisburg-Essen hält Arbeitszeitverkürzung für sinnvoll, um Jobs in Krisenzeiten längerfristig zu halten. Vor allem sei dies gar nicht so ungewöhnlich, wie es einige darstellten: "Wir haben die Instrumente dafür schon in sehr vielen kollektiven Tarifverträgen." Im Krisenfall könne die Arbeitszeit abgesenkt werden, um den Abbau von Arbeitsplätzen zu verhindern. Dadurch könne eine solche Regelung "quasi sofort" greifen.

Allerdings, das betonte Bosch auch: Das ganze dürfte vor allem eine Option für Branchen sein, in denen gut verdient wird. "Für Beschäftigte in der Gastronomie oder dem Tourismus, die jetzt schon mit niedrigem Lohn in Vollzeitstellen Familien ernähren, wird eine Arbeitszeitverkürzung verbunden mit weniger Lohn kaum denkbar sein."  Einige müssten bereits jetzt ihr Kurzarbeitergeld mit Hartz IV aufstocken.

Sendung: hr-iNFO, 22.08.2020, 6.35 Uhr