Tote Bäume in einem Wald in Sachsen im August 2019

Das neue Netzwerk Bergsträßer Wald will dem Waldsterben nicht länger tatenlos zusehen und fordert ein Umdenken in der Forstwirtschaft. Unzufrieden sind die Mitglieder mit der Landesbehörde Hessen-Forst.

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Audioseite Netzwerk Bergsträßer Wald stellt sich gegen Hessen-Forst

Schwere Maschinen schädigen Waldböden in Seeheim-Jugenheim.
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Kahle Wipfel, tote Stämme, große Lichtungen statt dichten Forsts: Den hessischen Wäldern geht es schlecht wie nie. Das bestätigt der Waldzustandsbericht 2020 des Umweltministeriums Hessen. Auch an der Bergstraße beobachten Spaziergänger:innen und Waldliebhaber:innen mit Sorge den Zustand der Bäume. Eine von ihnen ist Friede Gebhard aus Alsbach-Hähnlein: "Wer genau hinschaut, sieht die vielen Lichtungen, die toten Bäume."

Doch auch die menschengemachten Veränderungen im Forst machen der 67-Jährigen Sorgen: "Es gibt so viel Kahlschlag. So viel schweres Gerät fährt durch den Wald, das die Böden versiegelt und nichts mehr wachsen lässt." Gebhard möchte nicht länger tatenlos zusehen, wie die Bäume vor der eigenen Haustür sterben. Sie hat daher kurzerhand eine Initiative zum Schutz des Bergsträßer Waldes angestoßen.

Netzwerk Bergsträßer Wald soll Informationen liefern

Mit Gleichgesinnten gründete Gebhard das Netzwerk Bergsträßer Wald. Es soll allen Interessierten schnell und einfach Informationen über die südhessischen Wälder liefern. "Viele Menschen aus der Region haben durch die Coronakrise einen neuen Zugang zum Wald gefunden und schätzen diesen als Naherholungsgebiet", sagt Gebhard.

Vielen seien dabei auch die enormen Schäden bewusst geworden. "Und genau das wollen wir alle besser verstehen: Warum sieht es da so aus? Was können wir alle gemeinsam tun? Wenn wir mal ehrlich sind: Von uns weiß doch niemand so genau, was im Wald abgeht", sagt Gebhard.

Landesbehörde in der Kritik

Mit "uns" meint Friede Gebhard nicht nur die Bürger:innen, die den Wald zum Joggen, Fotografieren oder Spazieren nutzen. Der Vorwurf geht auch ganz klar in Richtung kommunale und private Waldbesitzer. In Sachen Forstwirtschaft verlasse man sich zu oft einfach blind auf die Arbeit von Dienstleistern. Wie beispielsweise Hessen-Forst.

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zum hr-fernsehen.de Video Klimakrise – was Wäldern und Forstwirtschaft zu schaffen macht

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Kritik an der Arbeit der Landesbehörde Hessen-Forst gibt es immer wieder. Vor allem im südhessischen Raum. Die Vorwürfe: zu viel Ökonomie, zu wenig Ökologie. Kommerzielle Aspekte wie Holznutzung stünden im Vordergrund. Die großen Forstmaschinen zerstörten Böden, Klima und Pflanzen, finden viele. Nachhaltig werde der Wald dagegen nicht gepflegt. Ein Beispiel dafür ist der jahrelange Streit um den Wald bei Mühltal (Darmstadt-Dieburg) zwischen der Bürgerinitiative "Pro Wald" und den Revierförstern von Hessen-Forst.

Rüsselsheim hat eigene Behörde gegründet

Auch andere Städte und Gemeinden berichten über negative Erfahrungen mit Hessen-Forst. Die Stadt Rüsselsheim kündigte bereits 2015 die Zusammenarbeit mit der Landesbehörde. Seit 2018 kümmert sich die eigens gegründete Forstbetriebsgemeinschaft Rhein-Main (FBG) um die kommunalen Wälder.

Reinhard Ebert, heute Geschäftsführer der FBG, erinnert sich: "Es gab immer wieder Krach. Unsere obersten Ziele waren der Erhalt des Waldes und der Naturschutz. Diese Wünsche wurden nicht ernst genommen." Hessen-Forst habe nicht verstanden, dass sie als Dienstleister die Wünsche der Kommune ausführen sollten, berichtet Ebert.

Die FBG betreut neben Rüsselsheim die Groß-Gerau-Städte Raunheim, Büttelborn und Bischofsheim sowie die Kreisstadt selbst. Ab Januar 2022 kommt die Gemeinde Trebur hinzu.

Hessen-Forst: Die allermeisten sind mit uns zufrieden

Jörg van der Heide nimmt diese Anschuldigungen relativ gelassen hin. Er leitet die Abteilung Forstbetrieb und Dienstleistungen bei Hessen-Forst und sagt: "Hessen umfasst 422 Kommunen. Davon arbeiten rund 40 nicht oder nicht mehr mit uns zusammen. Der Rest scheint zufrieden."

Auch die Vorwürfe, Hessen-Forst betrachte den Wald zu sehr unter dem Wirtschaftsaspekt, kann er nicht nachvollziehen: "So ein Wald ist eine komplexe Sache. Es geht um Ökonomie, es geht aber auch um Ökologie und um das Soziale." Van der Heide räumt aber ein: "Wenn wir Entscheidungen treffen in Sachen Waldentwicklung, dann haben die Langzeitwirkung, manchmal zehn, manchmal aber auch 100 Jahre. Dass die Maßnahmen für die Bürger:innen nicht immer nachvollziehbar sind, kann ich verstehen."

Gleichzeitig betont van der Heide: "Natürlich sehen auch wir die Schadensentwicklung, die Sorgen sind berechtigt." Hessen-Forst berate, benenne Chancen und Risiken und sei für jeden Austausch offen. Letzten Endes entscheide aber der Waldbesitzer, was in seinem Gebiet passiere.

"Klimaresistenter, artenreicher Dauerwald" als Ziel

Das Netzwerk Bergsträßer Wald will dabei helfen, unabhängig von Hessen-Forst eine Expertise zum komplexen System Wald zu erlangen. Die erste Info-Veranstaltung in dieser Woche war sehr gut besucht, anwesend waren interessierte Bürger:innen und Kommunalpolitiker:innen sämtlicher Parteien. Noch am selben Abend gründete sich eine gemeindeübergreifende Bürgerinitiative.

Das Ziel der Bergsträßer Waldretter erklärt Friede Gebhard: "Wir wollen Informationen sammeln, Verständnis schaffen und Weichen dafür stellen, den Wald hier in der Region zu retten. Wir wollen uns eine Expertise aneignen und die Kommunen beraten." Konkreten Handlungsbedarf sehe man bei der Holznutzung und dem klimaangepassten Waldnachwuchs. Das Netzwerk strebe einen "klimaresistenten, artenreichen Dauerwald" an.