Grafische Simulation der Begrünung der Halde.

Der Düngemittelhersteller K+S hat seine Pläne vorgestellt, wie aus seinem Kaliberg im osthessischen Neuhof einmal ein begrünter Hügel werden soll. Anwohner und Umweltschützer sind skeptisch.

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Monte Kali soll begrünt werden

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Der weithin sichtbare "Monte Kali" in Neuhof-Ellers (Fulda) soll sein Erscheinungsbild verändern. Das je nach Witterung changierende Gewand aus Grau- und Braun-Tönen wird nach den Plänen des Düngemittelherstellers K+S langfristig einem frischen Grün weichen.

Der bis zu 190 Meter hohe Berg besteht aus Rückständen aus dem Kalibergbau, vor allem aus Steinsalz. Die nicht verwertbaren, unter Tage abgebauten Stoffe werden seit Jahrzehnten über Tage auf der stetig wachsenden Halde aufgetürmt. Sie ist 133 Millionen Tonnen schwer und bedeckt mittlerweile eine Fläche von 105 Hektar - das entspricht umgerechnet etwa der Größe von 150 Fußballfeldern.

Über Bauschutt-Boden-Schicht soll Grün wachsen

Wenn der Bergbau mangels Kali einmal erschöpft sein wird, muss die Halde vorschriftsmäßig abgedeckt werden. So soll verhindert werden, dass Niederschläge salzhaltiges Wasser in den Erdboden spülen. Derzeit wird das Salzwasser aufgefangen und mit Leitungen entsorgt.

Für die Zukunft plant K+S eine sogenannte Dickschichtabdeckung, die an der Oberfläche begrünt wird. Damit habe man die effektivste, nachhaltigste und wirtschaftlichste Variante der Abdeckung gefunden, wie K+S am Donnerstag versicherte. Am Abend wurden die Pläne auch den Bürgern in der Region erläutert. Rund 120 Menschen kamen dafür ins Gemeindezentrum Neuhof.

Die Halde soll mit einer dicken Schicht aus Bauschutt und Erdaushub bedeckt werden. Dafür sollen die bei Bauprojekten ohnehin anfallenden Bauabfälle verwendet werden. Auf der Bauschutt-Boden-Schicht soll dann eine Pflanzendecke kultiviert, die sich terrassenartig um den Berg windet.

Kosten von mehr als 50 Millionen Euro erwartet

Dafür muss der Berg allerdings flacher werden als bisher. Um das zu erreichen, müssen rundherum 40 Hektar Wald gerodet werden. Dies werde aber mit Ausgleichmaßnahmen und einem Wiederaufforsten kompensiert, versicherte K+S. Darüber hinaus müssen eine Landesstraße (L3206), Gas- und Stromleitungen verlegt werden.

Wenn die Abdeckung begrünt ist, sollen die Niederschläge mit dem aus Salzrückständen bestehenden Haldenkörper nicht mehr in Kontakt kommen. Das Regenwasser werde größtenteils über die Pflanzen an der Oberfläche verdunsten - so die Theorie.

Werksleister Roland Keidel bezeichnet Aufbau und Prinzip als "Win-Win-Situation". Das Projekt wird nach Angaben des Unternehmens mehr als 50 Millionen Euro kosten und soll teilweise über Einnahmen aus der Entsorgung des Bauschutts finanziert werden.

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Düngemittelhersteller K+S will Halde mit Pflanzen verkleiden

Animation K+S will Abraumhalde begrünen
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Bei dem Vorhaben steht K+S aber noch ganz am Anfang. Mitte des Jahres 2024 sollen die Anträge bei den Behörden zur Genehmigung eingereicht werden. Ende 2026 könnte das Verfahren abgeschlossen sein und die Bauvorbereitung erfolgen. Ende des Jahres 2027 will K+S nach aktueller Planung mit der Abdeckung beginnen. Wann alles frisch begrünt vollbracht sein könnte? Das wird womöglich 50 Jahre dauern, wie die Leiterin der K+S-Abteilung für Umwelt und Genehmigungen, Karin Möller-Glock, sagte.

Vize-Bürgermeister: "Da wird es Sorgen geben"

Ein Vorbild für das Projekt gibt es auch schon. Am K+S-Standort im niedersächsischen Sehnde wurde mit der Abdeckung der Halde Friedrichshall bereits vor mehr als 20 Jahren begonnen. Bürgermeister Olaf Kruse (SPD) sagte dazu: Optisch könne man mit dem begrünten Berg zufrieden sein. Doch der angelieferte Bauschutt müsse auf Schadstoffe untersucht werden. Außerdem: Das niedersächsische Umweltministerium habe trotz der Abdeckung erhöhte Salzwerte im Wasser festgestellt.

Ist das Konzept der Haldenabdeckung daher womöglich untauglich? Ein K+S-Sprecher sagte: Die Pläne für Neuhof seien im Vergleich zu Sehnde weiterentwickelt worden. Nun würde es auch eine Drainage und Abdichtung geben.

Auf welche Akzeptanz das "Generationen-Projekt", wie es K+S nennt, bei den Menschen in Neuhof und Umgebung treffen wird? Vize-Bürgermeister Franz Josef Adam (CDU) sagt: "Da wird es sicherlich Sorgen geben. Die Menschen werden sich fragen, was auf sie zukommt." Allein schon beim Begriff Bauschutt werde sich der ein oder andere fragen, welcher Müll da herangekarrt werde. K+S beteuert, dass der Füllstoff für die Abdeckung "höchsten Standards" entsprechen werde.

Kritik bei Bürgerversammlung

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K+S will Abraumhalde am Kali-Werk in Neuhof-Ellers begrünen

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Bei der über zwei Stunden dauernden Bürgerversammlung am Donnerstagabend äußerten die Teilnehmer zwar mitunter Zustimmung, aber auch zahlreiche Bedenken. Kritik gab es für den großen Flächenverbrauch mit der Rodung von Wald. Ängste waren zu vernehmen, dass mit dem Bauschutt auch Schadstoffe auf die Halde kommen könnten.

Zudem blickten viele Bürger dem Verkehrslärm wegen der Anlieferungen von Bauschutt und Erdboden sorgenvoll entgegen. K+S rechnet mit 300 zusätzlichen Lkw-Fahrten - täglich. Derzeit sind es schon 4.000 pro Tag. Zudem rollen Güterwaggons über die Gleise.

Angeregt wurde bei der Versammlung, ein Dialogforum einzurichten. Darin können Betroffene, Projekt-Akteure und K+S nach Problemlösungen suchen und sich austauschen. Der Konzern zeigte sich offen dafür.

BUND: Abraum sollte lieber zurück ins Bergwerk

Auch der BUND sieht die Pläne von K+S kritisch. Der stellvertretende Geschäftsführer des Landesverbands Hessen, Thomas Norgall, sagte dem hr: "Ob das Ganze funktioniert, ist sehr fraglich." Er halte die grüngefärbten Pläne für Marketing ohne Realitätsnähe. Dem Unternehmen warf er in der seit vielen Jahren diskutierten Frage der Haldenabdeckung "Fehlmanagement" vor.

Norgal sagte: Niemand wisse genau, welches Material das geeignetste für die Haldenabdeckung sei und wo es in der Menge herkommen soll. Und fraglich sei, ob dadurch tatsächlich weniger Salzwasser durchkomme. Er fordert: "Das Haldenwachstum muss aufhören - und der Abraum zurück ins leere Bergwerk." Doch diese Variante ist aus bergmännischer Sicht laut K+S nicht praktikabel.

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Kali-Abbau in Neuhof

K+S wird noch über Jahrzehnte im Kaliwerk Neuhof tätig sein. Laut Genehmigung darf das Unternehmen noch bis zum Jahr 2035 die Halde mit Produktionsrückständen erweitern. Für die Zeit danach braucht der Düngemittelhersteller eine Verlängerung der Behörden. Die wird er vermutlich auch beantragen, denn laut Prognosen von K+S reichen die Kalivorkommen noch mindestens bis zum Jahr 2055.
In Neuhof-Ellers südlich von Fulda wird seit mehr als 115 Jahren Kalibergbau betrieben. Rund 700 Beschäftigte arbeiten dort derzeit und fördern pro Jahr vier Millionen Tonnen Rohsalz. Das daraus gewonnene Hauptprodukt ist Kornkali, das zum Beispiel als Dünger für Zuckerrüben, Raps und Mais zur Ernährung der Pflanzen dient.

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