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Audioseite Wohin mit Müll aus dem AKW Biblis?

Kernkraftwerk Biblis in Biblis

Beim Rückbau des Atomkraftwerks Biblis haben sich tausende Tonnen schwach radioaktiven Bauschutts angesammelt. Das Land sucht eine Lagerstätte. Im Gespräch ist die Deponie in Büttelborn. Dagegen formiert sich Widerstand in der Gemeinde.

Große Sägen, Hochdruckwasserstrahler, Strahlkabinen: All das ist Teil der sogenannten Abbaufabrik, die gerade im Inneren des ehemaligen Atomkraftwerks Biblis im Kreis Bergstraße aufgebaut wird und bis Mitte des Jahres fertig sein soll. Mit ihrer Hilfe sollen alle Teile des Atomkraftwerks zerkleinert und so weit wie möglich gereinigt werden.

Laut der Umweltministerin Priska Hinz (Grüne) fallen auf diese Weise 340.000 Tonnen Abfälle an. Etwa 10.000 Tonnen davon könnten eine so geringe Strahlenbelastung aufweisen, dass sie als freigemessen gelten. Diese zu entsorgen sei notwendig, um genügend Platz für den weiteren Rückbau zu haben, so Hinz. 

Während der mittel- und leicht-radioaktive Abfall im Zwischenlager Biblis eingelagert werden muss, kann der Bauschuttanteil des freigemessenen Abfalls auf einer normalen Bauschutt- und Erddeponie beseitigt werden. Für die Entsorgung der rund 3.000 Tonnen zuständig ist der Zweckverband Abfallwirtschaft Kreis Bergstraße (ZAKB). Da es im Kreis Bergstraße selbst keine Deponie gibt, läuft schon seit über drei Jahren die Suche. "Von uns wurden wirklich bundesweit alle Deponiebetreiber angeschrieben. Wir konnten aber bisher keine annahmebereite Deponie finden", sagte ZAKB-Geschäftsführer Sascha Bocksnick. 

Büttelborn als möglicher Standort

Deshalb sucht seit kurzem jetzt auch das Regierungspräsidium Darmstadt nach einer passenden Deponie - allerdings nur in Hessen. Laut Priska Hinz muss die Deponie laut einem Beschluss der Umweltministerkonferenz in dem Bundesland sein, in dem der Müll verursacht wurde. Das soll Mülltourismus innerhalb Deutschlands vermeiden.

In Frage käme unter anderem die Deponie in Büttelborn, so die Ministerin. Denn: Der Abfall solle möglichst nah zum Standort untergebracht werden. "Büttelborn ist einer der Standorte, die vom Regierungspräsidium untersucht wird." Mit einer Entscheidung rechnet Hinz im Frühjahr. Ob am Ende eine Deponie per Anordnung zur Aufnahme des Abfalls verpflichtet werden könne, müsse noch geprüft werden, hieß es vom Regierungspräsidium Darmstadt.

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Was sind freigemessene Abfälle?

Abfälle gelten dann als freigemessen, wenn von ihnen eine Belastung von maximal 10 Mikrosievert im Kalenderjahr pro Einzelperson in der Bevölkerung ausgeht. Laut dem Bundesministerium für Umwelt liegt die durchschnittliche Strahlenbelastung in Deutschland durchschnittlich bei 2.400 Mikrosievert im Jahr. Ein Nordatlantikflug wird mit rund 100 Mikrosievert angegeben, eine Röntgenaufnahme mit rund 100 bis 1.000 Mikrosievert. 

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Hinz: "Keine Gefahr für die Gesundheit" 

Für den Fall, dass die Deponie Büttelborn (Groß-Gerau) den Schutt aufnehmen soll, hat Armin Hanus als Sprecher der Bürgerinitiative Büttelborn 21 angekündigt, bis zur höchsten Instanz klagen zu wollen: "Wir wollen die Gesundheit unserer Mitbürger schützen, indem wir jegliche Ablagerung von Atomabfällen in Büttelborn ablehnen."

Umweltministerin Priska Hinz hält den freigemessenen Abfall bei einer maximalen Strahlenbelastung von 10 Mikrosievert für sicher: "Man kann sagen, dass keine Gefahr für die Gesundheit der Bevölkerung ausgeht, wenn der Abfall deponiert wird." Sie verweist darauf, dass es sich bei den Grenzwerten um ein international anerkanntes Konzept handle. Sobald eine Deponie ausgewählt wurde, soll es laut Hinz Bürgerinformationsveranstaltungen geben. 

Für den SPD-Landtagsabgeordneten Gerald Kummer ist die Frage der Entsorgung des Mülls vor allem eine Gerechtigkeitsfrage: "Es kann doch nicht sein, dass man in Biblis und im Kreis Bergstraße das Atomkraftwerk über viele Jahre betrieben hat, es auch wollte und wirtschaftliche Vorteile gezogen hat. Jetzt aber sollen die Nachteile aus dem Abriss andere Gebietskörperschaften tragen."

Kummer fordert deshalb: Der freigemessene Bauschutt solle dort bleiben, wo er ist. In Biblis, auf dem Gelände des Kraftwerks. Das lehnt Umweltministerin Hinz ab. Schließlich brauche es viele Untersuchungen, bevor eine Deponie ausgewiesen werden könne. Zudem werde der Platz am Kraftwerk gebraucht.

Sendnung: hr-iNFO, 10.1.2022, 8.15 Uhr