Ein Bus fährt durch Lahnau.

Kostenlos mit dem Bus durch die ganze Gemeinde - in Lahnau hat das die Gemeindevertretung beschlossen. Aber der RMV legt ein Veto ein. Und selbst ein Fahrgastverband sieht den Vorstoß kritisch.

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hessenschau vom 27.06.2020
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Einen Euro kostet bislang eine Busfahrt von der Kirchstraße in Atzbach zum Rathaus in Dorlar. Genauso viel wie eine Fahrt vom Römischen Forum in Waldgirmes zur Haltestelle Steinsköppel in Dorlar. Und eine Fahrt von der Kirchstraße zum Römischen Forum, die mit rund vier Kilometern längstmögliche Strecke innerhalb der Gemeinde Lahnau (Lahn-Dill), kostet ebenfalls einen Euro.

Möglich macht es das schon vor Jahren eingeführte "Lahnau-intern-Ticket". Doch der CDU in Lahnau geht das nicht weit genug: Die Gemeinde könnte das subventionierte Ticket doch einfach komplett streichen und die Kosten in Höhe von zusätzlich etwa 7.000 Euro übernehmen.

Diesem Vorschlag der Christdemokraten folgte die Gemeindevertretung im Februar einstimmig, das kostenlose Ticket solle "schnellstmöglich" eingeführt werden, heißt es im Sitzungsprotokoll.

"Tarifsystem wird torpediert"

Doch der Rhein-Main-Verkehrs-Verbund (RMV) bremst das Vorhaben aus, wie der Gießener Anzeiger zuerst berichtete. Schriftlich erklärt der Verbund dem hr: "Als der RMV 1995 gegründet wurde, gehörte ein verbundweit einheitliches Tarifsystem zu seinen größten Errungenschaften. Egal, von wo nach wo Fahrgäste unterwegs sind, sollen sie nur eine Fahrkarte kaufen müssen und der Preis soll sich nach den durchfahrenen Tarifgebieten richten."

Eine zu starke Subventionierung bis hin zum Nulltarif torpediere jedoch dieses verbundweite Tarifsystem. Zudem sollten zu hohe Preisunterschiede möglichst vermieden werden.

Eine weitere Befürchtung des RMV: Fahrgäste, die von anderen Tarifgebieten nach oder durch Lahnau hindurch fahren, könnten ihre Fahrkarten stückeln, also zum Beispiel nur bis zum Lahnauer Ortsrand lösen. So "würde die Stadt mit einem Nulltarif auch Fahrten billiger machen, die nicht nur auf dem Stadtgebiet unterwegs sind."

7.000 Euro würden wohl nicht reichen

Diese sogenannten Durchtarifierungsverluste träfen auch andere Gesellschafter des RMV. Um diese Verluste auszugleichen würden die eingeplanten 7.000 Euro wohl nicht reichen.

Außerdem befürchtet der RMV immense Einnahmeausfälle, wenn andere Kommunen das Lahnauer Modell übernehmen würden. Grundsätzlich, so der RMV, könnten Gesellschafter den Fahrkartenpreis mit eigenem Geld zwar subventionieren – wie es in Lahnau mit dem Ein-Euro-Ticket bereits praktiziert wird. Das letzte Wort darüber hat aber der RMV.

"Will der RMV nicht, dass die Busse genutzt werden?"

"Die Argumente des RMV sind nicht von der Hand zu weisen", teilt Lahnaus Bürgermeisterin Silvia Wrenger-Knispel (CDU) dem hr mit. Andererseits seien kostenlose Tickets in Hinblick auf den Klimaschutz eine gute Sache. Ihre Schlussfolgerung aus der aktuellen Debatte: "Wir müssen das Vorhaben nochmal überdenken."

Das sieht ihr Parteikollege, Lahnaus CDU-Vorsitzender Ronald Döpp, allerdings ganz anders. "Ich poche auf die Umsetzung des kostenlosen Tickets", sagt Döpp. Das Ein-Euro-Ticket sei längst da, das kostenlose Ticket sei die logische Konsequenz. "Will der RMV nicht, dass die Busse genutzt werden?", fragt er rhetorisch.

Busse werden in Randzeiten wenig genutzt

Bislang würden die Busse zu den Stoßzeiten morgens und abends stark genutzt, dazwischen nicht. "Senioren und Kindern böte sich ein zusätzlicher Anreiz, mit dem Bus zu fahren - etwa zu den Sportstätten oder zum Schwimmbad, vor allem im Winter."

Doch nicht nur der RMV sieht das Vorhaben kritisch. Thomas Kraft, ehemaliger Nahverkehrsbeauftragter in Lahnau und Sprecher des Fahrgastverbands Pro Bahn, erklärt: "Zum einen kämen zu den angedachten 7.000 Euro weitere Ausgaben wie Personalkosten dazu, dann wären möglicherweise auch mehr Sicherheitskräfte nötig." Denn es könnte der Gedanke aufkommen, dass das, was nichts kostet, auch nichts wert sei. Die Folge: Vandalismus in den Bussen.

Regionales Sozial-Ticket statt kostenloser Fahrten?

Kraft plädiert auch wegen der niedrigen Fahrgastzahlen für günstigere Tickets für Fahrten nach Wetzlar und Gießen, die größeren Städte westlich und östlich von Lahnau. Gerade für Menschen mit wenig Einkommen wie Hartz-IV-Empfänger oder Rentner sei ein Sozialticket für die Region sinnvoller als eine Insellösung nur für die Gemeinde. "Immer wieder kommt es vor, dass arme Menschen sich Fahrten zum Jobcenter nicht leisten können."

Für CDU-Mann Roland Döpp ist das jedoch Zukunftsmusik. "Wir könnten den Menschen in der Gemeinde das kostenlose Ticket sofort anbieten." Er wolle nicht warten, bis der RMV seine Tarifstruktur ändere, sondern nochmal das Gespräch mit dem Verkehrs-Verbund suchen.

Als Vorschlag zur Güte bringt Döpp eine einjährige Testphase für das kostenlose Ticket in Lahnau ins Spiel. "Danach könnten wir sehen, wie gut es angenommen wird."

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 27.06.2020, 19.30 Uhr