Ein junger Mann in Kapuzenpulli und mit Kopfhörer steht vor einem Boot und arbeitet daran.

In der Marburger Bootswerft sollen Langzeitarbeitslose fit gemacht werden für den Arbeitsmarkt. Wer kommt hierher und warum? Und was bringen solche Maßnahmen überhaupt?

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Ragnar ist trotz seiner 25 Jahre schon langzeitarbeitslos. Zurzeit hat er aber eine Beschäftigung: Jeden Tag kommt er in die Marburger Bootswerft, das Jobcenter hat ihn geschickt. Seit März schraubt und schleift Ragnar an Booten herum. Mit dem Job soll er auf den richtigen Arbeitsalltag vorbereitet werden.

Gerade steht er draußen und schleift am Bug der "Hermann", einem löchrigen Boot vom Edersee. Warum er hier ist? "Weil ich dreieinhalb Jahre auf meiner Couch gelebt habe", erzählt Ragnar: "Dementsprechend war so ein geregelter Tagesablauf so gar nicht drin bei mir." Dank der Arbeit in der Bootswerft habe sein Tag wieder Struktur - Spaß mache sie ihm auch.

Langzeitsarbeitsloser Ragnar in der Marburger Bootswerft

Ungefähr 15 Langzeitarbeitslose arbeiten derzeit in der Bootswerft in Cölbe bei Marburg - die Zahl schwankt immer ein wenig. Doch das Ziel ist bei allen gleich: Wiedereingliederung in den ersten Arbeitsmarkt. Deshalb hat sie das Jobcenter hierher geschickt.

Weil die Beschäftigten niemals oder seit sehr langer Zeit nicht mehr fest gearbeitet haben, lernen sie hier nicht nur Handwerkliches, sondern Grundlegendes: Pünktlichkeit, Zeitmanagement, Kollegialität. Und das alles, während sie alte Boote neu lackieren oder aus den Segeln Taschen nähen. 1,50 Euro die Stunde gibt es dafür, zusätzlich zu ihren Hartz-IV-Bezügen.

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hr-Film

Für ihren Film "7 Tage ... in der Hartz-IV-Maßnahme" verbrachte unsere Autorin Lisa Muckelberg viel Zeit mit Langzeitarbeitslosen in der Marburger Bootswerft. Der Film läuft am 9. Dezember um 21.45 Uhr im hr-fernsehen und ist außerdem in der ARD-Mediathek abrufbar.

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Alle hier sind länger als ein Jahr ohne Arbeit, die meisten schon weit länger. Melanie zum Beispiel - auch sie will nicht mit vollem Namen in diesem Bericht stehen, ohnehin sind hier alle per Du. Melanie also hatte noch nie einen richtigen Job, wie sie sagt: "Seit meiner Ausbildung 2014 bin ich von Maßnahme zu Maßnahme. Ich habe über 100 Bewerbungen geschrieben - leider ohne Erfolg."

Langzeitsarbeitslose Melanie in der Marburger Bootswerft

Jetzt sitzt die 33-Jährige in der Nähwerkstatt der Bootswerft und arbeitet an einem Kuscheltier. Ein bunter Hahn - den bekommen die Neugeborenen in Marburg von der Stadtverwaltung zur Geburt geschenkt. Auch Melanie ist froh, dass sie hier ist: "So weiß ich jeden Morgen, wofür ich aufstehe."

Carmen Engelbrecht ist Sozialpädagogin und hat die Werft mit aufgebaut. Sie betreut die Arbeitslosen, schreibt mit ihnen Bewerbungen und kümmert sich um das, was sie brauchen. "Es gibt nicht den einen Typ von Langzeitarbeitslosem oder Langzeitarbeitsloser", berichtet sie: "Die Gründe sind ganz unterschiedlich: Sucht, psychische Erkrankung, Depression, Unlust, Ängste, Schwarzarbeit. Alles, was einen davon abhalten könnte, zur Arbeit zu gehen."

Sozialpädagogin Carmen Engelbrecht in der Marburger Bootswerft

Bei Ragnar war es wohl eine Mischung daraus, wie er erzählt: "Ich habe das Abi nicht geschafft, weil ich das Schwänzen für mich entdeckt habe. Gleichzeitig haben mich meine Kindheitstraumata eingeholt." Irgendwann habe es ihn aber genervt, den ganzen Tag nichts zu tun. "Wenn man nur daheim rumsitzt, zockt oder Party macht - irgendwann hört alles auf, Spaß zu machen. Es bringt nichts. Es gibt einem keinerlei Gefühl, irgendwas geschafft zu haben", sagt der 25-Jährige.

Jetzt sei das anders. Ragnar sagt: "Das Schwierigste für mich war immer das Aufstehen, tatsächlich den Arsch hochkriegen, zur Arbeit zu gehen und anzufangen. Aber hier nicht, hier komme ich gern her." Er zeigt mit der Hand in einem Halbkreis durch die Halle. Ragnar schätzt vor allem die Struktur, die die Arbeit in der Bootswerft ihm gibt.

Und: Am Ende des Tages weiß er, was er geschafft hat. Auch wenn es nicht das ist, was er sein Leben lang machen will, wie er sagt: "Eigentlich will ich Zimmermann werden, vielleicht später in Richtung Fachwerkrestaurierung gehen. Aber aktuell habe ich die Bewerbungsfrist gerade verpasst."

Marburger Bootswerft von außen

Nach außen wirkt die Bootswerft wie ein ganz normaler Betrieb, aber wer mal einige Tage dort ist, merkt: Hier herrscht ein anderer Wind - eher ein laues Lüftchen. Wenn hier jemand falsch lackiert, gibt es keinen Ärger. Dann wird es halt neu gemacht. Und wenn dadurch alles doppelt und dreimal so lange dauert, dann ist das halt so.

Die Werft kann sich das erlauben, sie muss nicht auf dem freien Markt bestehen, sie ist ein sozialer Betrieb. Wichtiger als Profit ist der individuelle Fortschritt jeder und jedes einzelnen. Das wissen auch die Kunden - und dann ist es nicht so schlimm, wenn die roten Kanus vom Ruderverein erst zwei Wochen später fertig werden.

Neben Ragnar und Melanie arbeitet auch Jürgen hier. Der 51-Jährige hockt in einem der Boote und schleift die Kanten ab. Eine mühselige Arbeit, aber sie mache Spaß, sagt Jürgen. Seinen letzten Job hatte er vor 25 Jahren, in einer Spedition. Aber in einer Spirale aus Alkoholsucht, Spielsucht und Schulden ist er in die Obdachlosigkeit gerutscht. 20 Jahre lang hat er auf der Straße gelebt und Flaschen gesammelt. Ein hartes Schicksal. Doch Jürgen wirkt nicht verbittert: "Ich hab' in der Zeit auch viel Menschenkenntnis gelernt. Bin fast froh drüber - na ja, die Obdachlosigkeit hätte echt nicht sein müssen. Ich hätte auch sofort zum Amt gehen können. Aber dafür war ich, ehrlich gesagt, zu stolz."

Langzeitsarbeitsloser Jürgen in der Marburger Bootswerft

Nun hat Jürgen sich doch beim Jobcenter gemeldet, ist wieder krankenversichert, hat ein Dach über dem Kopf und soll zurück in die Arbeit finden. Er ist wieder angekommen im Sozialsystem - für ihn ist das ein Erfolg. Aber schafft er es auch raus aus der Maßnahme hinein in einen richtigen Job?

Die Quote der Weitervermittlung in den ersten Arbeitsmarkt liege etwa bei 30 Prozent, erzählt Sozialpädagogin Carmen Engelbrecht. Viele schaffen es also nicht - bei ihnen sind die Probleme einfach zu groß. Aber, so sagt sie: "Niemand soll die Maßnahme hier verlassen, ohne eine Perspektive zu haben. Es kann auch sein, dass jemand sagt: Ich gehe noch mal in einen Entzug, in eine Klinik." Auch das sieht die Leiterin der Werft als Erfolg an.

Viele der Beschäftigten in der Bootswerft würden gern für immer bleiben, sie fühlen sich wohl hier. Aber genau das ist nicht vorgesehen, auch andere sollen von der Einrichtung profitieren, weswegen die Hartz-IV-Maßnahmen befristet sind: Nach sechs Monaten, spätestens nach zwölf, ist Schluss. Dann geht es im besten Fall in einen richtigen Job - in den meisten Fällen geht es jedoch weiter in die nächste Maßnahme.

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Aus Hartz IV wird Bürgergeld

Die Ampel-Koalition will das Arbeitslosengeld II, also Hartz IV, durch ein Bürgergeld ersetzen, so steht es im Koalitionsvertrag. Am Prinzip des Förderns und Forderns soll sich aber nichts Grundlegendes ändern - damit bleiben voraussichtlich auch die Jobcenter-Maßnahmen bestehen. Allerdings soll es einen Bonus für die Teilnehmenden geben, und die Beratung im Jobcenter soll mehr auf Vertrauen basieren. Es ist jedoch nicht davon die Rede, die Sanktionen zu streichen.

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