Daniel Díaz Picón steht auf einem Friedhof, im Hintergrund eine Friedhofskapelle.

Mal arbeitet er im Himmel, mal bringt er Menschen unter die Erde: Daniel Díaz Picón aus Darmstadt hat seit Corona zwei Jobs - Flugbegleiter und Bestatter. Wie es dazu kam, erzählt er im Interview.

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Vom Flugbegleiter zum Bestatter

hs
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Wenn er keine Trolleys durch die Flugzeuggänge schiebt, Essen verteilt oder Durchsagen als Flugbegleiter macht, holt er Verstorbene aus der Pathologie, Urnen aus dem Krematorium oder schmückt Trauerhallen. Daniel Díaz Picón verteilt seine Arbeitskraft auf zwei Berufe, die so gar nicht zusammen passen wollen: Flugbegleiter und Bestatter.

hessenschau.de: Herr Díaz Picón, wie kamen Sie auf die Idee, bei einem Bestatter zu arbeiten?

Daniel Díaz Picón: Ich arbeite seit sieben Jahren als Flugbegleiter bei Condor. Wegen Corona hatte ich nur noch zwei bis drei Flüge pro Monat. Ein Freund von mir meinte dann: ‘Werde doch Bestatter, du kannst so was ab!' Im Sommer 2020 habe ich dann ein Praktikum bei Kahrhof gemacht, einem bekannten Bestattungsinstitut in Darmstadt, das schon die Beerdigung meiner Großeltern organisiert hat. Zuerst habe ich reingeschnuppert, war in der Pathologie und im Krematorium. Das alles fand ich sehr faszinierend und fand auch, dass es ein guter Kontrast zur Fliegerei ist.

hessenschau.de: Welches sind die größten Unterschiede dieser beiden Berufe?

Daniel Díaz Picón: Oben in der Luft bin ich mit 300 Menschen auf engstem Raum und bis zu zwölf Stunden unterwegs. Dort ist alles ein bisschen stressiger, weil ich unter Zeitdruck arbeite und jeder sein Anliegen und seine Wünsche hat. Als Bestatter bin ich wesentlich entspannter und habe viel mehr Spielraum.

hessenschau.de: Wie sieht ihr Arbeitstag als Bestatter aus?

Daniel Díaz Picón: Manche Tage sind ruhig, an anderen Tagen ist total viel los und ich hole bis zu acht Verstorbene mit dem Leichenwagen aus der Pathologie, aus Altenheimen oder Hospizen ab und fahre sie ins Krematorium oder zur Zentrale von Karhof. Dort waschen wir Verstorbene, ziehen sie um und betten sie in einen Sarg ein, wenn sich Angehörige für eine Erdbestattung entschieden haben. Ich mache aber auch Behördengänge und hole Sterbeurkunden bei den Ämtern ab. Mittlerweile bin ich Bestattungsfachkraft und arbeite 30 bis 40 Stunden pro Woche in dem Job. Die Ausbildung zum staatlich anerkannten Bestatter habe ich noch nicht gemacht. Trotzdem mache ich fast alles, außer Angehörigengespräche.

hessenschau.de: Was halten ihre Familie und ihre Condor-Kollegen von ihrem Zweitjob?

Daniel Díaz Picón: Meine Eltern, Kollegen und meine Freundin wissen, was ich mache. Von ihnen bekomme ich viel Respekt und positives Feedback für den Beruf. Die meisten wollen aber keine Details wissen.

hessenschau.de: Gibt es etwas, woran Sie sich noch nicht gewöhnt haben?

Daniel Díaz Picón: Verstorbene kann ich inzwischen anfassen. Das ist kein Problem für mich. Aber an manche Gerüche und Aerosole, die Verstorbene ausstoßen, wenn man sie bewegt, habe ich mich noch nicht gewöhnt. An manchen Tagen trage ich zwei Atemschutzmasken übereinander und bin sehr dankbar für die Schutzausrüstung.

hessenschau.de: Der Tod ist ja auch ein emotionales und oft schmerzhaftes Thema. Wie gehen Sie damit um?

Daniel Díaz Picón: Ich habe tolle und erfahrene Kollegen, die mir geholfen haben, mich Schritt für Schritt an alles ranzutasten. Anfangs habe ich zum Beispiel nur ältere Personen aus Pflegeheimen abgeholt, die quasi ihr Lebensziel erreicht haben. Besonders schlimm ist es natürlich, wenn junge Menschen oder Kinder sterben. Inzwischen bin ich aber relativ immun geworden. Wenn ich jedes Mal weinen würde oder traurig wäre, würde mir das nicht gut tun und ich könnte meinen Beruf nicht ausüben. Ich versuche professionell zu bleiben und weiterzumachen.

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Leben mit zwei Jobs: Flugbegleiter und Bestatter

Bildkombination aus zwei Fotos: Links steht ein Mann in dunklem Anzug vor einer Trauerhalle. Rechts ein Selfie desselben Mannes, wie er im Pilotenjacket vor einem Flugzeug steht.
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hessenschau.de: Welche Einstellungen helfen Ihnen, um professionell zu bleiben?

Daniel Díaz Picón: Natürlich ist der Job als Bestatter nicht für jeden was. Man kann das, was ich mache, nur tun, wenn man davon überzeugt ist, mit sich im Reinen ist, einen klaren Kopf behalten kann und auch mal die Emotionen ausschalten kann. Gleichzeitig muss man empathisch sein. Ich empfinde es als großes Privileg, Menschen auf ihrer letzten Reise zu begleiten. Obwohl wir uns noch nie gesehen haben, mache ich den Sargdeckel zu. Ich versuche jeden Verstorbenen zu behandeln, wie jemanden, den ich gekannt hätte.

hessenschau.de: Haben Sie sich verändert, seitdem sie beim Bestatter arbeiten?

Daniel Díaz Picón: Ich bin mittlerweile viel geerdeter und lebe viel bewusster. Kleinigkeiten kann ich besser wertschätzen. Außerdem nehme ich meine Umwelt und meine Mitmenschen viel bewusster wahr, weil ich einfach jeden Tag vor Augen habe, wie schnell das Leben von heute auf morgen vorbei sein kann. Das darf man nie vergessen. Ich bin gläubig und glaube daran, dass es nach dem Tod weitergeht. Mittlerweile habe ich weniger Angst vor dem Tod und betrachte ihn eher mit Respekt und Ehrfurcht.

hessenschau.de: Was macht ihnen mehr Spaß, die Arbeit beim Bestatter oder die als Flugbegleiter?

Daniel Díaz Picón: Das werde ich oft gefragt. Mein Herz schlägt ehrlich gesagt immer noch für die Fliegerei. Als nächstes will ich mich als Purser bei Condor bewerben. Trotzdem kann ich mir vorstellen die Ausbildung zum staatlich anerkannten Bestattungsmeister zu machen.

Das Gespräch führte Anna Dangel.

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