Von wegen Truckerromantik: Schlechte Arbeitsbedingungen und Niedriglöhne schrecken den Lkw-Nachwuchs ab. Ein riesiges Problem für die Speditionen – dort stehen wegen Fahrermangels Teile der Fuhrparks still. Sind Prämien für Lkw-Headhunter der letzte Ausweg?

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Die Lastwagen werden weniger bei der Spedition Sobek in Mörfelden-Walldorf (Groß-Gerau). 14 stehen noch im Hof, zwei musste Spediteur Heinz-Peter Sobek seit November verkaufen. "Die Aufträge sind da, aber wir haben keine Fahrer", sagt Sobek. Fünf suche die Spedition gerade in Mörfelden, an den Tochterstandorten Stuttgart und Mannheim nochmal sechs.

So lange die Fahrer fehlen, stehen die Lkw still. "Wenn einer 20 Arbeitstage steht, kostet das ungefähr 3.000 Euro", rechnet Sobek. Irgendwann müsse er das Fahrzeug dann einfach verkaufen.

Der Fahrermangel trifft nicht nur Sobek, in ganz Hessen klagen die Spediteure. Laut einer Statistik des Bundesamtes für Güterverkehr gehen in Deutschland jedes Jahr 30.000 Fahrer in Rente, nur die Hälfte kommt nach. Das sind 15.000 Fahrer weniger pro Jahr – und laut des Fachverbands Güterkraftverkehr fehlen schon bundesweit jetzt etwa 45.000 Fahrer.

"Der 'King of the Road' sein, das ist vorbei"

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Speditionen werben Lkw-Fahrer von der Konkurrenz ab

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Verantwortlich für das Nachwuchsproblem sind nicht nur die harten Arbeitsbedingungen, das Leben auf wenig Raum oder der Kampf auf den Autobahnen, wie Claus Herzig, Vorstandsvorsitzender des Fachverbands Güterkraftverkehr in Hessen, sagt. Herzig, der eine Spedition in Eichenzell (Fulda) führt, sieht auch ein Imageproblem: "Der 'King of the Road' sein, das ist vorbei." Zudem trage die Abschaffung der Wehrpflicht einen Teil bei – dadurch würden deutlich weniger junge Menschen einen Lkw-Führerschein machen.

Um trotzdem Fahrer zu finden, gehen Speditionen inzwischen auch ungewöhnliche Wege. Eine Taktik: Fahrer von der Konkurrenz abwerben. "Als ich bei einer Spedition abgeladen habe, kam jemand aus dem Büro auf mich zu, um zu fragen, ob ich nicht Lust hätte, den Job zu wechseln. Sie hätten Fahrermangel", berichtet Udo Skoppeck, der als Trucker seit sieben Jahren für die selbe Spedition fährt. Auch auf Raststätten würden Fahrer immer öfter angesprochen. Andere Fahrer berichten auf Facebook von aktiven Abwerbeversuchen, teils mehrmals im Monat.

Wer anderen einen Fahrer abwirbt, bekommt 500 Euro

Dahinter stecken Speditionen, die ihren Mitarbeitern Prämien für neu vermittelte Fahrer zahlen – als Anreiz, unterwegs Personal von anderen Speditionen abzuwerben. Sie versprechen den neuen Fahrern viel: neue Wagen, hohe Löhne, gute Arbeitsbedingungen. Auch die Spedition Sobek setzt auf solche Prämien. Wer der Spedition einen neuen Fahrer bringt, bekommt 500 Euro. "Wir überlegen sogar, ob wir auf 1.000 Euro raufgehen sollen", sagt der Spediteur. Eine Chance, auf anderen Wegen neue Fahrer zu finden, sieht er mittlerweile nicht mehr.

Beim Fachverband Güterkraftverkehr kennt man die Taktik. "Ich halte das für unmoralisch und unter Unternehmerkollegen auch für schädlich", sagt Herzig. Auch er sucht nach Fahrern für seine Spedition, setzt dabei allerdings auf soziale Medien. Außerdem: Kino-Werbung, Aufkleber auf den Lkw-Planen und Ausbildung. "Gerade wenn Sie einen Fahrer ausgebildet haben und er dann abgeworben wird, ist das ärgerlich", sagt er. Ihm sei das schon passiert.

Umschichtung hilft nicht gegen Fahrermangel

Spediteur Heinz-Peter Sobek setzt jetzt Prämien für die Suche nach neuen Fahrern aus.

Sobek hat zwei seiner Mitarbeiter von der Konkurrenz abgeworben, die Kritik sieht er gelassen: "Es ist halt ein Wettbewerb, auch um die Fahrer." Viele der kleineren Speditionen seien Existenzbetriebe, da gehe es bei Fahrermangel ums Ganze. Auch er kann zwei seiner Lastwagen im Moment nicht besetzen – wie schon bei den Lastwagen, die er deshalb verkaufen musste. "Wenn wir weiter keine Fahrer finden, weiß ich nicht, wie es mit der Spedition weitergehen soll", sagt er.

Lkw-Fahrer Skoppeck kennt die Not der Speditionen und hofft auf eine Chance für die Fahrer. "Wenn sie mit den Angeboten den aktuellen Lohn toppen, beschleunigt das den Lohnzuwachs", sagt er. Die Entwicklung, dass Speditionen sich gegenseitig die Fahrer abwerben, sieht er dennoch kritisch: "Das ist eine Umschichtung von Fahrern und eine Umschichtung behebt den Fahrermangel nicht." Besser sei es, auszubilden – oder gleich Menschen ohne Arbeit anzulernen.

Sendung: hessenschau, 30.4.2019, 19:30 Uhr