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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Marburgs OB testet, ob Radfahren wirklich "eine Katastrophe" ist

Thomas Spies (2.v.r.) radelt mit Vertretern der Bürgerinitiative durch Marburg

Der Marburger Oberbürgermeister Spies ist 13 Kilometer durch die Stadt geradelt, um zu sehen, wo es Probleme für Radfahrer gibt. Zuletzt hatte es viel Ärger über fehlende Radspuren gegeben. Es gebe einfach zu wenig Platz, sagt der OB.

Die Gruppe ist kaum losgeradelt, der Oberbürgermeister in der Mitte, da stoppt sie auch schon wieder: Die Straße führt weiter, aber der Fahrradweg endet einfach auf der Ketzerbach, einer wichtigen Zubringerstraße, die vom Westen her in die Marburger Stadtmitte führt.

Harald Schröder, Fachdienstleiter Straßenverkehr im Rathaus, hat auch gleich eine Erklärung bereit: Die Straße wird hier schmal, und verbreitern kann man sie nicht, da müsse man Bäume fällen. Zudem sei die Stadt hier gar nicht zuständig, sondern das Land oder der Bund.

"Die Situation ist eine Katastrophe"

So geht es häufig an diesem Freitag. Die Bürgerinitiative (BI) Verkehrswende hatte Oberbürgermeister Thomas Spies (SPD) eingeladen, mit ihr durch die Stadt zu radeln. "Die Situation für Radfahrer in der Stadt Marburg ist eine Katastrophe", sagt Johannes Becker, Sprecher der BI. "Radwege enden im Nirgendwo, und in einigen Straßen gibt es überhaupt keine Markierungen für Radfahrer."

OB Spies hört zu. Mehrmals im Jahr lautet sein Angebot "3.000 Schritte mit dem OB" - dabei lädt er Bürger ein, mit ihm durch die Stadt zu gehen. Am Freitag sind es eben 13 Kilometer mit dem Fahrrad. Er sagt, das Problem seien häufig die Gegebenheiten in Marburg, der "Insel zwischen zwei Bergen, durch die ein Fluss fließt". Das Straßen seien deshalb oft zu eng. "Bei manchen Strecken können wir einfach keine Radstreifen installieren, weil schlichtweg nicht genug Platz ist."

Das Thema Verkehr ist in Marburg brandaktuell. Als vor gut zwei Monaten die Weidenhäuser Brücke nach über 18 Monaten Bauzeit wieder eröffnet wurde, war der Ärger groß: Es gibt zwar nun zwei Autospuren in Richtung Innenstadt, dafür aber keinen eigenen Radweg, nicht mal einen Radstreifen. Ulrich Wagner von der BI war bei der Eröffnung ziemlich sauer: "Das zeugt von einer rückwärtsgewandten Verkehrspolitik und zeigt, dass immer noch aus Sicht der Autofahrer gedacht und geplant wird."

Autospuren zusammengefügt, verkehrsberuhigte Zonen

An anderen Stellen gibt es dagegen Bewegung: So hat die Stadt in den Herbstferien begonnen, den Bereich um die Elisabethkirche zu verkehrsberuhigen und für Radfahrer auszubauen. Im Bereich der Bahnhofstraße wurden die zwei Autospuren zu einer Spur zusammengefügt. Dafür wurde ein Radstreifen eingerichtet und eine breitere Busspur, auf der auch die Radfahrer in Richtung Marbach fahren können.

"Wir freuen uns sehr über diese Maßnahmen", sagt Sara Müller, Psychologiestudentin und seit einigen Monaten ebenfalls Mitglied der BI. Immerhin pendelten täglich hunderte Studenten mit dem Fahrrad in die neue Unibibliothek am Fuße der Oberstadt. Trotzdem ist für sie die Lage der Radfahrer immer noch ziemlich bescheiden. Ihr wird bei dem Termin deutlich zu viel geredet, konkrete Lösungsvorschläge fehlen ihr.

Das Ziel lautet Top 10

Johannes Becker von der Bürgerinitiative dagegen ist zufrieden: "Dass so ein Termin wie heute überhaupt möglich ist, ist nicht selbstverständlich. Ich empfinde es als sehr konstruktiv, dass wir dem OB zeigen können, wo für uns noch Schwachstellen liegen." Das Ziel bleibe klar: eine Verkehrswende hin zu mehr Radverkehr.

Und auch Thomas Spies scheint ein Ziel zu haben mit Blick auf den Fahrradklima-Test des Fahrradverbands ADFC. Hier liegt Marburg derzeit im Mittelfeld, auf Platz 39 unter den mittelgroßen Städten in Deutschland. "Aber ich würde mich freuen, wenn wir es innerhalb der nächsten 5 Jahre unter die Top 10 schaffen."

Sendung: hr4, 18.10.2019, 18.30 Uhr