Teilchenbeschleuniger Fair

Der Teilchenbeschleuniger in Darmstadt wird für Hessen rund 80 Millionen Euro teurer als bislang geplant. Die Kostenexplosion dürfte den Etat der grünen Wissenschaftsministerin Dorn belasten. Doch dort tut man so, als wisse man nichts von den Mehrkosten.

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Laut dem Finanzministerium von Thomas Schäfer (CDU) steigen die bisher abzusehenden Kosten für Hessen um 80 Millionen auf rund 240 Millionen Euro. Das geht aus einer Antwort auf eine Anfrage des Bundes der Steuerzahler Hessen hervor, die dem hr vorliegt.

Bereits im Frühjahr war die Gesamtkostensteigerung des Teilchenbeschleunigers in Darmstadt um mindestens 850 Millionen Euro auf rund 2,2 Milliarden Euro bekannt geworden. Die Kosten werden zu 70 Prozent von Deutschland und zu 30 Prozent von internationalen Partnern übernommen.

Wissenschaftsministerium hält sich bedeckt

Der Etat FAIR ("Facility for Antiproton und Ion Research in Europe" - Anlage für die Forschung mit Antiprotonen und Ionen in Europa) schlägt bislang im Wissenschaftsministerium von Angela Dorn (Grüne) zu Buche. Dort erklärte man auf hr-Anfrage jedoch, man wisse nicht, wie viele Mehrkosten auf das Land zukämen.

Für den Vorsitzenden des Steuerzahlerbundes Hessen, Joachim Papendick, ein Ärgernis. Aus seiner Sicht wird die Öffentlichkeit nur unzureichend über die Kostenexplosion informiert. "Wenn das Wissenschaftsministerium da jetzt nicht konkret antworten will, kann ich das nicht nachvollziehen", sagte Papendick der hessenschau.

 Studierende befürchten Streichungen in der Lehre

Derzeit befindet sich Ministerin Dorn mit Finanzminister Schäfer in Haushaltsverhandlungen. Angesichts rückläufiger Steuerschätzungen und einer drohenden Rezession dürften die 80 Millionen Mehrausgaben für FAIR eine schwere Hypothek für den Etat der Grünen sein.

Woher sollen die 80 Millionen Euro am Ende kommen? Die Diskussion darüber hat bereits begonnen. Die Studierenden befürchten, dass bei ihnen gespart wird.

"In der Lehre fehlt das Geld in der Breite auf jeden Fall, da ist die Bereitschaft auch nicht in dem Maße da, wie es bei einem Prestigeprojekt wie FAIR der Fall ist", sagt Marcus Lamprecht vom fzs (freier zusammenschluss von student*innenschaften) der hessenschau. Der Politikmanagement-Student befürchtet, dass das Geld für FAIR am Ende den Unis bei der Lehre abgeknapst wird.

"Point of no return" ist erreicht 

Der Betreiber von FAIR ist die GSI Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung GmbH in Darmstadt. Sie hat sich auf hr-Anfrage zu den Gründen für die Mehrkosten bislang nicht geäußert. Auf Nachfrage war am Montag in der Pressestelle zu hören, die drei Geschäftsführer würden sich dazu noch beraten.

Ein Stopp des Projektes ist allerdings trotz der Kostenexplosion nicht zu erwarten. Denn wie immer bei solchen Mega-Projekten sind irgendwann Fakten geschaffen, die einen "point of no return" schaffen. Wenn erst, wie in Darmstadt-Wixhausen, für hunderte Millionen Euro Erde ausgehoben worden ist, kann kein Politiker verantworten, das Bauprojekt einzustellen. Das Geld wäre dann buchstäblich in den Sand gesetzt. Es wird fertig gebaut, egal was es am Ende kostet.

hs

Dem Bundesrechnungshof erschien in seinem Bericht zu FAIR eine Fertigstellung des Projekts bereits 2018 fraglich. Damals ging es um einen Preissprung von 493 auf 729 Millionen Euro. Eine weitere Prüfung des Milliardenprojektes ist von der Bundesbehörde nicht mehr zu erwarten. Denn schon seine damalige Warnung vor unkontrollierbaren Kosten erlosch im politischen Raum wie eine Sternschnuppe am Nachthimmel.   

Erforschung des Urknalls

Mit der Teilchenbeschleunigeranlage soll die Entstehung des Universums erforscht werden - in einem unvorstellbar kleinen Maßstab. Das geplante Projekt Fair zählt zu den größten Forschungsvorhaben weltweit.

Mit der Anlage auf rund 150.000 Quadratmetern und insgesamt 20 Bauwerken kann nach Angaben des Ministeriums Materie im Labor erzeugt und erforscht werden, wie sie nur im entfernten Universum vorkommt. Darüber hinaus könnten auch neuartige Anwendungen in Medizin und Technik entwickelt werden.

Herzstück soll ein 1,1 Kilometer langer Kreisbeschleuniger sein. Er wird an den bestehenden Beschleuniger des GSI Helmholtzzentrums für Schwerionenforschung angedockt. Ein ähnliches Projekt ist das Europäische Kernforschungszentrum Cern bei Genf.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 20.8.2019, 19.30 Uhr