Collage; Links: Geplanter Streckenverlauf der Citybahn von Bad Schwalbach über Wiesbaden nach Mainz. Rechts: Modell der Straßenbahn in Wiesbaden

In zwei Monaten stimmen die Wiesbadener über die umstrittene Straßenbahn ab. Oberbürgermeister Mende und weitere Befürworter demonstrieren am Samstag für den Bau. Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Großprojekt.

Für die einen ist sie das einzige Mittel gegen den drohenden Verkehrskollaps, für die anderen eine teure Verschandelung der schmucken Landeshauptstadt ohne echten Nutzen: Die geplante Citybahn ist bei den Wiesbadenern seit Beginn der Planung umstritten.

Seit den 1990er Jahren wird über eine Straßenbahn für die Stadt diskutiert, doch alle Pläne wurden wegen großer Widerstände verworfen. Auch das Großprojekt Citybahn könnte noch scheitern: Am 1. November dürfen die Wiesbadener in einem Bürgerentscheid darüber abstimmen.

Befürworter der Bahn demonstrieren an diesem Samstagnachmittag in der Innenstadt. Bei der Veranstaltung will auch Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende (SPD) die Wiesbadener mit einer Rede von den Vorteilen der Bahn überzeugen.

Worum geht es bei dem Projekt?

Der Öffentliche Nahverkehr in Wiesbaden ist überschaubar: Bisher fahren dort ausschließlich Busse, die steigenden Fahrgastzahlen sind damit laut Betreiber ESWE nicht mehr zu bewältigen. Die Straßenbahn soll Entlastung bringen und zudem möglichst viele Autofahrer zum Umsteigen bewegen.

Die Planungen gehen über Wiesbaden hinaus: Die Citybahn soll die Landeshauptstadt mit Mainz und dem Rheingau-Taunus-Kreis verbinden.

Wo soll die Citybahn fahren?

Auf rund 35 Kilometern von Bad Schwalbach über Taunusstein und Wiesbaden nach Mainz. Im Rheingau-Taunus-Kreis sollen dafür die Gleise der Aartalbahn reaktiviert werden, der Streckenverlauf ist dort somit vorgegeben.

Karte, die den geplanten Streckenverlauf der Citybahn von Bad Schwalbach über Wiesbaden nach Mainz zeigt

Unklar ist, wo die Gleise an die Wiesbadener Strecke in Klarenthal angeschlossen werden sollen. Über die Hochschule RheinMain soll die Bahn durch die Innenstadt zum Hauptbahnhof fahren und von dort weiter nach Biebrich und Kastell. Die Anbindung nach Mainz soll über die Theodor-Heuss-Brücke erfolgen. Welchen Weg die Bahn von dort aus zum Hauptbahnhof nehmen soll, steht noch nicht fest.

Von der Endstation Bad Schwalbach bis zum Mainzer Hauptbahnhof rechnen die Planer mit einer Fahrtzeit von etwa 60 Minuten. Je nach Streckenabschnitt sollen die Bahnen im 5- bis 15-Minuten-Takt fahren.

Welche Argumente haben die Befürworter?

Für Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende (SPD) ist die Citybahn "zentraler Bestandteil für die Lösung der unbestreitbaren Verkehrsprobleme in Wiesbaden". Die Region wachse weiter, so die Befürworter der Bahn. Schon heute seien die Busse überfüllt und die Straßen verstopft. Entsprechend hoch sei die Schadstoffbelastung. "Die nötige Verkehrswende wird nur mit der CityBahn als starkem Rückgrat gelingen", ist die Bürgerinitiative ProCityBahn überzeugt.

Der Vorteil der geplanten Straßenbahn liegt laut Citybahn GmbH vor allem in der hohen Kapazität: Eine Bahn mit zwei Wagen könne 440 Fahrgäste befördern und damit 4,6 Gelenkbusse ersetzen. Werktags rechnet die Citybahn GmbH mit 100.000 Fahrgästen – darunter allein 60.000 Menschen, die heute die besonders frequentierten Buslinien nutzen.

Die gute Anbindung und die kurzen Fahrtzeiten sollen außerdem bis zu 20.000 Autofahrer täglich zum Umstieg auf den ÖPNV bewegen und so die Straßen und die Umwelt entlasten. Weitere Argumente der Befürworter: Die Bahn fährt emissionsfrei und ist leiser als Bus und Auto.

Die Idee, mehr Busse einzusetzen oder die Taktung zu verdichten, halten weder Bürgerinitiative noch Citybahn GmbH für praktikabel: Die Busse behinderten sich schon jetzt gegenseitig.

Was kritisieren die Citybahn-Gegner?

Auch die Gegner der Citybahn haben sich in Bürgerinitiativen organisiert. Sie kritisieren vor allem die hohen Kosten für das Vorhaben und den nicht belegbaren Nutzen. Dass die Busse in Wiesbaden am Limit sind, zweifeln sie an - genauso wie die von der Citybahn GmbH genannten Transportkapazitäten der Bahnen. Neben den Kosten für Planung und Bau befürchten sie Verluste im laufenden Betrieb und hohe Ausgaben für die Instandhaltung. Wer dafür aufkomme, sei nicht transparent.

Die Gegner argumentieren, dass die Citybahn sich sogar negativ auf den Straßenverkehr und die Umwelt auswirken wird: Weil für die Schienen ein Teil der Autospuren wegfällt, komme es zu längeren Staus und zusätzlicher Luftverschmutzung. Gerade an Engpässen wie der Theodor-Heuss-Brücke könne das zum Problem werden. Dass tausende Autofahrer auf die Bahn umsteigen, bezweifeln sie.

Zudem müssten Parkplätze und Bäume weichen, während der Bauphase wirke sich außerdem der Feinstaub negativ auf die Umwelt aus. Durch die Bahn befürchten sie mehr Lärm, Schäden durch Erschütterung und die Verschandelung des Stadtbildes.

Die Kritiker der Citybahn setzen stattdessen auf mehr Busse mit höheren Kapazitäten und umweltfreundlicherem Antrieb. Zusätzlich sollten das Busnetz sowie die Fahrpläne überarbeitet werden und Park-and-Ride-Parkplätzen für Pendler geschaffen werden. Auch selbstfahrende Busse und Sammeltaxis können sie sich als Ergänzung vorstellen.

Wie hoch sind die geplanten Kosten?

Eine Machbarkeitsstudie hatte 2016 Baukosten in Höhe von 305 Millionen Euro ermittelt - einer neuen Prognose zufolge reicht das nicht aus. Die nötigen Investitionen werden nun auf bis zu 426 Millionen Euro geschätzt, wie die Citybahn GmbH Anfang September mitteilte. Die neue Kostenschätzung berücksichtigt den Angaben zufolge unter anderem veränderte Streckenführungen und die Entwicklung der Bodenpreise.

Bis zu 90 Prozent der Kosten könnten von Bund und Land übernommen werden, die übrige Summe müssen sich die beteiligten Kommunen teilen. Wichtig für die Chance auf Fördermittel ist der Nutzen-Kosten-Faktor: Er muss über einem Wert von eins liegen, was bedeutet, dass der volkswirtschaftliche Nutzen die Kosten übersteigt. Den vorherigen Schätzungen zufolge liegt der Wert für die Citybahn bei 1,5.

Was sind die nächsten Schritte?

Am 1. November dürfen die Wiesbadener in einem Bürgerentscheid darüber abstimmen, ob die Citybahn kommen soll oder nicht. Entscheidend ist zum einen, ob die Mehrheit der gültigen Stimmen auf ein "Ja" oder "Nein" entfällt. Aber auch die Höhe der Wahlbeteilung spielt eine Rolle: Die Entscheidung ist nur gültig, wenn diese Mehrheit mindestens 15 Prozent der Stimmberechtigten entspricht.

Fällt die Entscheidung für die Citybahn aus, soll der Bau in Wiesbaden von der Theodor-Heuss-Brücke aus in beide Richtungen starten. Damit die Brücke der zusätzlichen Belastung stand hält, muss sie an einigen Punkten verstärkt werden. Sobald ein Abschnitt fertiggestellt ist, soll er in Betrieb genommen werden. Die Bauarbeiten im Rheingau-Taunus-Kreis könnten laut Citybahn GmbH sogar noch vorher beginnen.

Perspektivisch sollen auch weitere Stadtteile von Mainz und Wiesbaden an das Netz angebunden werden, so die Planer.