Priska Hinz, Firma Wilke bei Dunkelheit

Schwerer Vorwurf im Fall Wilke an den Landkreis Waldeck-Frankenberg: Ministerin Hinz sagt, die Behörde habe eine Kontrolle "vor dem verabredeten Zeitpunkt" durchgeführt und unzureichend informiert. Der Kreis entgegnet, es sei um ein "unverfälschtes Bild der Lage" gegangen.

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Bei einer wichtigen Kontrolle des Twistetaler Wurstproduzenten Wilke ist offenbar nicht alles so abgelaufen wie vorgesehen. Das berichtete Verbraucherschutzministerin Priska Hinz (Grüne) am Mittwoch im Umweltausschuss des Landtags. Sie warf dem zuständigen Landkreis Waldeck-Frankenberg vor, er habe eine Kontrolle unabgesprochen früh durchgeführt und anschließend unzureichend über die gefundenen Mängel berichtet.

Wie Hinz berichtete, hatten am 5. September, gut einen Monat vor der vorläufigen Schließung des Betriebs Anfang Oktober, der Landkreis, das Regierungspräsidium Kassel sowie das Landeslabor Hessen eine unangemeldete Betriebskontrolle bei Wilke anberaumt.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Hinz muss sich vor dem Umweltausschuss erklären

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Allerdings habe der Landkreis nach derzeitigem Kenntnisstand die Kontrolle "vor dem verabredeten Zeitpunkt und vor dem Eintreffen der Vertreterinnen und Vertreter des Regierungspräsidiums Kassel und des Landeslabors Hessen durchgeführt", heißt es in einer Mitteilung des Ministeriums. Statt einer gemeinsamen Kontrolle gab es daher nur eine gemeinsame Besprechung, und: "Über die bei der Kontrolle vorgefundenen Mängel berichtete der Landkreis dem Regierungspräsidium in der Besprechung nach bisherigem Kenntnisstand unzureichend." Hinz sagte, sie fordere einen Bericht vom Landkreis bis zum 25. Oktober.

"Ein Bild von den Räumlichkeiten gemacht"

Der Landkreis Waldeck-Frankenberg war für den hr am Mittwoch nicht zu erreichen. In einer Mitteilung erklärt er jedoch, dass solchen Kontrollen in der Regel eine Vorbesprechung mit der Geschäftsführung des jeweiligen Betriebs voraus ginge. "Damit im konkreten Fall sichergestellt werden konnte, dass während dieser Vorbesprechung parallel in den Produktionsräumen der Firma Wilke nicht schnell eventuelle Mängel beseitigt werden, haben sich die Veterinäre des Landkreises Waldeck-Frankenberg bereits direkt beim Eintreffen ein Bild von den Räumlichkeiten gemacht", so der Landkreis.

Dieses Bild habe man an die Vertreter des Regierungspräsidiums weitergegeben, und diese hätten entschieden, "nicht noch einmal nachzukontrollieren, sondern die Ergebnisse des Landkreises in ihren Bericht mit aufzunehmen". Bis dato sei die Zusammenarbeit mit Regierungspräsidium und Ministerium "jederzeit gut, eng und vertrauensvoll" gewesen.

Proben wurden keine gezogen

Bereits zuvor ließ Landrat Reinhard Kubat in einer Mitteilung erklären, man arbeite mit Hochdruck an dem geforderten Bericht. Nach bisherigen Erkenntnissen hätten die zuständigen Kreis-Mitarbeiter angesichts der Umstände "nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt und einen guten Job gemacht". Die Maßnahmen seien jeweils "nach Rücksprache mit den anderen Behörden getroffen worden".

Weitere Informationen

Info-Hotline

Das Verbraucherministerium hat eine Hotline eingerichtet: Unter 06151-126082 werden Fragen zur Wilke-Rückrufaktion beantwortet. Erreichbar ist die Nummer montags bis donnerstags zwischen 8 und 16.30 Uhr sowie freitags zwischen 8 und 15 Uhr.

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Vom Regierungspräsidium hieß es, man könne die Mitteilung des Ministeriums grundsätzlich bestätigen. Über welche Mängel man unzureichend informiert worden sei, sagte ein Sprecher aber nicht. Auch ein Sprecher des Landeslabors sagt, der Vorgang habe sich so zugetragen, wie vom Ministerium dargestellt. Die Mitarbeiter des Landkreises hätten bei der Kontrolle auch keine Proben gezogen, die das Labor anschließend kontrollieren sollte.

Listeriose-Verdacht war zu dem Zeitpunkt bekannt

Die Frage, was sich bei dieser Kontrolle genau abgespielt hat, ist brisant. Zu dem Zeitpunkt wussten sowohl das Ministerium als auch der Landkreis bereits seit mehreren Wochen von dem Verdacht, dass Wilke-Wurst mit Listerien-Keimen befallen sein soll. Das hatten Recherchen des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) ergeben. Allerdings räumte Hinz am Mittwoch ein, ihre Behörde habe den Hinweis nicht mit der nötigen Relevanz behandelt.

Zudem waren bereits bei einer Kontrolle im April Listerien-Keime bei Wilke gefunden worden. Doch die Firma durfte vorerst weiterproduzieren, weil sie nach eigenen Angaben die Keime erfolgreich bekämpft hatte. Bei einer weiteren Kontrolle im Juli wurden auch keine weiteren Keime mehr gefunden.

Inzwischen ist bekannt, dass Keime von Wilke-Produkten in Dutzenden Fällen die Krankheit Listeriose ausgelöst haben sollen, in mindestens drei Fällen mit tödlichem Verlauf.

Wilke muss Schneidegeräte reinigen und desinfizieren

Was genau bei der Kontrolle am 5. September gefunden wurde, ist unklar. Allerdings musste Wilke daraufhin die Schneidegeräte grundlegend desinfizieren und reinigen.

Nochmals elf Tage später, am 16. September, erfuhr das Ministerium dann von einem zwingenden Nachweis, der 37 Listeriose-Krankheitsfälle mit der Wilke-Fleischerei in Verbindung bringt. Die Ministerin ordnete verstärkte Kontrollen an, diese führten am 30. September zu weiteren Listerien-Funden. Am Tag darauf wurde die Firma geschlossen.

Erst später wurde bekannt, dass bei Wilke zum Teil erschreckende hygienische Zustände geherrscht haben. So berichtete ein früherer Mitarbeiter dem hr, in der Firma seien frisches und vergammeltes Fleisch gemischt worden. Auch hätten die Mitarbeiter verschimmelte Wurst sauber gemacht und neu verpackt.

Versäumnisse im Ministerium

Hinz räumte am Mittwoch erneut Versäumnisse in ihrer Behörde ein, was die Bearbeitung des Falls Wilke betrifft. Sie kündigte an, die Arbeit in der entsprechenden Fachabteilung neu zu organisieren. Zudem wolle sie den Datenaustausch mit anderen Bundesländern verbessern.

Ein Sprecher der beim Regierungspräsidium Darmstadt angesiedelten "Task-Force Lebensmittelsicherheit" sagte, der Wilke-Geschäftsführer habe mit großem Unverständnis auf die dichteren Kontrollen reagiert. Fachliche Ansprechpartner bei Wilke hätten in der Folge gefehlt. Der Kontakt sei überwiegend über den Anwalt des Geschäftsführers gelaufen. Gegen den Manager ermittelt mittlerweile die Staatsanwaltschaft Kassel wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung.

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Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 16.10.2019, 19.30 Uhr