Klinikum Frankfurt Höchst
Klinikum Frankfurt Höchst Bild © picture-alliance/dpa (Archiv)

Der Psychiatrie-Skandal um das Klinikum Frankfurt Höchst schlägt hohe Wellen. Offenbar haben unabhängige Gutachter die jetzt aufgedeckten Missstände bereits vor Jahren dokumentiert und der Klinik mitgeteilt. Land und Stadt zeigen sich erschüttert und versprechen Aufklärung.

Videobeitrag
hessenschau

Video

zum Video Schwere Vorwürfe gegen Höchster Psychiatrie

Ende des Videobeitrags

Der Druck auf das Klinikum Frankfurt Höchst wächst. Denn offenbar wurde die Einrichtung bereits vor Jahren auf die nun in einer TV-Reportage aufgedeckten Misstände in der Akutstation D42 hingewiesen, sogar Lösungsvorschläge wurden unterbreitet. Der Medizinische Dienst der Krankenversicherung Hessen (MDK) bestätigte am Donnerstag dem hr, besagte Station bis einschließlich 2016 regelmäßig bewertet und die Zustände bereits damals angesprochen zu haben.

Man habe der Klinik in diesem Zuge auch konkrete Vorschläge zur Lösung der Probleme unterbreitet, teilte der Dienst mit. Es habe dabei vor allem Diskussionsbedarf hinsichtlich des Konzepts der Station gegeben. Der MDK bemängelte konkret "kurze Aufenhaltsdauern" von Patienten, "häufige Verlegungen" und eine "strukturell bedingte Atmosphäre der Unruhe und Diskontinuität". Sprich: Auf der Station D42 herrschte Chaos.

Um die Missstände zu beheben, empfahl der Dienst der Klinik demnach unter anderem eine Spezialisierung auf bestimmte psychische Erkrankungen. Passiert ist seitdem offenbar wenig bis nichts, ein weiterer Dialog mit der Klinik über die Bewertungsergebnisse habe laut MDK nicht stattgefunden.

Verdeckte Filmaufnahmen dokumentieren Verstöße

Das Klinikum Höchst hat sich auf Anfrage noch nicht zu den neuen Vorwürfen geäußert. Am Mittwoch hatte es den TV-Bericht noch als "stark verkürzt und aus den individuellen Zusammenhängen sowie Krankheitsbildern gerissen" kritisiert. Eine Darstellung, der eine ehemalige Pflegerin der Station D42 widerspricht. Dem hr sagte die Frau, die anonym bleiben möchte, dass die in der RTL-Sendung "Team Wallraff" dargestellten Zustände durchaus zuträfen.

Für die Undercover-Reportage machte eine RTL-Reporterin im vergangenen Jahr über mehrere Tage hinweg verdeckte Filmaufnahmen auf der Station. Sie dokumentierte unter anderem, wie drei Männer mit Gurten an ihre Bette gefesselt waren und nur durch eine Glasscheibe vom Pflegepersonal beobachtet wurden. Patienten beklagten in der Reportage Vernachlässigungen.

Land und Stadt wollen schnell aufklären

Das Land und die Stadt Frankfurt gaben an, von den Problemen erst durch den TV-Bericht erfahren zu haben. So beteuert Sozialminister Kai Klose (Grüne), sein Ministerium – das die Aufsicht über die Klinik hat – habe zuvor keinerlei Kenntnisse oder Hinweise auf Missstände gehabt. Frankfurts Gesundheitsderzernent Stefan Majer (Grüne) sagte dem hr, in einer Aufsichtsratssitzung der Klinik am 7. März erstmals von dem geplanten TV-Beitrag und somit auch von den Vorwürfen erfahren zu haben.

In einem sind sich Land und Stadt einig: Sollten die Vorwürfe zutreffen, besteht dringender Handlungsbedarf. "Wir sind erschrocken und betroffen über die Bilder", sagte Klose am frühen Donnerstagnachmittag in Wiesbaden. Die im TV-Beitrag gezeigten Zustände seien "verstörend" und bedürften einer gründlichen Prüfung. "Wir werden rückhaltlos aufklären", versprach der Minister.

Auch Majer kündigte im Gespräch mit dem hr "umfassende Aufklärung" an. Ein externer Gutachter solle zunächst einen Überblick über die Situation in der Akutstaion D42 geben. Man wolle mögliche strukturelle Probleme schnell in den Griff bekommen. Das Ministerium hat Stadt und Klinik für nächste Woche zum Gespräch gebeten, um mögliche erste Maßnahmen zu koordinieren.

Opposition sieht Land in der Pflicht

Die SPD im Landtag hatte die Frage nach den Zuständen in der Klinik kurzfristig für den Donnerstagnachmittag auf die Tagesordnung einer Sitzung des Sozialausschusses gebracht. Die gezeigten Bilder seien "erschütternd", sagte Daniela Sommer, gesundheitspolitische Fraktionssprecherin und Vize-Vorsitzende.

Sie wollte unter anderem wissen, ob das Sozialministerium als Fachaufsicht schon früher Kenntnis von den Missständen hatte. Denn das Hessische Psychiatrie-Gesetz, das Mitte 2017 in Kraft getreten ist, schreibt vor, dass alle psychiatrischen Einrichtungen innerhalb eines Jahres von einer Besuchskommission begutachtet werden. Sozialminister Klose räumte jedoch ein, dass diese Kommission wegen Problemen bei der Zusammensetzung noch gar nicht existiere.

Die FDP sieht jetzt das Land in der Pflicht. "Ich erwarte, dass das Sozialministerium hier unverzüglich handelt", sagte der gesundheitspolitische Sprecher der Fraktion, Yanki Pürün, am Donnerstag.

Weitere Informationen

Klinikum Frankfurt Höchst

Die Klinik Frankfurt Höchst gehört seit 2016 zur Kliniken Frankfurt-Main-Taunus GmbH, einem Verbund der kommunalen Kliniken in Bad Soden, Hofheim und Frankfurt-Höchst. 2018 wurden im Klinikum Frankfurt Höchst nach eigenen Angaben 37.246 Patienten stationär versorgt, mehr als 100.000 ambulant. Über 2.000 Menschen sind in der Klinik beschäftigt. Das Jahresergebnis wies 2018 ein Defizit von 1,85 Millionen Euro auf.

Für die psychiatrische Versorgung der Patienten stehen laut dem Klinikum neben zwei geschützten Stationen weitere drei vollstationäre offene Behandlungseinheiten mit insgesamt 116 Betten, eine Tagesklinik mit 22 Plätzen und eine Institutsambulanz zur Verfügung.

Ende der weiteren Informationen