Stapelweise Kleidung liegt vor dem Hessischen Landtag

Eine Modehändlerin schmeißt hin: Zwar nicht ihr Geschäft, aber ihre komplette Kollektion vor den Landtag. Sie fühlt sich von der Politik im Stich gelassen und wartet sehnlichst auf Corona-Hilfen.

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Audioseite Händlerin lädt unverkaufte Ware vor Landtag ab

Haufenweise unverkaufte Kleidung liegt vor dem Landtag.
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Sie nennt es eine "Verzweiflungstat": Im strömenden Regen rollen Arlette Kaballo und ihr Mann Jörg Rebhuhn Kleiderständer für Kleiderständer über die Straße vor dem Landtagsgebäude. Dort legt sie die Kleider aus ihrem Wiesbadener Modegeschäft auf einen Haufen.

Kaballo sagt, sie wolle ihr Geschäft symbolisch an die Politik abgeben: "Wir sind total verzweifelt und stehen am Abgrund."

Kaum Umsatz trotz Online-Bestellungen

Kaballo betreibt sechs Modegeschäfte in Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen und Hessen - darunter eines in Wiesbaden. Wegen der Corona-Maßnahmen sind die Läden seit Mitte Dezember geschlossen.

Modehändlerin Arlette Kaballo

Zwar könnten die Kunden auch bei Kaballo online und per Telefon bestellen. Das tue aber kaum jemand, sagt die Einzelhändlerin, denn ihre Geschäfte seien auf schicke Mode spezialisiert, die man zu besonderen Anlässen trägt. Und die gibt es im Moment nicht.

"Da wir nur noch in den Supermarkt gehen, tragen wir Jogginghose und Pullover." Hochwertige Mode wolle im Moment kaum jemand haben, sagt Kaballo. Und im nächsten Jahr werde es eine Schwemme an unverkaufter Kleidung geben, weil alle Modehändler in der gleichen Situation seien.

Einzelhändlerin: Zu hohe Hürden für Überbrückungshilfe

Was für Kaballo ebenso schwer wiegt: Die Corona-Hilfen der Politik hätten in ihrem Unternehmen nicht funktioniert. "Wir haben außer der Soforthilfe nichts bekommen", sagt sie.

Die Soforthilfe für Unternehmen gab es von März bis Mai des vergangenen Jahres. Seitdem seien keine Corona-Hilfen mehr angekommen - für die "Überbrückungshilfen" sind Kaballo nach eigener Aussage die bürokratischen Hürden zu hoch.

Die Protestaktion vor dem Landtag sei ein letzter Versuch, bei der Politik um mehr Unterstützung für den Einzelhandel zu werben, sagt Kaballo: "Man hätte mit uns darüber reden müssen, wie unser Geschäft funktioniert. Das hat man nicht getan. Man hat bis heute nicht begriffen, dass wir gerade vernichtet werden."

Viele Einzelhändler besorgt

Der Handelsverband Hessen hat Verständnis für den Frust der Modehändlerin. Präsident Jochen Ruths, der selbst Modegeschäfte in Friedberg und Bad Nauheim (Wetterau) betreibt, sagte dem hr: "Die Situation spitzt sich zu. Das wird für manche jetzt sehr eng."

Ruths sagt, er höre immer wieder von Händlern, die damit rechnen, spätestens im April schließen zu müssen, wenn nicht bald eine dauerhafte Besserung in Sicht sei.

Verband: Online-Handel lohnt sich kaum

Zwar können geschlossene Läden ihr Sortiment online verkaufen. Das lohne sich aber für viele nicht, weil so viele Bestellungen zurückgeschickt würden, beklagt Ruths: "Wir haben im Textilien-Online-Handel Retourenquoten, die durchaus bis 70 Prozent hoch gehen."

Die Versandkosten für Händler lägen bei bis zu zehn Euro pro Sendung. "Wenn ich ein T-Shirt für 19,95 Euro habe und das zweimal hin und her schicke, dann kann ich eigentlich sagen: Behalte es - das kostet sonst mehr Versand, als das Teil überhaupt wert ist", sagt Ruths.

Die Einzelhändler, die Mitte Dezember schließen mussten, könnten im Grunde erst von der Überbrückungshilfe III profitieren. "Und die ist noch nicht beantragbar", sagt Ruths. "Wer finanziell eh nicht gut aufgestellt war und seit Mitte Dezember kaum noch Umsätze gemacht hat, muss eine lange Zeit überbrücken. Dann wird es auch mal knapp."

Ab Mitte Februar sollen Unternehmen die Überbrückungshilfe III beantragen können.

Sendung: hr-iNFO, 05.02.2021, 16.25 Uhr