Menschen halten ein Transparent mit Markierungen, wie viel Abstand zu Fahrradfahrern einzuhalten ist.

1,50 Meter Mindestabstand: Die goldene Corona-Regel gilt seit April auch im Straßenverkehr – nämlich beim Überholen von Fahrradfahrern. Geahndet wird sie bisher kaum. Dabei zeigt ein Beispiel aus Marburg, dass sich Autos auf vielen Straßen eigentlich hinten anstellen müssten.

Audiobeitrag

Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Bürgerinitiative weist in Marburg auf Abstand hin

Mit einer Schwimmnudel - die übrigens weniger als 1,50 Meter hinausragt - veranschaulicht ein Mitglied der BI Verkehrswende, wie breit der Überholabstand sein sollte.
Ende des Audiobeitrags

Und auf einmal wird die Straße schmal, sehr schmal: Ein knapper Meter dürfte noch übrig sein, ein Auto passt definitiv nicht vorbei. Dabei ist die Ketzerbach, die von der Marburger Elisabethkirche aus bergauf in Richtung des Ortsteils Marbach führt, sonst eine gerade von Autos vielbefahrene Straße. Aber neben dem Transparent ist jetzt so gut wie kein Platz mehr.

Das weiße Banner veranschaulicht, was die Novelle der Straßenverkehrsordnung (StVO) vom April in der Praxis bedeutet: Wer Radfahrer in der Stadt überholen will, muss ab sofort mindestens 1,5 Meter Abstand halten, falls die Räder einen Anhänger ziehen, sind es sogar zwei Meter. Wenn man dann noch eine Fahrradbreite von 80 Zentimetern berechnet und einen Meter Sicherheitsabstand, den der Radfahrer nach rechts zu parkenden Autos einhält - Stichwort öffnende Autotüren - ist es jetzt vielerorts kaum mehr möglich, Radfahrer regelgerecht zu überholen.

Fahrräder mit drei Meter Spurbreite begreifen

Die Marburger Bürgerinitiative (BI) Verkehrswende hat an diesem Dienstag in die Ketzerbach eingeladen, um das deutlich zu machen. Gekommen sind Vertreter der Polizei, der Straßenverkehrsbehörde, der Stadtplanung und auch Oberbürgermeister und Verkehrsdezernent Thomas Spies (SPD). Der spricht von einer "ganz speziellen Regelung", die es "eigentlich schon lange" gebe, die aber "uneigentlich niemand wahrgenommen" habe.

Marburgs OB Thomas Spies.

Nun habe die StVO den Straßenraum "eindeutig verteilt", sagt Spies, jeder Radfahrer sei mit einer Spurbreite von drei Metern zu begreifen. Das meint auch Ulrich Schu von der Bürgerinitiative, wenn er davon spricht, dass für Autos ein Fahrrad nun "wie ein Trecker" sei. "Ich fühle mich auch nicht wohl als rollendes Verkehrshindernis", sagt Schu - aber eben genauso wenig, wenn er sich ständig in Gefahr fühle.

Auch Mit-Initiatorin Kati Hesselmann erzählt, sie sei zuletzt mehrmals so dicht überholt worden, dass sie regelrecht Angst bekommen habe. Und ein anderer Radfahrer, der regelmäßig auf der Ketzerbach radelt, erzählt freimütig, dass er dort schon mal nach überholenden Autos schlage - seine Art der natürlichen Abstandsmessung: "Mein Arm reicht vielleicht 50 Zentimeter weit. Wenn ich das Auto treffe, hat es die 1,5 Meter ums Dreifache unterschritten." In einem Fall sei ein Autofahrer daraufhin handgreiflich geworden. Bei der Polizei anzeigen sei dagegen schwierig, da stünde dann Aussage gegen Aussage.

Drei Anzeigen bislang aus ganz Hessen

Wohl auch, um in dieser Atmosphäre zu deeskalieren, wolle die Polizei mit Aufklärung und Aktionswochen die neue Regel ins allgemeine Bewusstsein rufen, sagt Polizeirat Heinz Frank. Zum Glück habe es zuletzt nur wenige schlimme Unfälle mit Fahrradfahrern gegeben, dennoch sei das "subjektive Sicherheitsgefühl" vieler Radfahrer sehr schlecht.

Bußgeldverfahren wegen der neuen Abstandsregel seien auf seinem Schreibtisch aber noch keine gelandet, sagt Frank. Wenn die hessische Polizei ein Verfahren anstrengt, landet dies - mit Ausnahme von Frankfurt - beim Regierungspräsidium in Kassel. Dort sagt eine Sprecherin, seit Inkrafttreten der Novelle habe es ganze drei Anzeigen wegen Abstandsverstößen gegeben. 30 Euro werden in der Regel fällig, falls Personen zu Schaden kommen sind es mindestens 80.

Der OB bleibt dabei: Marburg soll unter die Top 10

OB Spies jedenfalls bleibt bei seinem Ziel, Marburg beim Fahrradklima-Index des ADFC in den nächsten fünf Jahren unter den Top 10 platzieren zu wollen. Den durch die Corona-Pandemie zurückgegangenen Autoverkehr habe die Stadt zuletzt genutzt, um einige Radverkehr-Maßnahmen umzusetzen, seien es farbig markierte Fahrradstreifen oder den Test von grünen Abbiege-Pfeilen für Radfahrer an Ampeln.

Während der Corona-Krise seien viele Menschen plötzlich aufs Rad umgestiegen und man habe auf leeren Straßen plötzlich ohne Angst Fahrradfahren können, sagt Spies. "Wir können viel weiter kommen", so der OB - ironischerweise kaum zu verstehen durch den Lärm der vorbeifahrenden Autos auf der Ketzerbach.

Weitere Informationen

Mehr Radwege durch Corona?

Auch in Frankfurt seien durch die Corona-Krise einige Radverkehr-Maßnahmen beschleunigt worden, berichtet der verkehrspolitische Sprecher des ADFC, Bertram Giebeler. So sei zum Beispiel die Rotmarkierung auf dem Alleenring nun vorangeschritten, das sei untypisch für eine Zeit außerhalb der Ferien. Für Gießen dagegen kann das der ADFC nicht bestätigen. In Kassel verweist die Stadt auf ihr kürzlich vorgestelltes Radverkehr-Programm - das aber nichts mit Corona zu tun habe.

Ende der weiteren Informationen

Sendung: hr4, 01.07.2020, 6.30 Uhr