Teambesprechung bei Byte5
Teambesprechung bei Byte5 Bild © Byte5

In einem Frankfurter IT-Unternehmen dürfen die Mitarbeiter bald so viel bezahlten Urlaub nehmen, wie sie wollen. Ein anderes Beispiel aus Darmstadt zeigt, dass solch eine Urlaubsflatrate funktionieren kann. Experten sehen aber auch Gesundheitsrisiken.

Einen Anspruch auf Urlaub hat jeder Arbeitnehmer. In Deutschland ist das gesetzlich oder in Tarifverträgen geregelt. Bei einer Vollzeitstelle (40-Stunden-Woche) sieht das Gesetz mindestens 20 Urlaubstage vor.

Im Schnitt haben die Hessen knapp 29 Tage Urlaub im Jahr. Damit liegt Hessen genau im Bundesschnitt, wie aus einer Auswertung der Vergütungsberatung Compensation Partner hervorgeht. Für gewöhnlich ist die Anzahl der Urlaubstage gedeckelt.

Neuer Trend: unbegrenzt Urlaub

Ein neuer Trend in Betrieben ohne Tarifanbindung folgt einem ganz anderen Prinzip: Die Mitarbeiter dürfen unbegrenzt Urlaub nehmen, und zwar bezahlt. Der Frankfurter IT-Dienstleister byte5 will nach eigenen Angaben als erstes deutsches Unternehmen in diesem Sektor ab Juli das auf Vertrauen basierende Urlaubsmodell einführen.

Vertrauen deshalb, weil die Mitarbeiter nicht nach Lust und Laune Urlaub nehmen können, sondern diesen mit ihrem Team oder möglichen Stellvertretern absprechen sollen. Der Arbeitgeber vertraut darauf, dass jeder an erster Stelle seine Aufgaben erledigt oder vorgegebene Ziele erfüllt.

Abwesenheit darf keine Probleme bereiten

byte5-Geschäftsführer Christian Wendler setzt auf die Selbstverantwortung seiner rund 20 Mitarbeiter: "Wir sind davon überzeugt, dass jeder seine Position im Unternehmen am besten kennt und weiß, welche Aufgaben bis wann erledigt werden müssen, damit Projekte erfolgreich vorangetrieben und abgeschlossen werden können", sagt Wendler.

Jeder müsse sich mit seinen Teammitgliedern abstimmen und sicherstellen, "dass die eigene Abwesenheit weder Kollegen noch Projekten Probleme bereitet", so der Manager. Mit der Einführung des sogenannten Vertrauensurlaubs erweitert der IT-Dienstleister seine flexible Arbeitszeitregelung. Seit Anfang 2018 können die Mitarbeiter in Absprache mit den Teamkollegen ihre Arbeitszeit frei einteilen und flexibel von zu Hause aus im Homeoffice arbeiten.

Neue Arbeitszeitmodelle haben aus Wendlers Sicht nicht nur für die Arbeitnehmer Vorteile: "Familienfreundlichkeit, Selbstbestimmtheit und individuelle Freizeitgestaltung - unsere Erfahrung zeigt, dass sich all das positiv auf das Arbeitsklima und somit auch die Leistung auswirkt."

Auch in Darmstadt funktioniert Urlaubsflatrate

Die gleiche Erfahrung hat Jan-Kristian Jessen gemacht. Der Mitbegründer des Darmstädter Beratungsteams "quäntchen + glück" ließ sich schon vor sieben Jahren von einem Bericht über die Praxis des Vertrauensurlaubs in US-amerikanischen Unternehmen inspirieren. "Damals hatte ich mich darüber geärgert, dass ich mir Gedanken machen muss, wie viele Tage ich noch Urlaub nehmen kann", erzählt Jessen.

Nach Rücksprache mit seinem Team sei die Entscheidung schnell gefallen. Seitdem ist bei dem Darmstädter Unternehmen die Anzahl der Urlaubstage nach oben nicht begrenzt.

Mitarbeiter: Rund 40 Tage Urlaub im Jahr

"In den letzten sieben Jahren hat die Urlaubsflatrate immer gut funktioniert. Es hat sich bislang niemand ungerecht behandelt gefühlt", sagt der Mitgesellschafter. Sein Mitarbeiter Jacob Chromy schätzt die Regelung sehr. "So kann man sich auch mal einen Wunsch erfüllen oder flexibel reagieren, wenn man mehr Erholung braucht", sagt er. Er komme auf knapp 40 Urlaubstage in diesem Jahr, verrät er.

Ob das auf dem Niveau der anderen rund 20 Mitarbeiter im Team liegt, weiß Mitbegründer Jessen nicht. Er und die anderen Mitgesellschafter würden das nicht kontrollieren. Auch bei der geleisteten Arbeitszeit sei jeder für sich selbst verantwortlich, kontrolliert werde das nicht. Einmal im Monat werde im Team geklärt, wer noch Überstunden abzufeiern habe.

Vorbild Netflix

Vorreiter der Praxis des Vertrauensurlaubs war der US-amerikanische Streaming-Anbieter Netflix. Auch in Deutschland werben immer mehr Unternehmen mit unbegrenztem Urlaub um neue Fachkräfte. Das geht aus einer Analyse der Jobplattform Joblift hervor.

Diese hat 14 Millionen Stellenanzeigen zwischen März 2016 und März 2018 ausgewertet. Das Ergebnis: Rund 130 Arbeitgeber warben demnach in ihren Jobangeboten mit unbegrenztem Urlaub als Teil ihrer Unternehmenskultur. Insgesamt waren 335 Stellen mit dieser Zusatzleistung ausgeschrieben.

Experten warnen vor Selbstausbeutung

Viele Fachleute sehen die Vertrauensurlaub-Regelung allerdings kritisch und warnen davor, dass so die Arbeitszeit eher ausgeweitet werde. "Das hört sich zunächst sehr nett an", sagt Jörg Feldmann von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAUA). "Aber im Trend wird deutlich mehr gearbeitet als vertraglich vereinbart."

Auch der Arbeitszeit-Experte Andreas Hoff warnt vor möglichen Nachteilen: "Die Erfahrung ist, dass die Menschen eher weniger Urlaub nehmen." Der Berliner Forscher lehnt das Konzept ab, weil es "keine konkreten Ansprüche" beinhalte.

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Das Bundesarbeitsgericht in Erfurt

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Urteil des Bundesarbeitsgerichts zum Urlaubsrecht

Ende des Audiobeitrags

Für schwächere Mitarbeiter oder Workaholics kann es sogar zu einem Problem werden. Stehen Mitarbeiter wegen eines bestimmten Auftrags besonders unter Druck, würden sie eher dazu neigen, auf Urlaub zu verzichten. Auf Dauer könne dies zu einer Selbstausbeutung führen, sodass der Arbeitnehmer an die Grenzen der Belastbarkeit oder darüber hinaus kommt.

Mindestzahl an Urlaubstagen muss sein

Bei byte5 sei man sich dieser Gefahren bewusst, erklärt Unternehmenssprecherin Laura Vogt. Deshalb werde auch darauf geachtet, dass jeder die gesetzliche Mindestzahl der Urlaubstage auch nimmt.

Außerdem werde das klassische Modell parallel weiter beibehalten. Es stehe den Mitarbeitern frei, welche Regelung sie möchten. Bisher habe die Hälfte des knapp 20-köpfigen Teams sich für Vertrauensurlaub entschieden. Sollte jemand damit nicht zufrieden sein: Am Ende jeden Jahres kann jeder die Urlaubsregelung neu festlegen.

Ihre Kommentare Unbegrenzter bezahlter Urlaub - was halten Sie davon?

11 Kommentare

  • Ist sicher ein Konzept, dass nicht zu jedem Geschäftsmodell passt. Aber warum nicht, wenn Arbeitnehmer- und Arbeitgeber sich einig sind. Wenn ich das recht verstanden habe, wird am Ende des Artikels darauf verwiesen, dass es eine freiwillige Maßnahme ist, die den Mitarbeitern nicht verordnet wird.

  • @ Simone Stoll-Marx aus Wehrheim

    Ihre individuelle Freiheit liegt natürlich auch nur darin unter der Brücke zu schlafen, wie es ihr Namensvetter Karl Marx so schön beschreibt. Wenn Sie Selbstständig, also selbst und ständig ihre Reproduktionskosten decken müssen, haben Sie dafür andere Freiheiten, welche abhängig Beschäftigte nicht genießen. Es ist letztlich ihr Entscheidung ob ihr Geschäftsmodell so erfolgreich ist und mehr als 24 Tage Urlaub hergibt oder nicht. Ob Sie sich jetzt richtig in Ihr Unternehmung reinhängen oder Sie mit z.B. 55 Jahren nach geschaffenem finanziellem Puffer in den Ruhestand gehen ist nicht die Entscheidung Ihrer Beschäftigten und ihrees Urlaubsanspruches, deswegen kann ich ihr persönliches Klagen nicht nachvollziehen.

    Tarifverträge nützen hier am meisten, klare Regeln zu verbindlichen Modalitäten. Damit hat auch jeder Unternehmer Planungssicherheit. Trauen Sie sich, die Gewerkschaften beraten Sie gerne.

  • Ist doch nett. Die Arbeitnehmer sind selbst dafür verantwortlich, dass das Projekt läuft und das sie nicht in Urlaub gehen, wenn es Schwierigkeiten gibt. Und der Arbeitgeber spart sich die Kosten für weitere Mitarbeiter, die vertreten oder unterstützen können. Das klingt alles so wahnsinnig toll, bis man dann in einem Unternehmen ist, bei dem es darauf ankommt, dass jeder cent an die shareholder geht und am Personal gespart wird, bis eigentlich keiner mehr nach Hause oder in Urlaub gehen kann.

    Hier wird das unternehmerische Risiko an die Arbeitnehmer abgewälzt. Kann man machen, wenn sie auch so bezahlt werden. Da muss sich dann halt jeder selber überlegen, ob er Arbeitnehmer oder Unternehmer sein möchte.

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