Die Bahn hat sich auf die Trasse der neuen ICE-Strecke Frankfurt-Mannheim festgelegt. Darmstadts OB freut sich über den Anschluss ans europäische Schnellbahnnetz. Doch es gibt auch kritische Stimmen.

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hessenschau vom 13.11.2020
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Die geplante neue ICE-Strecke zwischen Frankfurt und Mannheim soll wie erwartet über Darmstadt führen und weitgehend parallel zu den Autobahnen 5 und 67 verlaufen. Auf der Teilstrecke zwischen Lorsch (Bergstraße) und Mannheim sollen die Züge zu einem großen Teil durch Tunnel fahren, wie die Bahn am Freitagabend mitgeteilt hat.

Die Trasse ist insgesamt ungefähr 60 Kilometer lang, zweigleisig und wurde aus ursprünglich rund 30 Varianten ausgewählt. Sie schütze Anwohner am besten vor Lärm und binde Darmstadt vollständig an. Entsprechend groß fiel die Erleichterung bei Oberbürgermeister Jochen Partsch (Grüne) aus: "Nach fast 20-jährigem Ringen ist nun der Weg geebnet für den Anschluss Darmstadts an das europäische Schnellbahnnetz - darüber freue ich mich sehr."

Fahrtzeit Frankfurt-Mannheim unter 30 Minuten

Die neue ICE-Strecke soll die stark befahrenen bestehenden Trassen entlasten und zugleich für eine schnellere Verbindung zwischen den Metropolregionen Rhein-Main und Rhein-Neckar sorgen. Die Fahrtzeit zwischen den Hauptbahnhöfen in Frankfurt und Mannheim soll um etwa ein Viertel auf knapp eine halbe Stunde sinken.

karte mit neuem streckenabschnitt

Bei der gewählten Streckenvariante handelt es sich laut Darmstadts OB Partsch um eine Lösung mit enormem Potenzial - für seine Stadt und die Region. Im kommenden Sommer beginne das Baugenehmigungsverfahren für den ersten Abschnitt der Strecke zwischen Neu-Isenburg-Zeppelinheim (Kreis Offenbach) und Darmstadt-Nord, teilte die Bahn mit.

Mehrere Jahre lang waren verschiedene Varianten diskutiert worden. Unter anderem ging es um den Streckenverlauf in Südhessen und die Anbindung von Darmstadt.

Al-Wazir: Wichtiger Tag

Verkehrsminister Tarek Al-Wazir (Grüne) sprach von "einem enorm wichtigen Tag, und zwar für den Bahnverkehr in ganz Deutschland". Die Strecke entlaste mit dem Knoten Frankfurt einen der größten Engpässe im bundesweiten Bahnverkehr, schaffe Kapazitäten im Nah- und Fernverkehr und sichere die Anbindung Darmstadts.

Den aktuellen Anforderungen für die Verkehrswende komme die Trasse auch dadurch nach, dass sie tagsüber dem Personenfernverkehr diene und nachts von Güterzügen befahren werde. Nicht zuletzt zeigt das Projekt laut dem Minister: "Transparenz, Bürgerbeteiligung und Fortschritt im Verfahren schließen sich nicht aus."

Zeitplan fehlt noch

Detaillierten Kostenplan und angepeilten Fertigstellungstermin - beides gibt es noch nicht. Vor 2030 wird die Strecke kaum fertig sein. Mit einem Baubeginn rechnete die Bahn zuletzt nicht vor 2025. Noch ist unklar, inwieweit mögliche Klagen gegen die Strecke den Bau verzögern.

Der Schallschutz für Anwohner ist einer der Knackpunkte. Mit der gewählten Streckenführung werden nach Ansicht der Bahn aber "die wenigsten Menschen von Schienenlärm belastet". Die parallele Führung zu den Autobahnen A5 und A67 auf der Strecke zwischen Zeppelinheim und Lorsch vermeide es zudem, dass die Landschaft zusätzlich zerschnitten wird.

Gewählte Trasse stößt auch auf Kritik

Die Frage des Trassenverlaufs zwischen Darmstadt, Lorsch und Mannheim-Waldhof wurde in einem Beteiligungsforum seit Dezember 2016 diskutiert. Vertreter von Behörden, Bürgerinitiativen, Umweltschutzverbänden und den Verkehrsministerien tauschten sich aus. Erklärtes Ziel war eine offene Beteiligung der Öffentlichkeit - nicht zuletzt, um Klagen und damit eine mögliche Verzögerung des Projekts zu verhindern.

Die nun gewählte Trasse ist innerhalb des Beteiligungsforums nicht unumstritten. Das teilte Forumsmoderator Ralf Eggert am Freitagabend in einer ersten Reaktion mit: "Die ausgewählte Vorzugsvariante wird von den Teilnehmenden unterschiedlich bewertet - von befürwortend bis hin zu kritisch", schrieb er. In jedem Fall forderten Mitglieder zusätzliche Vorschläge und Maßnahmen, "insbesondere zum Schutz von Mensch und Umwelt".

Grundsätzliche Kritik kam vom Fahrgastverband Pro Bahn. Die Vorzugstrasse begünstige den rein auf Wirtschaftsinteressen beruhenden Trend, nur die ganz großen Metropolen miteinander verbinden zu wollen, anstatt ein Verkehrsmittel für alle Bürger zu schaffen, teilte der Verband mit.

Sendung: hr-iNFO, 13.11.2020, 18 Uhr