Papeterieverkäufer Arno Jung (links) und Schuhverkäufer Dirk Wallbott.

Am Mittwoch fällt die Mehrwertsteuer von 19 auf 16 Prozent. Für Einzelhändler ist es gar nicht so leicht, die Preissenkung an die Kunden weiterzugeben. Beispiele aus Gießen.

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Als Arno Jung von der Mehrwertsteuersenkung erfuhr, war sein erster Gedanke: "Oh, das ist jetzt aber mal wieder kurzfristig." Kurzfristige Entscheidungen, die sein Papiergeschäft Punkt und Strich am Gießener Kirchenplatz direkt betreffen, kennt er durch die Coronakrise schon zuhauf, sei es die zwischenzeitliche Schließung im März mit zwei Tagen Vorlauf oder die Wiederöffnung im April, auf die er sich drei Tage hat vorbereiten können.

Nun lag immerhin fast ein Monat zwischen dem Beschluss des Koalitionsausschusses und diesem Mittwoch, an dem die Mehrwertsteuer für ein halbes Jahr von 19 auf 16 Prozent sinkt - beziehungsweise von 7 auf 5 bei Lebensmitteln. Damit will die Bundesregierung die Menschen zum Einkaufen anregen und die durch Corona gebeutelte Wirtschaft wieder in Gang bringen.

Alle Preise zu reduzieren, war keine Option

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Ein Kilo Bananen könnte dann statt 1,69 Euro nur noch 1,65 kosten, eine Waschmaschine 389 Euro statt 399, rechnet tagesschau.de vor. Bei einer Familie mit zwei Kindern dürften so im Monat um die 50 Euro mehr im Geldbeutel bleiben. Rund 20 Milliarden Euro soll die ganze Maßnahme kosten.

Lebensmitteldiscounter sind schon vergangene Woche in den Preiskampf eingestiegen, für Einzelhändler ist die Maßnahme dagegen offenbar schwerer umzusetzen. Für Jung war klar: Es braucht eine unbürokratische Lösung, die er leicht umsetzen könne.

Alle Preise zu reduzieren, war für ihn keine Option. "Jedes Produkt trägt bei uns ein Etikett. Die hätten wir alle in die Hand nehmen müssen, altes Etikett ab, neues drauf mit einem völlig schrägen Preis - also 29,16 Euro statt 29,90 Euro zum Beispiel - und in einem halben Jahr das Ganze wieder rückgängig." Bei über 10.000 Artikel im Laden wären er und seine Angestellten eine Weile beschäftigt gewesen. Dazu kommt: Bei Büchern zum Beispiel sind die Preise aufgedruckt. "Der Verlag schickt uns ja jetzt keine neuen Bücher."

Ab 35 Euro gibt es einen Euro zurück

Trotzdem wollte Jung die Ersparnis auch an seine Kunden weitergeben. Er macht es jetzt so: Wer für weniger als 35 Euro einkauft, zahlt den normalen Preis, ab dann bekommt man einen Euro an der Kasse zurück, ab 70 Euro Einkaufswert sind es zwei Euro. Dadurch bleibt ein Teil der Mehrwertsteuersenkung auch bei ihm hängen - er rechnet mit einem niedrigen dreistelligen Betrag pro Monat. "Auf das halbe Jahr gesehen werden das vielleicht tausend Euro Gewinn sein."

Die Kasse reduziert die Preise automatisch

Dirk Wallbott vom Schuhhaus Waldschmidt in der Gießener Innenstadt geht einen anderen Weg: Er lässt alle Preise, wie sie sind, und zieht an der Kasse dann die reduzierte Mehrwertsteuer ab. Möglich macht es das digitale Kassensystem: "Wir mussten da einmal telefonieren, zwei Häkchen setzen, dann war das im System hinterlegt." Einzige Ausnahme: Die reduzierte Sommerware, da hat er die niedrigere Mehrwertsteuer schon von vorneherein eingepreist.

Was den Effekt der Senkung betrifft, ist er aber skeptisch. "Ich glaube nicht, dass jemand wegen drei Prozent mehr oder weniger nun Schuhe kauft."

"Eine neue Speisekarte wegen der paar Prozente?"

Dass nur manche Geschäfte die Mehrwertsteuersenkung voll weitergeben, damit rechnet auch Kurt Schmitt von der IHK Gießen-Friedberg: "Die anderen können es teilweise auch gar nicht. Oder soll jetzt ein Gasthaus wegen der paar Prozente eine neue Speisekarte drucken lassen?"

Auch er ist sieht den Effekt der Mehrwertsteuersenkung skeptisch: "Unterm Strich wird nicht viel passieren. Jetzt werden dadurch vielleicht Käufe vorgezogen, und im Januar, wenn die Steuer wieder steigt, fallen wir dafür in ein Loch." Trotzdem sei die Maßnahme gut gemeint, "ein Teufelswerk ist das nicht".

So sieht es auch Papierwarenverkäufer Arno Jung: "Ich glaube, dieser Entschluss wurde in einem Büro gefasst, nicht im Verkauf. Wenn wirklich die breite Masse profitieren soll, müssten eine Menge Dominosteine fallen. Aber das wurde nicht zu Ende gedacht."

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 01.07.2020, 16.45 Uhr; hr-fernsehen, mex, 01.07.2020, 20.15 Uhr