Setzrisse in Gebäude am Kaiserlei
Hier sind Setzrisse in einem Gebäude in Offenbach-Kaiserlei zu sehen. Bild © hr

Risse in den Hauswänden, Erschütterungen, nächtliches Brummen: Anwohner am Kaiserlei in Offenbach machen dafür vier Großbaustellen verantwortlich. Die zuständigen Bauherren weisen jede Schuld von sich.

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Anna Rodziewicz entdeckte im vergangenen Sommer zum ersten Mal Risse in ihrem Haus in Offenbach: an der Gebäudefassade und der Garage. Der Riss im Wohnzimmer sei sogar so tief gewesen, dass die Terrassentür sich nicht mehr schließen ließ. Auch ein nächtliches Brummen setzt der Frau zu, die in der Straße Auf der Reiswiese wohnt.

Laut der Anwohner-Initiative "Initiative für Lebensqualität WoWiReG" beklagen noch zehn weitere Hauseigentümer in dieser Straße, der Wolframstraße und der Willemer Straße Schäden an ihren Wänden. Bevor die ganzen Baustellen kamen, seien die Häuser seit "rund 70 Jahren stabil"gewesen, erklärt die Initiative. Sprecher Frank Präde beklagt: "Wir bekommen null Unterstützung und null Informationen von der Stadt."

Vier Großbaustellen als mögliche Verursacher

Die Karte zeigt die Baustellen rund um den Kaierlei-Kreisel und das von Gebäuderissen betroffene Gebiet.
Rot markiert ist das betroffene Viertel in Offenbach. Bild © hessenschau.de

Vier Baustellen könnten der Initiative zufolge für die Setzrisse und den Lärm verantwortlich sein. Neben dem Umbau des Kaiserlei-Kreisels sind das noch drei weitere Baustellen in der Berliner Straße.

Bei den Arbeiten am Goethequartier, an der neuen AXA-Konzernzentrale sowie am Stadtquartier "Vitopia" sind im vergangenen Sommer Spundwände in den Boden getrieben und Grundwasser aus den Baugruben abgepumpt worden. Die Arbeiten können den Untergrund laut Anwohner-Initiative so stark schädigen, dass Gebäude in Mitleidenschaft gezogen werden.

Projektleiter: "Keine laute Pumpe"

Für das Stadtquartier "Vitopia" wurde auch eine Erdwärme-Anlage errichtet. Anwohner-Sprecher Präder vermutet diese Anlage als Ursprung des nächtlichen "Brummens". Ein tieffrequentierter "Infraschall" beeinträchtige die Nachtruhe. Wenigstens fünf Anwohner klagen deshalb über Schlafstörungen, Übelkeit, Kopfschmerzen und Ohrgeräusche. Der WDR berichtete über dieses Phänomen.

Till Diekmann, Projektleiter des zuständigen Bauherren "CG-Gruppe", wehrt sich gegen die Vorwürfe: "Die Arbeiten an der Geothermie-Anlage sind bereits abgeschlossen." Dafür seien weniger Bohrungen vorgenommen worden als geplant. Das Prinzip basiere nicht auf einer lauten Pumpe. Im Winter sei der Boden wärmer, diese Wärme werde für die Heizung genutzt.

"Ich kann mir nicht vorstellen, woher das Brummen kommen könnte. Falls die Anwohner Fragen haben, sind wir gerne bereit, diese in einem gemeinsamen Termin zu beantworten", so Diekmann.

Alle Bauherren sind "zu weit entfernt"

Die anderen Bauherren am Kaiserlei scheinen dagegen weniger kooperativ zu sein. Die Stadt Offenbach, zuständig für den Umbau des Kreisels am Kaiserlei, bezeichnete eine Auswirkung der Baumaßnahmen auf Gebäude als "unwahrscheinlich".

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Eine Sprecherin teilte mit, Grund sei vielmehr der trockene Sommer im Jahr 2018, der den Boden schrumpfen und die Gebäude absacken ließe. Zwar wurde mit gespundeten Baugruben und Grundwasserhaltung gearbeitet, doch das Gebiet sei zu weit entfernt, als dass es die Ursache für die Setzrisse sein könne. Die Stadt nahm nach eigenen Angaben auch eine Lärmmessung vor - ohne auffällige Ergebnisse.

Auch die neue AXA-Zentrale ist laut Bauherrin "Becken Development" zu weit entfernt. Ein Gutachten für die Setzrisse sei in Auftrag gegeben, sagt eine Sprecherin. "Danach ist die Gebäudekonstruktion als Grund für die genannten Probleme auszuschließen". Auch die "Wohnkompanie", die für das Goethequartier zuständig ist, sieht keinen "kausalen Zusammenhang zwischen Bauarbeiten und Setzrissen", wie ein Sprecher sagte. Und: Die Baustelle sei zu weit entfernt.

Die einen Bauherren geben den anderen die Schuld

Die beteiligten Bauherren weisen sich offenbar gegenseitig die Schuld zu. Jede der genannten Baustellen sei angeblich zu weit entfernt, um Setzrisse oder Lärm zu verursachen.

Der Vorstandvorsitzende der "CG-Gruppe", Jürgen Kutz, sagt fast schon spöttisch: "Die Plattentektonik bleibt von unseren Baumaßnahmen unberührt." Verschiebungen in der Plattentektonik sind etwa für Erdbeben verantwortlich.

Anwohner-Sprecher Präder reichen die Aussagen der Bauherren nicht. Die anderen Anwohner und er sorgen sich um ihre Häuser und ihre Gesundheit. Sie prüfen derzeit Schadenersatzforderungen. Von der Stadt und der Unterstützung des ihrer Meinung nach "überforderten Baudezernats" sind sie enttäuscht. "Das ist der reine Kapitalismus. Erst ausprobieren und dann sehen, was passiert", meint Präder.