Das Foto zeigt Pendler im öffentlichen Verkehr.

Die S9 im Rhein-Main-Gebiet ist nach hr-Recherchen die Bahnstrecke mit den meisten Störungen in Hessen. Anja H. fährt die Strecke jeden Tag. Sie führt ein Logbuch der Verspätungen. Da kommt einiges zusammen.

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6:00 Uhr morgens. Wiesbaden Hauptbahnhof. Gleis 2. Anja H. steigt in blauer Regenjacke und mit rotem Rucksack in die S9. Sie muss zur Arbeit nach Frankfurt-Niederrad. Eine kurze Tour aus einem Wiesbadener Vorort mit dem Bus hat sie bereits hinter sich. In ein paar Minuten startet die S-Bahn. "Um die Zeit läuft es noch ganz pünktlich", sagt sie. Kritischer werde es später. "Wenn die ersten Weichenstörungen, Signalstörungen, Umleitungen eintreten", sagt sie.

Um 6:11 Uhr kündigt eine freundliche, männliche Computerstimme die Abfahrt der S9 im Wiesbadener Hauptbahnhof an. Die Strecke ist eine wichtige und viel genutzte Strecke im Rhein-Main Gebiet über Rüsselsheim, Frankfurt Flughafen, Frankfurt Hauptbahnhof und Offenbach.

So wichtig für Pendler: das Smartphone

Anja H. wischt ein paar Brötchenkrümel vom Sitz. "Dreckig ist es vor allem dann, wenn Fußballfans am Vorabend mit der Bahn gefahren sind." Sie legt den Rucksack in ihren Schoß und schaut aufs Handy. Das Smartphone spielt für sie als Pendlerin eine ganz besondere Rolle: "Früh, wenn ich aufstehe, geht der erste Blick in die RMV-App, ob der Bus pünktlich fährt." Dass die Busse inzwischen mit GPS ausgerüstet sind, sei ein Segen, sagte sie. "Ich kann sehen, ob es passt oder nicht. Ob ich mich nochmal hinlegen kann, weil ich den nächsten Bus nehmen kann."

Nach und nach füllt sich die S9. In Rüsselsheim steigen einige Frauen zu. Sie sind Arbeitskolleginnen. Gesprächsthema Nummer eins: Verspätungsprobleme der Bahn. "Die S-Bahn hat immer Verspätung. Immer. Da kommt auch keine konkrete Ansage warum. Das ist das Schlimme", sagt eine der Frauen in heller Winterjacke und mit langen Schal um den Hals.

Sie müsse dann am Bahnhof spontan entscheiden, ob sie warte oder anders weiterreise. Als Gründe für die Verspätungen würden häufig Signalstörungen oder Personen im Gleis genannt. "Das glaub ich nicht", sagt sie. Doch ein Mitreisender, der sich als Lokführer zu erkennen gibt, sagt: "Personen im Gleis, das ist ein echtes Problem." Mehr will er nicht sagen.

Pendlerpragmatismus: Musik hören, lesen, Freunden schreiben

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Unterwegs mit der S9: Mit Verspätungen ist zu rechnen

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Anja H. hat es sich auf ihrem blauen S-Bahn Sitz bequem gemacht, hört den anderen zu und erzählt, dass sie morgens fast anderthalb Stunden zur Arbeit brauche. Am Abend dauere die Rückfahrt eine Stunde und zehn Minuten. Im Idealfall. "Aber das ist eher selten der Fall - vielleicht an zwei von fünf Tagen."

Besonders ärgerlich sei es, wenn ihre Bahn abends nicht pünktlich in den Wiesbadener Bahnhof einfahren könne, weil dort noch ein anderer Zug etwa mit defekter Tür stehe und sie deshalb ihren Anschlussbus verpasse. "Ärgerlich ist es schon. Natürlich. Klar." Aber Stress will sie sich deshalb nicht machen. Sie nutze die Zeit in der Bahn, um Musik zu hören, zu lesen, zu schlafen oder sie tauscht mit ihrem Handy Nachrichten mit Freunden aus. Pendlerpragmatismus.

23 Stunden Verspätung

Dass die S9 laut hr-Recherche die Strecke mit den meisten Störungen ist, wundert Anja H. nicht. Sie hat in den vergangenen dreieinhalb Jahren ein persönliches Verspätungslogbuch geführt. "Zusammengezählt sind das etwa 23 Stunden Verspätung. Nur in den Frühstunden", sagt sie.

Während unter den Fahrgästen eine lebhafte Diskussion über Verspätungen entbrennt, bleibt die S9 in Höhe des Frankfurter Stadions plötzlich ohne erkennbaren Grund stehen. Das sei normal, nicken alle unisono. "Es muss wie in Österreich oder der Schweiz mehr Geld in den Nahverkehr investiert werden", fordert Anja H. und schließt ihre blaue Regenjacke. Sie hat ihr Reiseziel erreicht: Nächster Halt: Frankfurt-Niederrad.

Anja H. wirft einen Blick aufs Handy: 6:54 Uhr - nur drei bis vier Minuten Verspätung. "Heute ist es gut gelaufen. Besser als gestern", sagt sie.

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137 Kommentare

  • Auf meiner Strecke gibt es derzeit leider keine Alternative zum Auto: 24km einfach. Mit dem Auto (wenn alles frei ist): 17 Minuten. Mit Öffis (2 mal Laufen, 2 mal Umsteigen): 59 Minuten. Selbst mit Staus auf der Autostrecke verbrauche ich mit dem Auto immer noch weniger Zeit...

    Das liegt aber fast ausschließlich an der Bus/Bahn Streckenführung...

  • Ich dachte immer Bahnfahrer dürfen Ihr Fahrrad nur mitnehmen, wenn ausreichend Platz ist und es während der Stoßzeiten verboten ist ein Fahrrad mitzunehmen. Mich würde es nicht wundern, wenn die Fahrradfahrer so frech sind, ( wie oben erwähnt ) und sich nicht um das Verbot kümmern. Die meisten Radfahrer sind ja auch farbenblind - Rote Ampeln kennen die überhaupt nicht - und von einer intakten vernünftigen Beleuchtung am Fahrrad haben die meisten auch noch nichts gehört. Hier sollte mehr kontrolliert werden und härtere Strafen ( Geldstrafen und Punkte für den Führerschein ) eingeführt werden
    Außerdem müsste das Bahnpersonal einschreiten und den Radfahrer der S-Bahn verweisen.Aber welches Bahnpersonal - an den meisten S-Bahnhöfen gibt es ja schon lange kein Personal mehr. Und die Fahrradbesitzer, die auch noch frech werden, gehören wahrscheinlich den unteren Schichten an - Manche Mitmenschen sind halt Proleten und haben keine gute Erziehung genossen.

  • Die Radfahrer blockieren gerne in S-Bahnen (S6) oder Stockheimer Lieschen mit Ihrern Rädern Sitze und Bänke, das Ein-und Aussteigen der Reisenden mit und ohne Rad wird dann bei sich füllender S-Bahn zur Chaos-Veranstaltung. Spricht man die Radfahrer darauf an, werden die auch noch frech.

    Merke: Ein Fahrrad ist zum Fahren auf der Strasse da und nicht um die S-Bahn zu verstopfen!

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