Massenhafte Lebensmittel, die von Eine Sorge Weniger verschickt wurden

In der Coronakrise leiden arme Menschen besonders. Eine Alleinerziehende aus dem Westerwald hilft. Mit einem Wohnzimmer voller Pakete ging es los - aber das soll es nicht gewesen sein.

Zuckerpakete stapeln sich, daneben Kiloweise Mehl, Zahncreme und Binden. Klingt nach einer Lagerhalle, ist aber ein Wohnzimmer im April - auf dem ersten Höhepunkt der Corona-Pandemie in Deutschland. Es ist das Wohnzimmer von Martina Knopf, einer alleinerziehenden Mutter aus Waldbrunn (Limburg-Weilburg).

In der Coronakrise versorgte Knopf als Ehrenamtliche von #EineSorgeWeniger von diesem Wohnzimmer aus mehr als 100 Menschen in der ganzen Bundesrepublik mit notwendigen Waren des alltäglichen Lebens.

"Es war so viel, dass ich zeitweise Sachen im Schlafzimmer lagern musste", sagt die 41-Jährige. Mit einem von den Nachbarn geliehenen Transporter sei sie damals losgefahren und habe kiloweise haltbare Lebensmittel eingekauft. "Hier auf dem Land gab es vieles noch."

Spendensuche auf Twitter

Das Projekt #EineSorgeWeniger hat es sich zum Ziel gemacht, armen Menschen in Deutschland über Spenden mit den Gütern auszuhelfen, an denen es ihnen mangelt. Vor allem über Twitter werden Spenden gesucht - von einer noch funktionstüchtigen Waschmaschine über Portokosten bis hin zur Fahrkarte.

Gerade in der ersten Phase der Coronakrise waren die Spenden nötiger als sonst. Die Preise stiegen, alleine im April um knapp fünf Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Vielerorts waren günstige Grundnahrungsmittel ausverkauft, die Tafeln geschlossen. Zahlreiche Sozial- und Gesundheitsverbände forderten einen 100-Euro-Coronazuschlag für Grundsicherungsbeziehende. Die Bundesregierung lehnte das ab.

So sprang #EineSorgeWeniger den Leuten bei - und Martina Knopf verschickte aus Waldbrunn in die ganze Bundesrepublik Pakete über Pakete. "Ganze Umzugskartons waren das", schildert sie die Situation. Bei 100 Empfängern habe sie aufgehört zu zählen.

Schon vor Corona gab es viele Anfragen

Gegründet wurde das Projekt auf Twitter. Der IT-Spezialist Konstantin Seefeldt initiierte den Account @sorgeweniger 2018, nachdem in dem Netzwerk die Debatte #unten angestoßen wurde. Unter diesem Hashtag berichteten zahlreiche Nutzerinnen und Nutzer darüber, was es heißt, in Deutschland arm zu sein. "In der Debatte wurden auch viele konkrete Mängel offensichtlich. Da dachte ich: Da muss man aushelfen", sagt Seefeldt.

Schon vor Corona sei die Nachfrage riesig gewesen: Neben ersten kleineren Hilfen wie einem Paar Winterschuhe, Geld für eine Fahrkarte oder Essensgutscheinen kamen recht schnell größere Anfragen dazu wie die nach einer funktionierenden, gebrauchten Waschmaschine. "Viele denken ja noch, dass das das Amt übernimmt. Aber das ist schon lange nicht mehr so", sagt Seefeldt.

Auch teure Gegenstände müssten von altersarmen Senioren, Erwerbsgeminderten oder Langezeitarbeitslosen irgendwo von gerade einmal 432 Euro monatlicher Stütze abgezweigt werden. "Dabei reicht es oft tagtäglich kaum."

Knopf kam selbst als Betroffene zum Projekt

Martina Knopf hat das Projekt selbst als Betroffene kennengelernt. Ende vorigen Jahres war sie wegen der Trennung von ihrem Partner und unklaren Unterhaltsverhältnissen knapp bei Kasse, erzählt sie. "Von #EineSorgeWeniger habe ich über die Aktion 'Bratenpaten' ein Paket mit den Zutaten für das Raclette-Weihnachtsessen geschickt bekommen - und war wirklich von den Socken gerissen", erzählt sie.

"Ich konnte mir sonst wirklich nur den allergünstigsten abgepackten Käse beim Discounter leisten, und auf einmal war da im Paket Käse von der Käsetheke. Das hat mich so glücklich gemacht", erzählt sie: "Wenn einem die Ressourcen knapp sind, sind es schon diese kleinen Sachen, die einem viel bedeuten und vieles in einem anderen Licht erscheinen lassen."

"Etwas zurückgeben"

Die 41-Jährige findet, dass das Thema Armut in Deutschland zu wenig ernst genommen wird. Ihr Vater habe sie damals gefragt, ob es denn wirklich so schlimm sei. Sie habe Ja gesagt: "Manchmal weiß man schon nicht mehr, wie man noch eine Tube Zahncreme kaufen soll." Gerade mit Kindern sei das ein besonderes Problem.

"Man hat da ja nicht nur Sorge um sich", sagt Knopf. Mittlerweile gehe es ihr finanziell wieder besser. "Und nun will ich ein bisschen etwas von der Erleichterung zurückgeben, die mir damals von #EineSorgeWeniger geschenkt wurde."

Mehr als 50.000 Euro Spenden bisher

Aktuell sind bei #EineSorgeWeniger ein Dutzend Freiwillige engagiert, auch wenn diese immer von Projekt zu Projekt wechseln, sagt Seefeldt. Und obwohl es das Projekt noch gar nicht so lange gibt und es vor allem über Twitter läuft, sind bereits mehr als 50.000 Euro an Spenden zusammengekommen.

Nun ist diese Arbeit institutionalisiert worden: Seit Anfang Oktober ist die Initiative eine offizielle Stiftung - die OneWorryLess Foudation. "Als Stiftung wollen wir versuchen, auch stärker politisch Einfluss auszuüben. Denn wir können zwar vereinzelt helfen, aber um wirklich etwas zu bewegen, müssen die Ursachen von Armut strukturell angegangen werden", sagt Seefeldt. Gemeint ist damit vor allem der nach Ansicht der Aktiven viel zu niedrige Hartz-IV-Satz.

Knopf will sich weiter engagieren

Auch Knopf hat schon neue Ziele. "Meine jüngste Tochter ist seit zwei Wochen halbtags in der Kita. Die Zeit will ich nutzen, um mich bei #EineSorgeWeniger noch mehr zu engagieren." Corona-Pakete verschickt sie so nicht mehr, dafür nun aber Lebensmittelgutscheine von einer größeren Lebensmittelkette.

Auch das wird über die Stiftung koordiniert und finanziert. "Wenn man keinen Job hat, in der Grundsicherung lebt oder erwerbsgemindert ist, reicht das Geld oft vorne und hinten nicht. Da kann selbst ein 15-Euro-Gutschein schon eine große Erleichterung sein", sagt Martina Knopf.