Viele Kabel und Schläuche an einem Bett, auf dem ein nicht zu erkennender Patient liegt, ein Pfleger in Schutzausrüstung daneben.

Nach 20 Monaten Pandemie und vielen Covid-Patienten auf den Intensivstationen sind viele Pflegekräfte erschöpft - manche so sehr, dass sie gekündigt haben. Dazu kommt Enttäuschung über die Politik und die Impfverweigerer.

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hs
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In 24 Jahren Berufserfahrung als Intensivpfleger hat Tobias Kempff viel gesehen. "Aber diese 20 Monate Corona-Wahnsinn, die nehmen mich sehr mit", sagt er dem hr. Es nehme ihn mit, wenn er Väter und Mütter von kleinen Kindern sehe und wisse: "Die kommen nicht mehr nach Hause." Am Ende seiner Arbeitstage bleibe ihm aber auch das Bild seiner erschöpften Kolleginnen und Kollegen im Kopf: "Ihre müden Gesichter, die durchgeschwitzten Klamotten, wenn sie sich zwei-, dreimal pro Schicht umziehen müssen."

Kempff ist Pflegeleiter auf der pneumologischen Intensivstation des Universitätsklinikums Gießen-Marburg (UKGM). Auf seiner Station gibt es 30 Intensivbetten. Im Normalfall würden dafür rund 65 Pflegekräfte ausreichen, sagt er. Derzeit seien ungefähr 60 Kräfte da - und der Normalfall ist lange her.

Personalmangel am UKGM: "Es meldet sich keiner"

Derzeit liegen etwa 300 Covid-Patientinnen und -Patienten in Hessen in Intensivbetten. Etwa 850 weitere Betten in Normalstationen sind mit corona-infizierten Menschen belegt. Jede und jeder von ihnen muss rund um die Uhr betreut werden. Am Tag kann eine Pflegekraft maximal zwei Intensivpatienten betreuen, in der Nacht drei - so schreibt es die Regelung der Personaluntergrenzen vor.

Doch an Pflegekräften mangelt es wie in ganz Deutschland auch an den hessischen Kliniken. "Wir könnten einstellen, wir haben dauerhaft Stellenanzeigen draußen", sagt Tobias Kempff, "aber es meldet sich keiner." In der ersten Corona-Welle sei der übrige Klinikbetrieb noch heruntergefahren worden, Kolleginnen und Kollegen hätten Schichten aufgestockt oder seien aus dem Urlaub zurückgekommen, um die Covid-Fälle zu versorgen.

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„Diese Systemrelevanz, die wir haben, muss nicht irgendwann, sondern jetzt honoriert werden.“ Tobias Kempff, Pflegeleiter am UKGM Tobias Kempff, Pflegeleiter am UKGM
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"Dann kamen die zweite und die dritte Welle, die waren anders", sagt Kempff. Es habe keine Unterstützung mehr aus anderen Stationen gegeben, da dort wieder andere Erkrankungen behandelt wurden. "Was danach auftrat: Auch vor allem junge Kollegen haben ihren Stellenumfang reduziert."

Darmstadt: 15 Intensivpfleger fehlen

Auch die Kliniken Frankfurt-Höchst und Darmstadt berichten auf hr-Anfrage, dass sie in den vergangenen Monaten Personal verloren haben. Sie führen das zum Teil auf die Belastung durch die Pandemie zurück. In Darmstadt können aktuell nicht alle Intensivbetten betrieben werden, weil 15 Beschäftigte in der Intensivpflege fehlen.

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Andere größere Kliniken in Hessen konnten nach eigenen Angaben das wegfallende Personal weitgehend durch neues Personal ausgleichen, zum Beispiel indem sie Absolventinnen und Absolventen der Pflegeschulen einstellten.

Angespannte Situation - schon vor Corona

Sowohl die Kliniken Kassel, die Helios Kliniken Westhessen, das Klinikum Darmstadt, die Universitätskliniken Gießen-Marburg, die Kliniken Frankfurt-Höchst und das Universitätsklinikum Frankfurt betonen jedoch: Die Personalsituation sei schon vor Corona angespannt gewesen. Dass es zu wenige Pflegekräfte gebe, sei schon lange klar.

"Durch den deutschlandweiten Fachkräftemangel benötigen Nachbesetzungen viel Zeit", heißt es vom Klinikum Darmstadt. Doch Zeit ist auf den Intensivstationen gerade knapp.

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„Durch den deutschlandweiten Fachkräftemangel benötigen Nachbesetzungen viel Zeit.“ Sprecher des Klinikums Darmstadt Sprecher des Klinikums Darmstadt
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Das UKGM versucht es stattdessen mit Geld und stellt eine Sonderprämie von 5.000 Euro für Pflegekräfte in Aussicht, die eine Stelle in der Intensivpflege annehmen. In Kassel gibt es eine Prämie von mehreren tausend Euro für Beschäftigte, die ein sechsmonatiges Qualifizierungsprogramm zur Intensivfachkraft durchlaufen. Das Klinikum Darmstadt will nun auf teurere Leihkräfte setzen, um den Mangel auf der Intensivstation auszugleichen.

Forderungen nach mehr Geld für die Pflege

Der Gießener Pflegeleiter Tobias Kempff fordert grundsätzlich mehr Geld für die Pflege: "Diese Systemrelevanz, die wir haben, muss nicht irgendwann, sondern jetzt honoriert werden." Akut brauche es hohe Zulagen für die Kollegen, die in den Intensivstationen und Covid-Bereichen arbeiten, "und zwar nicht bezahlt von den Krankenhäusern, sondern vom Bund". Mittelfristig brauche es eine Ausbildungsoffensive und eine bessere Bezahlung.

Ähnliche Forderungen stellt Andreas Schäfer. Er ist Pflegefachleiter am Klinikum Kassel und Mitglied bei der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi). "Am schnellsten umzusetzen wäre es, für eine vernünftige Vergütung zu sorgen, die der Verantwortung der Pflegekräfte angemessen ist", sagt Schäfer.

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„Die angekündigten Steuererleichterungen und Bonuszahlungen von einer Milliarde Euro sind ein guter Anfang.“ Andreas Schäfer, Pflegeleiter am Klinikum Kassel Andreas Schäfer, Pflegeleiter am Klinikum Kassel
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Im Koalitionsvertrag der künftigen Bundesregierung sind Steuererleichterungen und eine Milliarde Euro als Bonus für Pflegekräfte vorgesehen - "ein guter Anfang" aus Schäfers Sicht. "Darauf muss weiter aufgebaut werden."

Weiteres Problem: Psychische Erschöpfung des Personals

Schäfer weist darauf hin, dass auch der psychischen Erschöpfung des Krankenhauspersonals entgegengewirkt werden müsse. Zum Teil erlebe das Personal "wirklich furchtbare Dinge, und das in hoher Zahl und über eine lange Zeit", sagt er. Dafür brauche es zügig Konzepte zur psychologischen Betreuung der Pflegekräfte. Es sei unverständlich, dass es diese Angebote bisher nur in Einzelfällen gebe, obwohl die psychischen Erkrankungen bei Pflegekräften deutlich zugenommen hätten.

Dass sich die Pflege nicht nur personell, sondern auch körperlich und emotional am Anschlag bewege, berichtet auch Pflegeleiter Tobias Kempff: "Wir sind weniger belastbar, hatten kaum Zeit uns zu regenerieren, der Krankenstand ist derzeit hoch." Der hohe Einsatz über die ganze Pandemie hinweg fordere nun seinen Tribut. "Wir sind einfach müde."

Im Sommer habe Kempff noch gehofft, dass diese Zeit vorbei sei. "Ich habe gehofft, dass die Menschen sich impfen lassen, aber Pustekuchen - vierte Welle."

Weniger Motivation durch Ungeimpfte

Ein Grund, weswegen Andreas Schäfer sich für eine Impfpflicht ausspricht. Dem Argument, dass eine Impfpflicht beim Pflegepersonal den Pflegekräftemangel noch verschärfen könnte, weil dann das ungeimpfte Personal kündigen werde, widerspricht er. Unter den Pflegekräften gebe es eine hohe Impfrate. "Die werden in viel größerer Zahl aus dem Beruf gehen, wenn es keine Impfpflicht gibt", sagt Schäfer, weil man nicht mehr einsehe, sich für andere aufzuopfern.

90 Prozent der Covid-Patienten auf seiner Station seien ungeimpft, sagt Tobias Kempff. Eine Motivation, um weiter durchzuhalten, seien diese Zahlen für ihn nicht. "Ich kann sagen, ich arbeite hier mit deutlich weniger Empathie."

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