Die Universitätsklinik auf den Marburger Lahnbergen.

Leidet die Pflege unter dem Personalmangel am Marburger Uniklinikum? Das Krankenhaus hat diesen Vorwurf vehement bestritten. Nun berichtet ein Mitarbeiter einer Intensivstation von Missständen.

Audiobeitrag

Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Pfleger: "Kann ich nicht als adäquate Versorgung beurteilen"

Die Hand einer jungen und einer alten Person greifen in einem Krankenhaus ineinander.
Ende des Audiobeitrags

Er sei gerne Pfleger, sagt der Mann, der an der Marburger Uniklinik arbeitet und der in diesem Text Lukas heißt. "Aber die Tatsache, dass sich die Situation nicht wirklich verändert, ist sehr belastend." Mit der "Situation" meint Lukas die Überlastung der Pflegekräfte am Klinikum.

Bereits vor zwei Monaten hatte der Betriebsrat den Pflegenotstand an den beiden Standorten Gießen und Marburg ausgerufen. Die Klinikleitung wehrte sich damals in einer Presseerklärung gegen "unsachliche Kritik". Gunther Weiß, Vorsitzender der Geschäftsführung, erklärte, es gebe keinen Zweifel an der "bestmöglichen medizinischen Versorgung unserer Patientinnen und Patienten". Dem Betriebsrat wurde in der Mitteilung vorgeworfen, "trübe Stimmung" zu verbreiten.

Weitere Informationen

Mehr Geld für Pfleger

Um die Attraktivität einer Beschäftigung am UKGM zu erhöhen, hat sich die Klinik am Montag nach einjähriger Verhandlung mit der Gewerkschaft Verdi auf einen Tarifabschluss geeinigt. Laut dem Beschluss erhalten die nicht-ärztlichen Angestellten ab Januar 60 Euro mehr pro Monat. Azubis und Schüler erhalten 30 Euro mehr. Die Pflegekräfte erhalten demnach zusätzlich eine Pflegezulage von ebenfalls 60 Euro im Monat.

Ende der weiteren Informationen

Zwei Pfleger für zehn Patienten

Für Pfleger Lukas sieht es so aus: "Wenn nicht alles optimal läuft, bedeutet das, dass viel zu viele Patienten von viel zu wenig Personal versorgt werden." So könne es sein, dass sich nur zwei Pfleger auf der Intensivstation um zehn bis elf Patienten kümmerten. Die gesetzliche Untergrenze beträgt im Intensivbereich eigentlich ein Pfleger für 2,5 Patienten tagsüber und ein Pfleger für 3,5 Personen nachts.

Die Uniklinik weist die Vorwürfe, die zuerst in einem hessenschau-Beitrag am Sonntagabend öffentlich wurden, zurück: Das Haus erfülle die Pflegepersonaluntergrenzen sehr wohl, schließlich handele es sich dabei um einen monatlichen Durchschnitt, den es zu erreichen gelte.

Videobeitrag

Video

zum Video Pfleger berichtet über Personalengpass an Uniklinik Marburg

hessenschau
Ende des Videobeitrags

"Dies wurde seitens des Bundesgesundheitsministeriums ausdrücklich so festgelegt, um auf mögliche kurzfristige Bedarfssituationen, wie sie im Krankenhaus ungeplant jederzeit auftreten können, im Sinne einer gesicherten medizinischen Versorgung reagieren zu können", heißt es in einer Mitteilung als Reaktion auf den Beitrag.

Eine Dreiviertelstunde auf der Bettpfanne

Lukas berichtet, dass die Pflegekräfte versuchten, die Engpässe mit höherem Einsatz aufzufangen. Steigende Belastung führe aber oftmals dazu, dass man bestimmte Standards nicht vollständig einhalten könne.

Ein Praxisbeispiel: Lukas hat keine Zeit, seinen Kittel zu wechseln, wenn er von einem Patienten zum anderen geht - obwohl der eine Patient einen resistenten Keim trägt. So steigt dann die Verbreitungsgefahr. Auch hätten Patienten schon bis zu 45 Minuten auf der Bettpfanne gehockt, ehe Hilfe kam. "Das kann ich persönlich nicht als adäquate Patientenversorgung bezeichnen."

"Die Mitarbeiter wissen um die Fehler, und das macht krank"

Peter Fröbrich, der das unabhängige Marburger Hygieneinstitut leitet und in Krankenhäusern die Hygiene kontrolliert, sagt, solche Zustände kenne er nicht nur vom UKGM - es entstehe häufig ein Teufelskreis: "Das ist auch für die Mitarbeiter schlimm: Sie wissen ganz genau um die Fehler, die sie machen, und das macht auch krank."

In besonders heftigen Situationen schreiben die Angestellten am Uniklinikum sogenannte Überlastungsanzeigen. 326 solcher Anzeigen haben sie insgesamt im Jahr 2019 an die Klinikleitung gesendet, mehr als doppelt so viele wie noch 2016. In manchen der Anzeigen, die dem hr vorliegen, heißt es dann zum Beispiel:

  • "Die Sicherheit der Patienten konnte zu keinem Zeitpunkt gewährleistet werden. Wir werden die Station mit keinem guten Gewissen verlassen können."
  • "Die adäquate Versorgung der Früh- und Neugeborenen konnte aufgrund nicht ausreichender Schwestern nicht gewährleistet werden."
  • "Patient musste aufgrund von Konstrastmittel massiv Stuhlgang absetzen (im Bett von Kopf bis Fuß). Stuhlgang war bereits festgetrocknet, musste lange Zeit geduscht werden."

Klinik: "Wir gehen jedem Einzelfall nach"

Die Klinik verweist darauf, dass die Zahl der gestellten Anzeigen im Bereich Pflege zuletzt rückläufig sei. Im gesamten Jahr 2019 seien in diesem Bereich nur 211 solcher Anzeigen eingegangen, bei knapp 47.000 Schichten auf den Stationen. Dass die Zahl der Anzeigen insgesamt zuletzt gestiegen ist, könne auch daran liegen, dass die Klinikleitung die Mitarbeiter aufgefordert habe, dieses Instrument aktiv zu nutzen.

Lukas geht dagegen davon aus, dass die tatsächliche Zahl der Überlastungsanzeigen eigentlich noch höher sein müsste. Viele Kollegen wären frustriert, weil es nur selten eine Rückmeldung auf die Anzeigen gebe. Die Uniklinik räumt ein, dass es in der Vergangenheit zu selten Abschlussberichte auf die Anzeigen gegeben habe, das wolle man in Zukunft ändern. Dennoch würden die Anzeigen "regelhaft und kontinuierlich in jedem Einzelfall bearbeitet. Und jedem Vorgang wird nachgegangen."

Mehr Pfleger bei fast gleich vielen Patienten

Insgesamt, betont die Uniklinik, habe sie "eine Vielzahl von organisatorischen Maßnahmen ergriffen, um die Belastungssituation der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu reduzieren". So sei ein Pflegepool eingerichtet und Betten seien vorübergehend geschlossen worden. Zudem habe man viele Auszubildende übernommen und Mitarbeiter eingestellt, "sodass bei nahezu gleichbleibenden Patientenzahlen die Anzahl an Pflegenden gestiegen ist".

Für Lukas ist dagegen klar: Sollte er selbst einmal ernsthaft krank werden, "würde ich mich persönlich nicht gern in diesem Krankenhaus behandeln lassen. Das liegt nicht an den Personen in der Pflege, sondern an der zu leistenden Pflege."

Sendung: hr-iNFO, 20.01.2020, 10.10 Uhr