Bahnstrecke Kassel-Bensheim
Für Pendler auf dieser Strecke der Main-Weser-Bahn könnte es teuer werden. Bild © Foro: dpa, Grafik/Collage: hr

Die Main-Weser-Bahn gilt als Hauptverkehrsader für Berufspendler in Hessen. Doch mit den Plänen der Bahn, die bestehende IC-Verbindung durch ICE zu ersetzen, wird das Pendeln für viele Reisende deutlich teurer.

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Eigentlich könnte es eine gute Nachricht für hessische Bahnreisende auf der Strecke zwischen Kassel-Wilhelmshöhe und Bensheim (Bergstraße) sein: Die Bahn ersetzt ab 9. Dezember auf der Linie 26 die alten IC-Züge mit ICE-Zügen. Doch für Pendler könnte der Wechsel gravierende Folgen haben, wie die Frankfurter Rundschau zuerst berichtete.

Für Pendler Michael Schmittdiel etwa war die Nachricht ein Schock: "Meine Reisekosten steigen dadurch um fast 2.000 Euro jährlich an. Und dabei fährt der ICE noch nicht einmal schneller - sondern braucht genau so lange wie sonst auch. Das ist Wucher."

Denn Inhaber von RMV-Zeitkarten oder RMV-Jobtickets haben nicht die Möglichkeit, damit die ICE-Verbindungen zu nutzen. Dazu kommt: Wer sich nun eine teurere Zeitkarte der Bahn kauft, muss zusätzlich auch noch eine Fernverkehrsergänzungskarte kaufen, um die lokalen Verkehrsmittel des RMV nutzen zu können.

Unbegrenzte Fahrten im RMV-Gebiet sind Vergangenheit

Michael Schmittdiel reist für die Arbeit unter der Woche täglich von seinem Wohnort in Stadtallendorf (Marburg-Biedenkopf) nach Frankfurt und zurück - bisher zahlte der Deutsche-Bank-Mitarbeiter mit seinem Jobticket dafür einen vertretbaren Aufpreis. Seine Rechnung sieht so aus: Im Moment zahlt der 29-Jährige 113 Euro im Monat (1.356 Euro jährlich) für sein Jobticket Preisstufe 7 (RMV). Sein Arbeitgeber zahlt zusätzlich einen ihm nicht bekannten Teil. Das IC-Zuschlagticket kostet im Jahr 373,90 Euro. Damit belaufen sich seine Kosten momentan noch auf 1.729,90 Euro jährlich.

Pendler Michael Schmittdiel
Für Michael Schmittdiel wird die Fahrt zur Arbeit künftig deutlich teurer. Bild © hr

Doch das ICE-Ticket von Stadtallendorf nach Frankfurt kostet 3.154 Euro im Jahr. Damit Schmittdiel in Frankfurt U-Bahn und Bus nutzen kann, muss er zusätzlich ein Ticket für den Stadtverkehr Frankfurt erwerben, welches 480,20 Euro im Jahr kostet (vergünstigt für ICE-Karten Inhaber). Ab Dezember rechnet Schmittdiel dann mit Kosten in Höhe von 3.634,20 Euro.

Und das ist nicht das einzige Ärgernis, moniert Schmittdiel. Mit seinem RMV Jobticket konnte er das gesamte RMV Gebiet befahren, sprich auch alle Städte und deren Verkehrsmittel. Ab Dezember können Pendler nur noch die Verbindung, die gekauft wurde, benutzen und keinen Stadtverkehr wie zum Beispiel zuvor in Frankfurt, Marburg oder Gießen.

Für Pendler gibt es allerdings auch eine günstigere Alternative zu den sieben Mal täglich in beide Richtungen verkehrenden ICE-Zügen: Zwischen Stadtallendorf und Frankfurt fährt ein Regionalexpress, der RE30. Der Zug kann mit RMV-Karten genutzt werden und braucht momentan nicht viel länger als die Schnellzüge auf der Strecke. Für Schmittdiel keine attraktive Option: "Die Regionalzüge sind viel zu oft unpünktlich und sehr überfüllt." Zudem fahre sein morgendlicher IC genau so, dass er pünktlich sein Arbeitsziel erreiche - mit dem Regionalzug sei er entweder zu früh oder zu spät.

Bahn argumentiert mit mehr Komfort

Grund für die Neuerung auf der Linie 26 ist nach Angaben der Bahn, dass auf anderen Strecken nach und nach ICE-Züge der neuesten Generation eingesetzt werden. Dadurch könnten die freiwerdenden älteren ICE-Modelle auf anderen Strecken fahren - wie zum Beispiel auf der Linie 26. Der Fahrtverlauf und der bisherige Zwei-Stunden-Takt sollen erhalten bleiben. Doch es gelten ICE-Konditionen. Das bedeutet: Sowohl für Flexpreis-Fahrkarten als auch für Zeitkarten ist eine ICE-Berechtigung zum dann aktuell gültigen Preis erforderlich.

Fahrkarten des Nahverkehrs sowie der Verkehrsverbünde sind in den ICE-Zügen nicht gültig. Für Kunden, die aktuell eine Verbund-Zeitkarte wie zum Beispiel vom RMV verwenden und eine DB-Aufpreisfahrkarte für IC erworben haben, soll eine Übergangsphase gelten. Sie könnten mit der Aufpreiskarte IC den ICE auf der Linie 26 bis einschließlich 31.03.2019 nutzen, teilte das Verkehrsunternehmen mit.

Die Bahn wirbt damit, dass mit dem ICE-Einsatz mit dem Fahrplanwechsel im Dezember das Reisen komfortabler werde, da dann auch kostenloses WLAN, Ruhebereiche und ein Bordbistro zur Verfügung stünden. Ein Komfort, auf den Schmittdiel gern zugunsten der Kosten verzichtet hätte. "Das stellt für mich keinen Gewinn dar."

Ausnahme bei Semestertickets

Eine Ausnahme gibt es aber doch - aber nur für die Semestertickets der Universität Marburg und der Evangelischen Hochschule Darmstadt. Inhaber des Semestertickets dürfen nach Angaben der Bahn auch weiterhin auf der Strecke zwischen Heidelberg und Kassel die ICE-Züge nutzen. Warum aber werden Semestertickets im ICE auf der Linie 26 anerkannt, jedoch keine Aufpreisfahrkarten?

Da Studierende vor allem auch Züge in den weniger nachgefragten Tageszeiten nutzten, könnten diese "trotz allgemein angespannter Auslastungssituation" zukünftig auch in ICE-Zügen befördert werden, argumentiert die Bahn. Aber auch das gilt nicht überall: Wegen der starken Nachfrage des Streckenabschnitts zwischen Kassel und Göttingen zu allen Tageszeiten werde dort das Semesterticket nicht in den ICE-Zügen gelten.

Fahrgastverband fordert Zuschüsse vom Bund

"Es ist für die Pendler eine ärgerliche Situation", findet auch Thomas Kraft vom Pro Bahn Landesverband Hessen. Die Verantwortung dafür sieht er jedoch nicht bei der Bahn. "Öffentliche Mobilität kostet Geld, und die muss subventioniert werden." Die Strecke zwischen Frankfurt und Kassel sei auf langer Strecke defizitär. Anders als der öffentlich bezuschusste Nahverkehr müsse die Bahn für den Fernverkehr selbst für ihre Defizite aufkommen.

Der Ansatz müsse sein, "die Deutsche Bahn in die Lage zu versetzen, bezahlbare Monats- und Jahreskarten für Pendler anzubieten. Das geht aber nur, wenn Steuergelder zugeschossen werden." Die Verantwortung dafür sieht Pro Bahn beim Bund. Der Fahrgastverband fordert ein entsprechendes Personenfernverkehrsgesetz.

Michael Schmittdiel sieht vorerst keine Lösung für sich. Auch seine Frau ist von der Umstellung betroffen - zusammen geht es für das Ehepaar also um fast 4.000 Euro jährlich. Schmittdiels Fazit: "Für den Preis könnte ich ja fast schon mit dem Auto fahren."

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version hatte es fälschlicherweise geheißen, Inhaber der RMV-Zeitkarten hätten nur die Möglichkeit, IC-Verbindungen zu nutzen - das ist nicht korrekt. Sie können damit selbstverständlich auch die Regionalzüge benutzen. Wir haben die Formulierung entsprechend geändert.