Klärwerk in Ober Erlenbach
Klärwerk in Ober-Erlenbach Bild © picture-alliance/dpa (Archiv)

Hessens Klärwerke werden ihren Klärschlamm nicht mehr los - das werden bald auch die Gebührenzahler merken.

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Es müffelt auf dem Hof des Gießener Klärwerks. Der Geruch nach Fäkalien steigt von einem großen, halbrunden Becken auf. Es ist voller Klärschlamm - die Schichten stapeln sich vier bis fünf Meter hoch. Insgesamt sind es 4.000 Tonnen. Ungewöhnlich viel für Anfang Dezember. Clemens Abel, Leiter des Klärwerk-Betreibers Mittelhessische Wasserbetriebe (MWB), nennt den Grund: "Wir bekommen unseren Klärschlamm nicht in der Weise los, weil wir nicht mehr in die Landwirtschaft dürfen, wie das früher mal der Fall war."

Strengere Richtlinien beim Düngen

In früheren Jahren dienten die Hinterlassenschaften aus Toiletten, Duschen oder auch Spülmaschinen Landwirten als Dünger. Das ist immer noch so - aber in deutlich reduziertem Umfang. 2017 war erst die Düngeverordnung und dann die Klärschlammverordnung geändert worden. In Wasserschutzgebieten darf seitdem kein Klärschlamm mehr auf die Ackerflächen. Generell gelten beim Düngen mit Nitrat strengere Richtlinien.

Was das Wasser sauber halten und der Gesundheit dienen soll, hat für Kläranlagen jene Folgen, die man in Gießen besichtigen kann. "Das heißt, dass wir, milde gesagt, in einen Engpass kommen - eher schon einen Notstand", sagt Thomas Becker, der Leiter des Gießener Klärwerks. Der Klärschlamm-Berg wächst gen Himmel. Und das gilt für viele der mehr als 700 kommunalen Kläranlagen in Hessen.

"Wir müssen uns um alternative Entsorgungswege kümmern", sagt MWB-Chef Abel. Aber es werde immer schwieriger, Abnehmer zu finden. "Die größte Menge geht aktuell in die Verbrennung. Der Klärschlamm wird abgeholt und zu verschiedenen Kraftwerken gebracht."

Weil die Kapazitäten in der Nähe längst nicht mehr ausreichen, fahren die Laster mit Klärschlamm aus Gießen inzwischen durch die halbe Republik. "Ein Teil Richtung Köln, ein Teil Richtung Kassel, ein Teil Richtung Dresden", berichtet Abel.

Klärschlamm-Tourismus durchs ganze Land

Die Grafik zeigt wie hessischer Klärschlamm zur Verbrennung in andere Bundesländer exportiert wird.
Bild © hessenschau.de

Das passiert gerade in ganz Deutschland. Auch Fuhren ins benachbarte Ausland sind inzwischen keine Seltenheit mehr. Die Behörden versuchen, mit dem zügigen Bau neuer Verbrennungsanlagen gegenzusteuern. Auch in Hessen. Allein dort fallen jährlich 600.000 Tonnen Klärschlamm an.

Damit er sich in Rauch auflöst und Energie liefert, stehen landesweit derzeit nur sechs Öfen zur Verfügung. Gießen will gemeinsam mit seinen Nachbarkommunen möglichst rasch in die so genannte thermische Verwertung einsteigen. Das Müllheizkraftwerk in Offenbach baut bis 2020 zwei Spezialöfen zur Klärschlammverbrennung. In Mainz-Mombach entsteht eine Großanlage, die auch Material aus benachbarten hessischen Regionen verfeuern soll.

All das kostet viele Millionen Euro. Es lindert perspektivisch den Notstand der Klärwerks-Betreiber. Aber es provoziert zugleich die Frage, ob das Verbrennen von Klärschlamm tatsächlich der Weisheit letzter Schluss ist.

Die Grafik zeigt die bestehenden und geplanten Anlagen zur Verbrennung von Klärschlamm
Bild © hessenschau.de

Anwohner: "Für mich ist das Körperverletzung"

In Kelsterbach stinkt es vielen Einwohnern schon jetzt - wortwörtlich. Das Städtchen bei Frankfurt grenzt an eine Anlage im Süden des Höchster Industrieparks, die Klärschlamm verbrennt. Die Betreiberin Thermal Conversion Compound, eine Tochter der Industriepark-Gesellschaft Infraserv, möchte künftig 210.000 Tonnen jährlich verbrennen. Bislang sind es 70.000 Tonnen.

Doch die Geruchsbelästigung sei schon jetzt beträchtlich, sagt Roland Meier von der "Bürgerinitiative für ein lebenswertes Kelsterbach". Werde die Kapazität verdreifacht, dann, sagt Meier, "kann man damit rechnen, dass es abends nach Fäulnis stinkt. Das ist jetzt schon so unerträglich, dass wir bei den heißen Temperaturen in diesem Sommer nicht lüften konnten. Für mich grenzt das an Körperverletzung."

Gegen den Ausbau der Anlage bei Kelsterbach sind rund 800 Einwände vorgebracht worden. Gut möglich, dass sich Anwohner auch anderswo beim Bau der so dringend benötigten neuen Verbrennungsanlagen querstellen. Die Klärschlamm-Verbrennung hat einen weiteren unerwünschten Nebeneffekt. Laufen die Öfen mal nicht, etwa bei Wartungsarbeiten, entstehen erhebliche Mengen des Treibhausgases Methan.

Abwassergebühren dürften steigen

Es gibt eine Alternative zum Verbrennen: die so genannte Vererdungsanlage. Der Klärschlamm wird in ein mit Schilf bepflanztes Beet geleitet und verwandelt sich dank fleißiger Mikroorganismen mit der Zeit in ganz normale Erde. Eine Firma in Nordhessen bietet die natürliche Entsorgung an. Noch ist aber unklar, ob die Öko-Variante angesichts der gewaltigen Menge des anfallenden Klärschlamms eine ernstzunehmende Rolle spielen kann.

So oder so werden die Hessen die akute Klärschlamm-Not eher früher als später zu spüren bekommen. Und zwar im Geldbeutel. Der Preis, den die Müllverbrennungsanlagen für die Abnahme des Klärschlamms aufrufen, ist rasant gestiegen.

"Wenn wir früher von einem Preis von 40 -50 Euro pro Tonne ausgegangen sind, dann liegen wir jetzt im günstigsten Fall bei 70 - 75 Euro und im teuersten Fall bei 180 Euro", berichtet Clemens Abel von den Mittelhessischen Wasserbetrieben. Das wird wohl fast überall in Hessen bald zu steigenden Abwassergebühren führen.

Wertvoller Schlamm

Den Schlamm im großen Stil einfach nur zu trocknen und dann zu verfeuern, das wird ohnehin keine dauerhafte Lösung sein. Denn in unseren Ausscheidungen steckt auch etwas sehr Wertvolles: Phosphor. Die mineralischen Phosphat-Vorkommen auf unserem Planeten gehen aber langsam zur Neige. Phosphor ist unverzichtbar, um die Menschheit zu ernähren.

Und der Stoff, aus dem der Dünger ist, kann aus tierischen und menschlichen Ausscheidungen zurückgewonnen werden. Deshalb haben Politik und Behörden auch in Hessen schon die nächste Stufe im Umgang mit dem Klärschlamm ausgerufen. Bald sollen Anlagen gebaut werden, um den Phosphor aus der stinkenden Brühe zu fischen.