Vertreter der Veranstaltungsbranche laufen in einem Demonstrationszug durch Wiesbaden - mit Abstand und Masken.

Abgesagte Konzerte und Messen, Theatervorstellungen vor einer Handvoll Besucher und dabei kaum finanzielle Unterstützung: Die Veranstaltungsbranche fühlt sich von der Politik im Stich gelassen. In Wiesbaden wollen auch am Mittwoch wieder Betroffene vor dem Landtag demonstrieren.

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Vertreter der Veranstaltungsbranche weisen mit Schildern auf ihre schwierige Situation hin.
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Ihren letzten Auftrag hatte Jana Radomski Ende Februar. Seitdem steht ihr Gewerbe still. Die selbstständige Veranstaltungstechnikerin aus Bad Soden am Taunus war in der Branche gut vernetzt, arbeitete auf Messen in Frankfurt, Firmenfeiern, Festivals und im Theater. Doch als die Corona-Krise kam, brachen ihr alle Einnahmen weg. Die hohen Kosten für Versicherungen, Altersvorsorge und Gewerbesteuer aber blieben.

Radomski erzählt, sie halte sich mit Nebenjobs seit Wochen gerade so über Wasser. Sie arbeitet als Verkäuferin, kellnert in einem Restaurant. Die weggebrochenen Einnahmen könne sie auf diese Weise aber nicht ausgleichen: "Ich versuche nur, möglichst wenig Schulden zu machen."

Städte verschärfen Regeln für Veranstaltungen wieder

Wie Radomski geht es gerade hunderttausenden Selbstständigen und Unternehmen. Branchenangaben zufolge sind deutschlandweit rund eine Million Arbeitsplätze in Gefahr, zeitweise seien die Umsätze um 100 Prozent zurückgegangen. Veranstaltungstechniker wie Radomski, aber auch Künstler, Floristen, Bühnenbauer, Maskenbildner, Caterer oder Platzanweiser: Sie alle sind darauf angewiesen, dass Veranstaltungen vor Publikum stattfinden dürfen.

Zwar erlaubt die hessische Landesregierung seit Mai wieder Besucher in Kultureinrichtungen. Doch von vollen Theater- oder Konzertsälen kann noch keine Rede sein - im Gegenteil: Einzelne Städte haben die Regelungen wegen gestiegener Infektionszahlen bereits wieder verschärft. In Offenbach dürfen derzeit maximal 100 Menschen an Veranstaltungen teilnehmen, in Wiesbaden sogar nur 50. In Frankfurt fanden seit Februar keine Messen mehr statt, selbst die Buchmesse plant in diesem Jahr mit deutlich reduzierten Besucherzahlen.

90 Prozent der Unternehmen droht Insolvenz

Wenn das so weitergehe, werden der Branche bis Jahresende 90 Prozent der Unternehmen verloren gehen, prognostiziert der Vorsitzende des Dachverbands Interessengemeinschaft Veranstaltungswirtschaft, Marcus Pohl. "Wenn die Insolvenzfrist nicht aufgehoben wird, werden die Zahlen im Oktober in die Höhe schießen."

Die Absagen aus gesundheitlichen Gründen stelle er nicht in Frage, betont Pohl. Doch er bemängelt den fehlenden Willen der Politik, sich mit der Branche auszutauschen - sowohl auf Bundes- als auch auf Landesebene. "Wir brauchen eine politische Entscheidung: Will die Politik überhaupt noch Veranstaltungen? Dann brauchen wir Konzepte", so Pohl. Wirtschaftliche Veranstaltungen seien unter den derzeitigen Hygieneauflagen jedenfalls unmöglich.

"Den Selbstständigen wird nicht geholfen"

Um auf die prekäre Situation der Veranstaltungswirtschaft aufmerksam zu machen, organisiert ein Bündnis aus Branchenverbänden unter dem Titel "Alarmstufe Rot" seit zwei Wochen Demonstrationen, unter anderem in Wiesbaden. Am Mittwoch findet dort die dritte Demonstration in Folge statt, erwartet werden 200 Teilnehmer. Mit einem symbolischen Verhandlungstisch fordern Betroffene die Landesregierung auf, mit ihnen in Dialog zu treten - und die finanziellen Hilfen für Unternehmer an die Bedürfnisse der Veranstalter anzupassen.

Zwar brachte die Landesregierung in den vergangenen Monaten eine ganze Reihe an Hilfsprogrammen für krisengeplagte Unternehmen auf den Weg. Doch gerade den Selbstständigen werde eigentlich überhaupt nicht geholfen, sagt Demo-Organisator Timm Junker.

Bei den Überbrückungshilfen etwa, die Unternehmen für Juni bis August beantragen können, werden nur Fixkosten wie Miete, Zinsen oder Stromkosten erstattet - und die auch nur zu maximal 80 Prozent. Lebenshaltungskosten werden überhaupt nicht berücksichtigt. Für Freiberufler, die ihre Arbeitsräume beispielsweise privat nutzen und ihr betriebliches Vermögen auch sonst kaum vom privaten trennen können, bedeutete dieser Umstand schon bei den Soforthilfen, dass sie meist leer ausgingen.

"Wir werden nicht von Null auf Hundert starten können"

Während viele Angestellte immerhin noch die Möglichkeit haben, in Kurzarbeit einen Teil ihres Einkommens zu beziehen, bleibt den Selbstständigen häufig nur Hartz IV - oder ein Kredit. Das komme für sie aber nicht in Frage, sagt Jana Radomski: "Die Banken wollen Sicherheiten, die ich ihnen nicht geben kann. Und wann soll ich die hohen Zinsen tilgen? Da reite ich mich nur noch mehr rein."

Die Veranstalter fordern ein Überbrückungsprogramm, von dem auch Freiberufler und Einzelunternehmer profitieren. Und sie fordern längerfristige Hilfen für die Branche, die über die Kurzarbeit hinausgehen. "Selbst wenn wir im kommenden Jahr wieder arbeiten dürfen, was wir sehr hoffen, werden wir nicht von null auf hundert starten können", sagt Demo-Organisator Timm Junker.

Finanzminister: Keine Hilfen für Selbstständige geplant

Immerhin ein Ziel scheinen die Veranstalter erreicht zu haben: Im Landtag ist ihre missliche Lage angekommen. Der Haushaltsausschuss diskutiert am Mittwoch einen Gesetzentwurf der FDP, der unter anderem eine finanzielle Entschädigung für Solo-Selbstständige mit geringen Betriebsausgaben vorsieht.

Allzu große Hoffnungen erstickte das Finanzministerium im Vorfeld jedoch bereits im Keim: "Eine Erwartung werden wir nicht erfüllen können, nämlich dass wir alle Umsätze, die ausgefallen sind, als Staat kompensieren", sagte Hessens Finanzminister Michael Boddenberg (CDU) nach der ersten Demonstration in Wiesbaden. Auch eigene Corona-Hilfen für Selbstständige seien nicht vorgesehen. "Dass manche damit nicht zufrieden sind, verstehe ich emotional sehr gut. Wir haben aber nur begrenzte Ressourcen, mit denen wir verantwortlich umgehen müssen."

Ein Sprecher des Wirtschaftsministeriums teilte auf hr-Anfrage mit, bei den Sofort- und Überbrückungshilfen sei man an die Vorgaben des Bundes gebunden. Ein Vorschlag der Landesregierung, die Lebenshaltungskosten der Selbstständigen einzubeziehen, sei abgelehnt worden. Mit dem erleichterten Zugang zu Darlehen sei man den betroffenen Unternehmen bereits sehr entgegengekommen: So sei es bei manchen Mikrokrediten beispielsweise möglich, auf 50 Prozent der Rückzahlung zu verzichten.

Veranstaltungstechnikerin Jana Radomski fühlt sich von der Politik dennoch im Stich gelassen: "Eigentlich bin ich im Oktober insolvent. Vielleicht kann ich mich noch bis Jahresende halten." Wenn es dann immer noch keine Perspektive gebe, müsse sie ihr Gewerbe aufgeben. "Irgendwann fressen einen die Kosten auf."

Sendung: hr-iNFO, 12.08.2020, 21.15 Uhr