Bergungsarbeiten an der Unfallstelle am 28.11.2017
Der Unfall geschah im November 2017 nur fünf Tage nach einem weiteren tödlichen Abbiege-Unfall in Darmstadt. Bild © Einsatzreport-Suedhessen.de

400 Euro an die Opferhilfe: So hat das Amtsgericht Darmstadt einen Lkw-Fahrer verurteilt, der beim Abbiegen eine Radfahrerin überfahren hatte. Die Richterin begründete ihre Milde mit der technischen Ausstattung des Fahrzeugs.

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Immer wieder passieren schwere Fahrrad-Unfälle mit abbiegenden Lastwagen. Ein Abbiegeassistent kann helfen.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Lkw-Fahrer überfährt Radfahrerin - Urteil

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Die Richterin am Amtsgericht Darmstadt erklärte bei der Urteilsverkündigung am Donnerstag, dass sie sich bewusst für ein niedriges Strafmaß gegen den angeklagten Lkw-Fahrer entschieden habe. Der 55-Jährige muss demnach eine Geldstrafe von 90 Tagessätzen à 15 Euro nur dann zahlen, wenn er sich in den kommenden zwei Jahren noch etwas zu Schulden kommen lässt.

Zudem muss der Lkw-Fahrer, der seit dem tödlichen Unfall im November 2017 als arbeitsunfähig gilt, eine Zahlung von 400 Euro an die Verkehrsunfallopferhilfe leisten.

Zwei tödliche Unfälle binnen einer Woche

Die Richterin erklärte, der Fahrer habe die Radfahrerin im toten Winkel nicht sehen können. Allerdings wäre es seine Pflicht gewesen, an der Ampel permanent im Rückspiegel zu überprüfen, ob jemand in diesen toten Winkel einfährt. Das sei in der Praxis aber schwer zu schaffen. Solche Situationen könnten nur bessere technische und bauliche Einrichtungen verhindern, betonte sie.

Nur wenige Tage vor diesem Unfall war ein 68 Jahre alter Radfahrer ebenfalls in der Darmstädter Innenstadt von einem abbiegenden Lkw tödlich erfasst worden. In diesem Fall hatte die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen gegen den Fahrer eingestellt.

Die beiden tödlichen Unfälle lösten nicht nur in Darmstadt viele Diskussionen über die Sicherheit von Radfahrern aus. Die Stadtverordneten in Darmstadt sprachen sich als Reaktion auf die beiden Unfälle für Rechtsabbiegepfeile nur für Radfahrer an bestimmten Kreuzungen sowie eine spezielle Haltezone für Radfahrer an roten Ampeln aus.

Hessen pro Abbiegeassistent

Das Thema beschäftigte aber auch die Landespolitik. So schloss sich Hessen im Frühjahr 2018 einer Bundesratsinitiative an, mit der Assistenz-Systeme für alle Lastwagen ab 7,5 Tonnen zur Pflicht werden sollen. Lob dafür gab es von allen damaligen Fraktionen im Landtag. Die Große Koalition in Berlin schrieb die verpflichtende Einführung des Abbiegeassistenen für Lkw in den Koalitionsvertrag.

Abbiegeassisten für Lkw sind frühestens ab 2022 in der EU Pflicht, in Deutschland können sie bereits seit 2017 eingebaut werden, sind aber nicht verpflichtend. Eine hr-Umfrage im Herbst 2018 zeigte, dass viele kommunale Betriebe zwar den elektronischen Assistenen anschaffen wollen, wenn sie neue Lkw bestellen. Doch bei der Nachrüstung ihrer bestehenden Lkw-Fuhrparks mit Abbiegeassistenten zögerten die Städte, vor allem aus mangelndem Vertrauen in die bestehende Technik.

Erstmals Linienbusse mit Abbiegeassistent in Hessen

In einem Test der vier führenden Abbiegeassistenten in diesem Frühjahr kam der ADAC zu dem Urteil: Die Assistenten würden zwar die Vorgaben des Bundesverkehrsministeriums erfüllen, nicht aber die EU-Vorgaben, die ab 2022 gelten. So gab es etwa eine hohe Fehlerrate durch falsche Auslösungen durch Verkehrsschilder oder Bäume.

In Nordhessen werden seit Mitte Mai erstmals Abbiegeassistenen an Linienbussen getestet. Insgesamt 20 Busse verschiedener Linien wurden mit dem elektornischen Assistenten ausgerüstet. Damit kam hessenweit erstmals der Abbiegeassistenz-System in Linienbussen zum Einsatz.