Sarah und Leila Hossini stehen vor einer Wand mit Briefumschlägen und Pappen.

Geschäfte müssen wieder schließen, Campingplätze und Hotels bleiben auch über Ostern zu. Sechs Hessinnen und Hessen erzählen, was die Corona-Beschlüsse für sie bedeuten.

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hessenschau vom 23.03.2021
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Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) hat am Dienstag die Corona-Beschlüsse von Bund und Ländern sowie deren Umsetzung für Hessen erläutert. Wegen der steigenden Infektionszahlen wird der Lockdown verlängert - mit einer Verschärfung für viele Geschäfte: Wer nicht zum täglichen Bedarf zählt, muss ab der kommenden Woche wieder schließen. Aus "Click and Meet" wird wieder "Click and Collect": Abholung nach Vorbestellung statt Terminshopping.

Die Perspektive für Hotels und Gastronomie sei "besonders bitter", sagte Bouffier. Denn statt der zunächst in Aussicht gestellten Lockerungen für die Ostertage gilt die bisherige Regelung bis zum 18. April weiter. Nur geschäftliche Übernachtungen und Lieferdienste sind erlaubt. Von Gründonnerstag bis Ostermontag soll das öffentliche Leben weitgehend heruntergefahren werden, Lebensmittelgeschäfte dürfen möglicherweise am Ostersamstag und/oder am Gründonnerstag öffnen. Sechs Betroffene berichten, was diese Ankündigungen für sie bedeuten.

"Unsere Ressourcen sind aufgebraucht"

Klemens Stiebler leitet gemeinsam mit seiner Frau Sabine das Central Hotel in Rüdesheim (Rheingau-Taunus):

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Rüdesheimer Hotelier: "Die Grenze ist erreicht"

Sabine und Klemens Stiebler stehen vor ihrer Rezeption.
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"Alles, was wir uns erarbeitet haben, ist für die Katz. Wir haben jetzt seit fast sieben Monaten praktisch einen Lockdown. Die Grenze ist erreicht. Es geht nicht mehr. Wir haben darauf hingearbeitet, dass wir Ostern wieder aufmachen dürfen. Und jetzt wird uns ein Strich durch die Rechnung gemacht.

Die Novemberhilfen haben geholfen, die Dezemberhilfen auch, aber seitdem gibt es nichts mehr. Bei der Überbrückungshilfe III weiß selbst mein Steuerberater nicht, wie das funktionieren soll. Unser Kapital ist praktisch aufgebraucht.

Normalerweise geht es im März los mit Messen, die ersten Urlauber kommen. Das spült alles Geld in die Kassen, aber das bleibt jetzt aus. Alle Kollegen verzweifeln. Nur mit den Buchungen der Geschäftsleute können wir nicht existieren. Das ist eine Beschäftigungstherapie, mehr nicht."

"Es fehlt eine klare Linie"

Lothar Marx (65) betreibt seit 20 Jahren zusammen mit seiner Frau Gabi den Campingplatz Odenwaldidyll in Fischbachtal (Darmstadt-Dieburg):

Campingplatz Odenwaldidyll

"Die Leute haben so ein großes Bedürfnis rauszukommen. Über die Ostertage sind wir so gut wie ausgebucht, alle 220 Plätze sind weg. Jetzt muss ich wohl allen wieder absagen. Leider. Wenn wir weiterhin nicht für Feriengäste öffnen dürfen, geht das vielleicht noch den April gut. Und den Mai. Aber dann ist Schluss.

Ich verstehe es nicht. Camping gilt doch im Moment als das Sicherste, was man machen kann. Die Leute sind an der frischen Luft, die sind autark. Wir haben sogar extra Loggien bestellt, wo die Gäste ganz für sich sein können. Und jetzt? Das Problem ist doch: Von Seiten der Politik gibt es einfach keine klare Linie. Die Politiker versagen. Aber: Ich will mich gar nicht mehr aufregen. Es bringt nix.

Noch letzte Woche hieß es, dass wir Außengastronomie machen dürfen. Wir haben uns gedacht: Wenn schon keine Feriengäste, dann wenigstens diese Chance nutzen. Die Voraussetzungen dafür haben wir, hier haben 250 Leute Platz. Morgen sollte die Bestellung raus für Getränke und Essen, das wären wieder mindestens 10.000 Euro gewesen. Da bin ich gerade nur froh, dass wir das noch nicht gemacht haben."

"Die Frühjahrsware will bezahlt werden - aber wovon?"

Andy Bule (49), Inhaber der Geschäfte Mina und Number Seven für skandinavische, nachhaltige Mode in Frankfurt:

Andy Bule steht vor einem Ständer mit Sonnenbrillen.

"Das größte Problem bei uns ist der Warendruck. Erst sind wir auf der Winterkollektion sitzen geblieben. Und jetzt will die Frühjahrskollektion bezahlt werden. Ohne laufende Einnahmen wird das unmöglich sein. Wir Einzelhändler können erst seit Kurzem überhaupt Corona-Hilfen beantragen. Was dabei herauskommt, wissen wir nicht. Es kommt ein ganz großes Problem auf uns zu, wenn uns weiterhin nicht erlaubt wird, zu arbeiten - und wir nicht mal einzelne Menschen reinlassen dürfen.

Die Konsequenzen sehen wir schon auf der Zeil, mit dem Leerstand. Wie lange wir hier auf der Berger Straße noch durchhalten, weiß ich nicht. Das hängt auch von den Kunden ab. Die haben es satt, vor der Tür zu stehen oder Termine zu machen. Kaufen ist ein Impuls, etwas Emotionales. Wir beraten unsere Kunden gerne und ausführlich. Wenn wir das nicht anbieten können, dann können die auch gleich zuhause online bestellen.

Ich habe fast ein Jahr lang gesagt: Das wird schon irgendwie. Langsam weiß ich nicht mehr weiter. Die Perspektivlosigkeit ist das größte Problem. Das haben wir mittlerweile alle festgestellt."

"Ist Click and Meet wirklich das Problem?"

Sarah Hossinis (27) Eltern besitzen das Schreibwarengeschäft Das Papierhaus in Frankfurt:

Sarah und Leila Hossini stehen vor einer Wand mit Briefumschlägen und Pappen.

"Es ist natürlich sehr schade. Bei Click and Meet haben sich bei uns im Laden sowieso nur zwei Leute gleichzeitig aufgehalten. Jeder hat ordnungsgemäß seinen Namen aufgeschrieben. Man konnte alles zurückverfolgen. Natürlich verstehen wir die Entscheidung auch. Die Infektionszahlen gehen hoch. Man muss etwas machen. Ob das jetzt beim Click and Meet sein muss, ist eine andere Frage.

Wir sind ein kleiner Laden ohne Onlineshop. Es gibt nur einen Instagram-Account oder das Telefon. Natürlich haben wir es dadurch ein bisschen schwieriger als andere Geschäfte. Wir freuen uns einfach, wenn die Menschen wissen, dass wir noch hier sind."

"Wir hatten alles für Ostern geplant"

Gursahab Kotia, Inhaber des indischen Restaurants Swaad in Frankfurt:

Gursahab Kotia in seinem Restaurant Swaab.

"Wir haben letztes Jahr im September erst aufgemacht. Wir hatten eineinhalb Monate auf, und dann wurde am 3. November wegen Corona wieder alles geschlossen. Jetzt machen wir ein bisschen Abhol- und Lieferservice, aber das bringt uns nicht viel ein.

Wir haben gehofft, dass die Außengastronomie vor Ostern öffnen darf. Wir hatten alles geplant: Ich habe neue Schirme für draußen bestellt. Jetzt haben die alles bis zum 18. April verlängert. Das hat uns verärgert. Wir wissen immer noch nicht, wie es danach weitergeht. Für uns Gastronomen ist das wirklich ganz, ganz schlecht.

Bis auf die Dezemberhilfe haben wir keine Hilfe vom Staat bekommen. Unsere Angestellten sind in Kurzarbeit. Eine Angestellte musste ich schon entlassen. Wir hätten es sonst nicht geschafft. Bis zum Sommer durchzukommen, wird schwierig. Mit dem Personal und den Mietpreisen hier in Frankfurt - da mitzuhalten, ist für uns sehr schwer."

"Wir erwarten Chaos am Ostersamstag"

Bahri Cenk Anic, seit zehn Jahren Inhaber des Lebensmittelgeschäfts Estragon in Frankfurt:

Fleischer Bahri Cenk Anic steht vor seiner Theke.

"Da wir schon am Gründonnerstag und sowieso am Karfreitag zumachen müssen, wird am Samstag hier Chaos sein. Vor Feiertagen ist immer die Hölle los. Letztes Jahr standen die Leute am Gründonnerstag auch schon vor dem Laden Schlange. Wie das in diesem Jahr gehen soll, weiß ich nicht. Wir dürfen ja nicht viele Personen reinlassen. Ich verstehe die Entscheidung nicht. Es wäre besser, wenn wir am Donnerstag aufmachen dürften und dann Freitag, Samstag und Sonntag zu hätten.

Die Großhändler werden am Samstag wahrscheinlich auch keine frische Ware haben, nach den beiden arbeitsfreien Tagen. Wir müssen Freitagnacht dann in die Großmarkthalle gehen, wenn wir keine Ware mehr finden. Was soll ich hier am Samstag verkaufen? Wir sind ja kein großer Supermarkt, der Lkw-Ladungen von Ware lagern kann. Wir müssen jeden Tag frisch einkaufen. Das ist für uns eine Katastrophe.

Wir versuchen hier unser Möglichstes zu machen. Im ersten Lockdown haben sich die Leute alle bei den Verkäufern bedankt, aber jetzt werden wir schon angeschimpft, weil wir die Leute nicht ohne Maske rein lassen."

Protokolliert von Anja Engelke, Birgitta Söling und Silke Sutter.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 23.03.2021, 19.30 Uhr