Geplantes Rewe-Logistikzentrum in Wölfersheim, Baggger auf einem Acker (Bildkombo)
Das geplante Rewe-Logistikzentrum in Wölfersheim (Wetterau) wird Ackerboden vernichten und Arbeitsplätze in die Region bringen. Bild © Martin Ammeling/Google Maps/hr

Arbeitsplätze und Geld gegen zubetoniertes Ackerland: In Wölfersheim in der Wetterau soll ein riesiges Logistikzentrum für Rewe entstehen, fruchtbare Böden müssen dafür weichen. Umweltschützer sind entsetzt. Das Projekt ist kein Einzelfall.

Videobeitrag

Video

zum Video Hessen wird zubetoniert

Ende des Videobeitrags
  • In Hessen verschwinden jeden Tag rund drei Hektar Wiesen und landwirtschaftliche Fläche unter anderem für Gewerbe und Industrie.
  • In Wölfersheim in der Wetterau sorgt ein riesiges Bauprojekt für Diskussionen.
  • Während Bauherr Rewe und die Gemeindeverwaltung Wachstum und Einnahmen betonen, reagieren Umweltschützer und Forscher mit Unverständnis.

Immer mehr Ackerböden und Wiesen in Hessen werden zubetoniert für Wohnraum, Straßen und gewerbliche Nutzung wie Industriegebiete oder riesige Logistikzentren. Jeden Tag verschwindet in Hessen grüne Fläche in der Größe von rund vier Fußballfeldern. Besonders im Bereich Logistik wachsen die Firmen: Bei Offenbach etwa steht deutschlandweit das größte Paketzentrum der Deutschen Post. In Dieburg werden auf einer Fläche von etwa zwölf Fußballfeldern hauptsächlich Reifen gelagert. In Erlensee im Main-Kinzig-Kreis plant Lidl eine große Lagerhalle. Auch in Wölfersheim in der Wetterau sollen demnächst Bagger anrollen, Rewe plant dort ein großes neues Logistikzentrum.

Bester Ackerboden soll weichen

Im Wölfersheimer Stadtteil Berstadt – zwischen einer Bundesstraße und der Autobahnauffahrt zur A45 logistisch günstig gelegen – soll das Rewe-Areal entstehen. Die Firma plant ihre Standorte Hungen und Roßbach zusammenzulegen und zu verlagern, weil man dort nicht mehr wachsen könne, erklärt das Unternehmen. In Wölfersheim soll nun unter anderem ein Lebensmittel-Nachschublager mit einer Grundfläche von rund 100.000 Quadratmetern und einer Höhe von stellenweise 35 Metern entstehen. "In Wölfersheim können wir modern und energieeffizient bauen und haben den nötigen Platz", sagt eine Konzernsprecherin.

Lageplan Logistikzentrum Wölfersheim
Das geplante Rewe-Logistikzentrum hat fast die Größe des gesamten Ortsteils Berstadt. Bild © Google Maps/ hr

Für das neue Logistikzentrum soll eine Grundfläche von rund 30 Hektar Ackerboden versiegelt werden – fruchtbarer Boden mit einer hohen Wasserspeicherfähigkeit, mit die fruchtbarsten Böden in ganz Europa. Diese gingen der Landwirtschaft damit für immer verloren. "Wir werden die Speicherfunktion des Bodens mehr denn je brauchen", sagt Jan Siemens, Bodenkundler an der Uni Gießen, und verweist auf den Klimawandel: Wenn das Wasser vom Boden nicht mehr aufgenommen werden könne, steige unter anderem die Hochwassergefahr.

Die von Rewe geplante Fläche ist in etwa so groß wie 42 Fußballfelder, um bei dem beliebten Vergleich zu bleiben. Andere denkbare Standorte, an denen die Flächen bereits betoniert sind (wie etwa die alte Kaserne in Friedberg), waren der Firma nach eigenen Angaben nicht groß genug. Ein Standort etwa im Rhein-Main-Gebiet kommt für den Konzern nicht in Frage, denn rund 550 Mitarbeiter sind von dem Umzug ihres Arbeitsplatzes betroffen. "Die können in Wölfersheim wohnortnah im Umkreis von zehn Kilometern arbeiten. Die hätten sonst alle umziehen müssen", so die Rewe-Sprecherin.

Skizze vom geplanten Rewe-Logistikzentrum in Wölfersheim-Berfelden
Skizze vom geplanten Rewe-Logistikzentrum in Wölfersheim-Berstadt, erstellt von der Initiative "Bürger für Boden" Bild © Bürger für Boden

BUND: "Projekt wie von einem anderen Stern"

Umziehen müssen nun die betroffenen Landwirte, wie etwa Rosenzüchter Werner Ruf. Ihm wurde die Pacht gekündigt, das Land wird für das Logistikzentrum gebraucht. "Ich habe es nicht glauben können, dass die einen so guten Boden einfach als Bauland hergeben. Der ist im Flächennutzungsplan ja auch dauerhaft als Ackerland ausgewiesen", betont Ruf.

Der BUND Hessen ist fassungslos über die Dimensionen des Projektes. "600 Meter lang, 170 Meter breit, 30 Meter hoch, dazu 2.000 Fahrten von Fahrzeugen jeden Tag, sechs Meter hohe Lärmschutzwände – das ist ein Projekt wie von einem anderen Stern", sagt BUND-Vorstandsmitglied Werner Neumann. Gute Fläche sei begrenzt und wachse nicht nach. "Wir sind keine Rewe-Gegner, wir sind Gegner dieses Projektes an dieser Stelle."

Damit der Bau des Logistikzentrums möglich ist, muss der regionale Flächennutzungsplan geändert werden. Seit 20. November konnten Bürger Einwendungen gegen diese geplante Änderung vorbringen, aufhalten können sie das Projekt damit nicht. Auch eine Klage des BUND Hessen und einer Bürgerinitiative, die beim Verwaltungsgericht Gießen anhängig ist, wird das Projekt wohl nicht stoppen können. Eine Entscheidung – unabhängig von ihrem Ausgang – hätte keine aufschiebende Wirkung.

"Gold wert": Bürgermeister freut sich über Einnahmen

"Wir rechnen fest mit dem Baubeginn im kommenden Jahr", sagt der Wölfersheimer Bürgermeister Eike See (SPD). Er ist überzeugt davon, dass der Bau des Logistikzentrums notwendig ist und der Gemeinde mehr Vorteile als Nachteile bringt. See freut sich über den Grundstücksverkauf an die Rewe Group und auf die potenziellen Einnahmen für die Kommune, die mehr als 500 Arbeitsplätze mit sich bringen. "Wir brauchen Einnahmen aus der Grund- und der Gewerbesteuer. All das, was Rewe an uns zahlt, entlastet die Privatpersonen. Das ist Gold wert und wir rechnen mit erheblichen Einnahmen", sagt Bürgermeister See.

Das Geld könne nun in Infrastruktur wie Kindergärten, Friedhöfe oder Sportstätten investiert werden und käme so allen Bürgern zugute. See geht davon aus, dass "der Großteil der betroffenen Bürger" das Bauvorhaben will und ordnet die Gegner einer "lauten Minderheit" zu. Wölfersheim sagt zu, die Landwirte, die Ackerflächen verlieren, mit Pachtland zu entschädigen.

Grafik: Flächenverbrauch in Hessen
Der Flächenverbrauch in Hessen durch Gewerbe, Industrie, Handel, Wirtschaft und Dienstleistungen sinkt seit 2012 wieder - damals wurden pro Tag 2,38 Hektar versiegelt. Bild © Umweltbundsamt/ hr

Die Umweltschützer überzeugt das nicht, sie haben grundsätzlich große Bedenken, wenn es darum geht, offene Flächen zu versiegeln und immer mehr Land zu bebauen. In Hessen verschwinden nach Angaben des Umweltministeriums jeden Tag rund drei Hektar Wiesen und landwirtschaftliche Fläche für Straßen, Wohngebiete, Industrie und Handel. Zwar sinkt damit der Verbrauch seit den 1990er-Jahren. Dennoch hat sich die Landesregierung offiziell das Ziel gesetzt, den Flächenverbrauch weiter zu verringern. Zwischen 2016 und 2019 sollen nicht mehr als 2,8 Hektar am Tag verschwinden, und ab 2020 soll der Verbrauch nur noch 2,5 Hektar betragen.

Bauprojekte wie das in Wölfersheim zeigen deutlich die gegenläufigen Interessen von wirtschaftlicher Entwicklung auf der einen und Natur-, Klima- und Bodenschutz auf der anderen Seite.

Audiobeitrag
Ein Bagger und ein Protestplakat auf dem Bauland für das neue Rewe-Logistikzentrum

Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Konflikt Wölfersheim: Logistikzentrum frisst Ackerboden

Ende des Audiobeitrags
Weitere Informationen

Flächenverbrauch in Hessen

Das Ziel, den Flächenverbrauch in Hessen auf täglich 2,5 Hektar zu begrenzen, wurde als Grundsatz der Raumordnung in die aktuelle 3. Änderung des Landesentwicklungsplans Hessen 2000 aufgenommen, die im September 2018 in Kraft getreten ist. Sie bindet die Regionalplanung (jedoch nicht rückwirkend) und sie schließt auch nicht die Möglichkeit aus, neue Wohn- und Gewerbegebiete zu erschließen. Sofern dazu landwirtschaftliche Flächen oder Erholungsgebiete in Anspruch genommen werden sollen, muss der Bedarf jedoch gut begründet und für den Einzelfall dokumentiert sein.

Quelle: Hessisches Wirtschaftsministerium

Ende der weiteren Informationen