Altes Büro - neue Regeln: Im Zuge der allgemeinen Corona-Entspannung holen viele Unternehmen nach und nach ihre Mitarbeiter in die Büros zurück. Dort ist vieles anders. Beobachtungen aus einer neuen Arbeitswelt.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Alles anders? Die Rückkehr an den Arbeitsplatz

Handdesinfektion steht auf einem Schreibtisch
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Mit einem roten Klebeband geht Markus Kullmann durch das Büro und klebt jeden zweiten Arbeitsplatz ab: den Bürostuhl, die Computertastatur, die Maus. "Vorübergehend gesperrt" steht auf Schildern, die der Niederlassungsleiter des Immobiliendienstleisters JLL in Frankfurt über die Bildschirme klebt. All das, damit die Mitarbeiter am Arbeitsplatz die Hygienevorschriften auch wirklich befolgen. Vor allem sollen sie voneinander Abstand halten, eineinhalb, am besten zwei Meter.

Manche arbeiten im Homeoffice zu viel

Auch wenn das Ganze nicht wirklich einladend wirkt, soll es einen Anreiz bieten, zurückzukehren. "Wir wollen natürlich so viele Mitarbeiter wie möglich einladen, zurück ins Büro zu kommen." Diese sollen sich durch all die Hygienemaßnahmen im Büro sicher fühlen, so Kullmann. Von den rund 450 Mitarbeitern darf wegen der Vorkehrungen erst einmal nur knapp die Hälfte aus dem Homeoffice zurückkehren.  

Dabei würden viele den persönlichen Austausch mit ihren Kollegen vermissen, berichtet der Niederlassungsleiter, denn so ließen sich leichter kreative Ideen entwickeln. "Was wir auch festgestellt haben, dass die Mitarbeiter im Homeoffice zum Teil von morgens bis spätabends durchgearbeitet haben." Das sei nicht im Sinne des Arbeitgebers, weil es die Mitarbeiter krank mache, sagt Kullmann.

Auch das Odenwälder Familienunternehmen Koziol hat mittlerweile alle 70 Mitarbeiter, die aufgrund der Corona-Krise im Homeoffice waren, wieder in die Büros zurückgeholt. Man arbeite vorwiegend in Teams, dafür sei der persönliche Austausch wichtig, erklärt Pressesprecherin Katrin Bode. "Die Kollegen können sich auch besser absprechen, wenn sie alle im Haus sind."

Ampeln und Plexiglas: Kantinen haben sich umgestellt

Ihre Mitarbeiter vor Ort will die R+V-Versicherung in Wiesbaden jetzt auch wieder ganz normal mit Essen versorgen. Deshalb hat seit voriger Woche die Betriebskantine geöffnet. Mitarbeiter dürften nur mit Maske rein. An der Ausgabetheke und der Kasse stehen sie vor Plexiglasscheiben. Kantinenleiter Thomas Walter spürt noch eine gewisse Skepsis. "Die Leute wollen sich erst einmal ansehen, wie die Sicherheitsmaßnahmen laufen." Zumal von den 4.000 Mitarbeitern zurzeit sowieso nur 600 da sind. Und wenn die sich in der Kantine noch unwohl fühlen, kriegen sie natürlich auch ein Mittagessen to go.

Abteilungsassistentin Jutta Wenz ist eine der ersten, die einen Kantinenbesuch gewagt hat. "Es war für mich ungewohnt, dass ich mit meinen Kollegen lauter reden musste als üblich, da kann man natürlich auch nicht jedes Thema besprechen". Trotzdem - es sei für sie mitten in der Krise ein Stück Alltag gewesen.

Die Deutsche Börse hat sich etwas Besonderes einfallen lassen, um in ihrer Kantine lange Schlangen zu vermeiden. Am Eingang hängt ein Monitor mit einer virtuellen Ampel. Wenn die grün ist, dürfen die Mitarbeiter reingehen. Sind sehr viele auf einmal bei der Essenausgabe, schaltet die Ampel automatisch auf Rot.

Wird das Homeoffice zur Dauereinrichtung?

Damit mehr Mitarbeiter zurück in ihre Büros können, hat der Börsenbetreiber einen richtigen Rückholplan ausgearbeitet und sich ein ganzes Maßnahmenpaket überlegt. "Die Rückkehr ins Büro ist freiwillig und wir sehen keinen Anlass, sie zu beschleunigen". Denn die Arbeit im Homeoffice laufe reibungslos. Viele Arbeitnehmer schätzen die Arbeit zu Hause und wollen gar nicht oder nur tageweise ins Büro zurück kommen.

Die Unternehmensberatung Accenture sieht eine nachhaltige Veränderung wegen Corona. "Viele Mitarbeiter werden erst gar nicht aus dem Homeoffice zurückkehren", vermutet Frank Riemensperger von Accenture. Das sei in seinem eigenen Unternehmen ein Thema, außerdem berate man dazu 20 andere, große Unternehmen, bei denen das auch ein großes Thema sei.

Wie die schöne, neue Arbeitswelt nach Corona aussehen könnte, darüber denkt auch die Deutsche Bank schon in aller Öffentlichkeit nach. "Können wir unseren Mitarbeitern nicht mehr Flexibilität geben, um von zu Hause zu arbeiten, wenn sie das wollen?", sagte Bankenchef Christian Sewing schon im Mai auf der Hauptversammlung. Er rechnet damit, dass davon auch das Unternehmen profitieren würde. Schließlich könnte es sich dadurch gerade in teuren Metropolen Büroraum sparen.

Sendung: hr-iNFO, 18.06.2020, 06.00 Uhr