Salzbachtalbrücke von oben.

Am 6. November soll die einsturzgefährdete Salzbachtalbrücke gesprengt werden. Noch elf Tage, um eine Frage zu klären: Wer ist schuld am Absacken des Bauwerks? Ein Gutachten zu der Frage gibt die Autobahn GmbH des Bundes bisher nicht frei.

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Audioseite Warten auf das Gutachten zur Ursache der Salzbachtalbrücke-Havarie

Die abgesperrte Salzbachtalbrücke bei Wiesbaden
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Dreimal wird das Signalhorn tuten, einmal lang und zweimal kurz. Dann wird "ein lauter, deutlicher, scharfer Knall" folgen, wie Sprengmeister Eduard Reisch verspricht. Wenn alles klappt mit der geplanten Sprengung der Salzbachtalbrücke am 6. November, knicken die Brückenpfeiler ein und 300 Meter Autobahn rauschen in die Tiefe. Übrig bleiben Staub, Brösel und Trümmer. Unter den Trümmern begraben bleibt womöglich die Antwort auf die Frage: Wer ist schuld daran, dass diese Brücke nach der Havarie im Sommer gesprengt werden muss?

Antworten könnte die Autobahn GmbH liefern, eine Bundesbehörde in Form einer privatrechtlichen Gesellschaft. Sie ist seit Anfang des Jahres für die Autobahnen in Deutschland zuständig, also auch für die A66-Brücke über das Salzbachtal. Die Gesellschaft schickte, kaum dass die Brücke notdürftig gesichert war, vier Gutachter zu der Ruine. Doch was die Experten herausgefunden haben, ist bislang unter Verschluss.

Marode Betonbrücken wie in Wiesbaden gibt es in Deutschland zuhauf. Auch Bertram Kühn musste als Gutachter schon Brücken stilllegen. Der Ingenieur der Technischen Hochschule Mittelhessen sagt, es gehe darum, Fälle wie in Wiesbaden oder gar wie in Genua zu vermeiden, wo vor drei Jahren bei einem Brückeneinsturz 43 Menschen starben. "Dafür müssen wir aber die Ursachen kennen." Deshalb möchte Kühn das Gutachten sehen.

Behörden beraten noch über Ursache

Genauso hat sich Tarek Al-Wazir geäußert, der hessische Verkehrsminister. Der Grünen-Politiker war für die Salzbachtalbrücke verantwortlich, bevor die Autobahn GmbH übernahm. Im Landtag sprach er von einem "deutschlandweiten Interesse" an der Ursachenforschung für die Havarie über dem Salzbachtal, "um eventuell für den Umgang mit anderen Bauwerken zu lernen". Doch auch Al-Wazir hat das brisante Gutachten nicht, wie sein Sprecher versichert.

Auf mehrfache Nachfrage des hr hin antwortete die bundeseigene Autobahn GmbH schließlich, sie könne das Gutachten gar nicht herausgeben. Denn die zuständigen Behörden berieten immer noch über Ursache und Hergang des Brückenkollapses. Diese Beratungen könnten "durch eine vorzeitige und selektive Veröffentlichung beeinflusst" werden. Welche Behörden da miteinander im Austausch sind, teilte die Autobahn GmbH nicht mit.

Erneuerung sollte 140 Millionen kosten - vor dem Kollaps

Doch nicht nur die Bundesgesellschaft, auch der Landesminister Al-Wazir steht in der Kritik. Die ihm untergeordnete Behörde Hessen Mobil war bis Ende 2020 für die Brücke zuständig. Von der Landtagsopposition kommt der Vorwurf, Hessen Mobil habe das Bauwerk nicht oft genug kontrolliert. Stefan Naas, der verkehrspolitische Sprecher der FDP-Fraktion, bemängelt, Hessen hätte längst ein eigenes Schadensgutachten in Auftrag geben sollen.

Naas geht es um die Frage, "wer als Schadensverursacher für die Kosten aufkommen muss" - nur die Steuerzahler oder auch die am Bau beteiligten Unternehmen? Es geht um viel Geld: Die Brücke muss gesichert, gesprengt, abgeräumt und neu gebaut werden. Für die schon vor der Havarie geplante Erneuerung der Salzbachtalbrücke plante das Bundesverkehrsministerium mit Kosten von 140 Millionen Euro. Nun kommen dazu womöglich Schadenersatzforderungen, etwa von der Deutschen Bahn. Die hat Einbußen, weil die Bahnstrecke unter der Brücke seit vier Monaten gesperrt ist. Der Wiesbadener Hauptbahnhof ist seither praktisch stillgelegt.

Kaputtes Rollenlager kann nicht untersucht werden

Ein Betonpfeiler der Salzbachtalbrücke ist von Rissen durchzogen.

Dabei schien die Frage nach der Ursache Mitte September eigentlich schon geklärt: Ein Rollenlager, das den Oberbau der Brücke trägt, sei kollabiert, daraufhin sei der Oberbau abgesackt. Auf hr-Nachfrage stellte sich nun heraus: Die Gutachter der Autobahn GmbH konnten das fragliche Rollenlager gar nicht untersuchen, denn das sei zwar in der beschädigten Brücke "lokalisiert, aber nicht geborgen worden". Die Gesellschaft spricht lieber vage von einer "Verkettung von Ursachen".

Brücken-Experte Kühn hält das alles noch für spekulativ. Er forscht selbst dazu, wann Rollenlager bersten können. Dafür müsse man die beschädigten Bauteile aber in der Hand halten und unters Mikroskop legen können. Das ist aktuell unmöglich, das Rollenlager klemmt unzugänglich zwischen Pfeiler und Oberbau.

Kühn bietet sich an: Wenn sich das Rollenlager nach der Sprengung noch im Schutt finde, untersuche er es gerne. "Es wäre mir als hessischer Professor eine große Ehre", sagt er. Vielleicht stellt sich dann doch noch heraus, ob bei der Salzbachtalbrücke wirklich nur ein Lager versagt hat.

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