Schweinebauer Kramm aus Grebenstein in seinem Stall

Schweinezüchter und -mäster verdienen kaum noch etwas mit ihren Tieren, während die Anforderungen an ihre Produkte steigen. Viele Bauern geben auf. Verbraucher- und Tierschützer sehen nur einen Ausweg aus dem Dilemma: einen radikalen Umbau des Systems.

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zum Video Schweinefleisch – Niedrigpreise sorgen für Probleme

hs
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Schweinebauer Jörg Kramm fühlt sich aufgerieben zwischen zwei Zahlen: 100.000 und 1,25. Einerseits habe er vor Kurzem den Stall für seine rund 2.400 Masttiere für 100.000 Euro erneuert, berichtet der Landwirt aus Grebenstein (Kassel): Eine Berieselungsanlage lässt nun mehrfach am Tag Stroh auf die Schweine herabregnen. "Das hält sie beschäftigt, sie wühlen darin und fressen es. Seitdem ist es viel ruhiger im Stall."

Andererseits könne er seine Schweine, nachdem er sie vier Monate lang auf 120 Kilo hochgemästet habe, aktuell nur für 1,25 Euro pro Kilo verkaufen, klagt Kramm. Und das nicht erst seit ein paar Wochen, das wäre ja noch eine normale Delle im sogenannten Schweinezyklus. "Die Preise sind schon seit dem Frühjahr zu niedrig", sagt Kramm: "Es geht jetzt ums Überleben vieler Höfe."

"Höfe verschwinden unwiederbringlich"

In einer Statistik weist das Bundeslandwirtschaftsministerium (BMEL) für Ende September das Kilo Schlachtschwein mit 1,33 Euro aus - fast 10 Cent höher als noch zu Jahresbeginn, aber genauso niedrig wie vor einem Jahr. Im Herbst 2019 wurden die Mäster ihre Tiere demnach noch zu 1,90 Euro das Kilo los.

Bei den Gründen für den Sinkflug der Erlöse sind sich Schweinemäster Kramm, Hessens Bauernverbandspräsident Karsten Schmal und Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) einig:

  • die Corona-Krise mit Lockdown, als Lokale schließen mussten und Volksfeste und Besuche in Fußballstadien ausfielen und damit der dort übliche Bratwurstabsatz
  • Corona-Ausbrüche in Schlachthöfen
  • höhere Futterpreise infolge von Ernteausfällen
  • der Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest in Deutschland im Herbst 2020, nach dem China und andere asiatische Länder einen Importstopp für Schweinefleisch made in Germany verhängten
  • die verregnete Grillsaison 2021
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Nach Angaben des BMEL lagern derzeit rund 260.000 Tonnen Schweinefleisch in deutschen Kühlhäusern und finden keinen Abnehmer. Bauernverbandspräsident Schmal sagt, derart niedrige Preise über so lange Zeit seien beispiellos. Immer mehr Höfe verschwänden unwiederbringlich.

Der Exportstopp treffe die Erzeuger besonders, zumal der Konsum in Deutschland beständig zurückgehe. Die Bauern machen dafür einen Wandel in der Gesellschaft verantwortlich: Weniger Menschen essen Fleisch, mehr Leuten ist Tierwohl wichtig.

"Krise der Schweineindustrie ist hausgemacht"

Die Verbraucherschutz-Organisation Foodwatch hält die Krise der Schweinefleischindustrie wegen der Ausrichtung auf den Export für hausgemacht. Als die Schweinepest in Asien wütete, sei die Nachfrage nach Fleisch aus Deutschland gestiegen, die hiesigen Betriebe hätten ihre Kapazitäten vergrößert - nun gebe es eine Überproduktion.

Die Umweltschutz-Organisation Greenpeace fordert, dass künftig nur noch halb so viele Schweine in Deutschland gezüchtet werden sollten. So weit will Klöckners Ministerium nicht gehen, aber nach einem Bericht von tagesschau.de hält man auch dort inzwischen weniger Konsum und weniger Herstellung von Schweinefleisch für angebracht.

"Die Probleme lösen wir nur mit mehr Tierwohl"

Die Verbraucher-Organisation Foodwatch findet, dass das System grundsätzlich neu geordnet gehöre: Die Einigung zwischen Politik und Erzeugern auf ein freiwilliges Tierwohl-Label sei falsch, weil dabei höchstens ein Fünftel der Betriebe mitmache. Das Fleisch der restlichen 80 Prozent sei rechtlich jedoch nicht zu beanstanden, schreibt Foodwatch auf ihrer Internetseite. Warum also überführe man die moralischen Standards, die dem Tierwohlgedanken zugrunde lägen, nicht in verbindliche Vorschriften für alle?

Das von der Grünen Priska Hinz geführte hessische Landwirtschaftsministerium teilt auf hr-Anfrage mit, es setze sich für ein verpflichtendes Tierwohllabel ein: "Die Probleme am Schweinemarkt lösen wir nur, indem wir auf mehr Tierwohl setzen."

Dazu müssten die Preise für die Verbraucher steigen, damit bei den Erzeugern mehr ankomme. Hier sei allerdings der Bund am Drücker. Das Land unterstütze immerhin die Betriebe "bei den meist kostspieligen Umbaumaßnahmen zu tierwohlgerechten Ställen".

"Mit einer Verlagerung ist für die Tiere nichts gewonnen"

Für den Vogelsberger Schweinemäster Jörg Kramm war bereits die Stroh-Berieselungsanlage eine Rieseninvestition, und die hievt seinen Stall lediglich von Haltungsformstufe 1 auf 2 (die höchste ist 4).

"Eigentlich müsste ich jetzt schon wieder umbauen, aber dafür habe ich einfach kein Geld", sagt er. Er halte diese schwere Zeit noch durch, weil er nicht allein von der Schweinezucht lebe, sondern auch Ackerbau betreibe und eine Anlage für erneuerbare Energien. Aber die Hälfte der Schweinebauern denke nun ans Aufgeben. Oder habe es schon getan.

Schweinebauer Kramm aus Grebenstein in seinem Stall

Kramm kann nachvollziehen, dass die Deutschen zunehmend auf das Tierwohl achten. Er hält die immer neuen Auflagen jedoch für kontraproduktiv: "Die Politik gibt uns keine Planungssicherheit, weswegen Bauern die Kosten für den Umbau scheuen oder gleich aufgeben."

Mit der Folge, dass Ferkelaufzucht und Schweinemast abwanderten: nach Dänemark und Holland, vermehrt nun auch nach Spanien und Osteuropa. Dort gälten jedoch laxere Regeln. "Nirgends geht es Schweinen so gut wie in Deutschland und Nordwesteuropa. Mit einer Verlagerung der Produktion ist für die Tiere nichts gewonnen."

Kramm macht auch die hiesigen, oft an Discounterpreise gewöhnten Verbraucher für das Dilemma verantwortlich: "In Deutschland sind Lebensmittel einfach nichts wert, und das verstehe ich nicht. Lebensmittel sind doch wichtiger als ein Auto oder eine Urlaubsreise."

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