Seilbahn Berlin
Seilbahnen für Pendler in der City? Diese hier entstand für die Internationale Gartenausstellung in Berlin. Bild © Imago Images

Warum auf dem überfüllten Boden herumquälen, wenn ein paar Meter weiter oben so viel Platz ist? City-Seilbahnen sollen das überforderte Nahverkehrssystem im Rhein-Main-Gebiet entlasten. Heiko Nickel vom Verkehrsclub Deutschland (VCD) hält wenig von diesen Höhenflügen.

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Die Straßen dicht, Busse und Züge zur Pendlerzeit rappelvoll und dann die drohenden Diesel-Fahrverbote: Das schreit nach mehr Angeboten im ÖPNV. Und auch nach einem top-modernen neuen Angebot? Der Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) und der Regionalverband Frankfurt/Rhein-Main denken jedenfalls über den Bau von Seilbahnen als ein zeitgemäßes Mittel gegen das Elend im Nahverkehr nach.

Die Hochschule Darmstadt entwirft schon Pläne für konkrete Strecken – zum Beispiel von Frankfurt über den Main nach Offenbach. Auf Initiative der FDP zeichnet sich im Landtag eine Mehrheit dafür ab, Seilbahnen ausdrücklich ins Mobilitätsförderungsgesetz des Landes aufzunehmen. Die Diskussion nimmt also Fahrt auf, aber Heiko Nickel vom Landesverband des alternative Verkehrsclubs Deutschland (VCD) tritt auf die Bremse.

hessenschau.de: Herr Nickel, es gibt einen neuen Hoffnungsträger zur Behebung der Nahverkehrs-Misere. Den VCD mit seiner ökologischen Ausrichtung müsste die aktuelle Seilbahn-Debatte doch freuen.

Heiko Nickel: Unser ÖPNV-System arbeitet am Anschlag. Da brauchen wir durchaus neue Ideen, und es ist gut, dass sich der RMV keine Denkverbote auferlegt. Aber auch wenn Seilbahnen ihre Vorzüge haben: Wir sehen die Erwartungen, die bei der aktuellen Diskussion mitschwingen, skeptisch.

Heiko Nickel VCD
Heiko Nickel, politischer Geschäftsführer des VCD Hessen Bild © VCD

hessenschau.de: Aber warum? Strecken für Seilbahnen sind vergleichsweise einfach zu erreichten, sie sind leise und verpesten nicht die Luft.

Heiko Nickel: Es gibt noch mehr Vorteile: Man kann in kurzer Zeit hohe Beförderungskapazitäten schaffen und benötigt keinen aufwändigen Tiefbau. Gerade Tunnelbauten werden wegen des strengeren Grundwasserschutzes immer schwerer durchsetzbar und auch teurer. Das ändert aber nichts daran, dass Seilbahnen ihre eigentliche Stärke eben immer dann ausspielen, wenn sie wie im Gebirge Höhenunterschiede oder Hindernisse überwinden müssen. In Frankfurt sind diese Unterschiede nun wirklich nicht so groß, als dass es die Straßenbahn oder die oberirdische U-Bahn bei einem besseren Kosten-Nutzen-Verhältnis nicht schaffen würde.

hessenschau.de: Aber Sie sagen ja selbst: Das System, zu dem die Straßen- und U-Bahn gehören, ist überfordert. Deshalb spricht die FDP ja auch in ihrer Landtagsinitiative für die Seilbahn als "Straßenbahn der Lüfte".

Heiko Nickel: Unser Problem ist doch nicht, dass es zu wenige Seilbahnen gibt. Es ist zwei Jahrzehnte lang zu wenig in den Ausbau und die Modernisierung des bestehenden Systems investiert worden. Unter dem Stillstand leiden wir noch immer, und es waren in Hessen meist Verkehrsminister der FDP, die dafür verantwortlich waren. So gesehen ist es prinzipiell ja auch gut, wenn die FDP sich Gedanken über Verbesserungen im ÖPNV macht.

hessenschau.de: Der Regionalverband Rhein-Main forciert die Seilbahn-Vision in Zusammenarbeit mit der TU Darmstadt aber auch. Es gibt ja auch schon konkrete Vorschläge, Anfang Mai sollen an einem "Tag der Seilbahn" mögliche Strecken öffentlich vorgestellt werden.

Heiko Nickel: Die Debatte ist ja auch legitim, die wollen wir nicht ersticken. Bisher habe ich aber noch von keinem Seilbahn-Projekt gehört, für das nicht gilt: Das lässt sich mit den bestehenden Möglichkeiten besser lösen. Aufgrund der Topographie kann ich mir auch nicht denken, wo in Hessen eine Seilbahn für den ÖPNV am Ende die bessere Sache wäre.

hessenschau.de: Also alles nur eine Luftnummer?

Heiko Nickel: So weit würde ich jetzt nicht gehen. Man darf aber bei der nötigen Suche nach neuen Lösungen nicht vergessen, dass das Seilbahn-Thema eben auch wegen der Lobbyarbeit von Unternehmen wie dem Weltmarktführer Doppelmayr Konjunktur hat. Die haben die Alpen weitgehend mit ihren Seilbahnen zugebaut und suchen jetzt neue Geschäftsfelder. Städtische Seilbahnen wie in La Paz sind ihre Vorzeigeprojekte, aber solche steilen Hänge wie dort haben wir hier nun einmal nicht. Aber das ist es nicht alleine.

hessenschau.de: Wo hakt es Ihrer Meinung nach noch?

Heiko Nickel: Die Barrierefreiheit ist zum Beispiel gar nicht so leicht so gewährleisten. Eine Seilbahn braucht immer eine Art Station und eine Treppe, die man hochgeht, um zur Kabine zu kommen. Oder man braucht einen Lift. Es sind ja nicht alle so sportlich wie Skifahrer. Und vor allem sind Brüche innerhalb des ÖPNV, die zum Umsteigen von einem System auf das andere zwingen, immer extrem schädlich für die Akzeptanz unter den Kunden.

hessenschau.de: Aber das Umsteigen sind Pendler doch gewohnt. Die Park&Ride-Plätze muss man dann eben mitplanen.

Heiko Nickel: Aber es käme eben noch ein System dazu. Wie schwierig im ÖPNV ein Bruch mit dem System ist, können Sie jeden Tag in Frankfurt auf der Konstablerwache beobachten: Da haben sie oben die Straßenbahn, unten die S- und die U-Bahnen, und die Menschen wechseln kaum zwischen diesen Ebenen.

hessenschau.de:  Mit dem Erlebnischarakter und der Modernität, die eine Seilbahn ausstrahlen würde, brauche ich Ihnen jetzt vermutlich nicht mehr zu kommen.

Heiko Nickel: Wer nicht gerade als Tourist unterwegs ist, für den ist der Eventcharakter höchst zweitrangig. Pendler und anderen Nutzer wären schon froh, schnell, zuverlässig und komfortabel an ihr Ziel zu kommen. Darauf müssen Planer unter dem Kosten-Nutzen-Gesichtspunkt schauen, außerdem auf die Kapazität, die Zugänglichkeit und die Geschwindigkeit beim Bau. Und da ist es erst einmal unser Mittel der Wahl, Straßenbahnstrecken auszubauen und oberirdisch ins Umland zu führen. Die Straßenbahn ist schnell, sicher und ökologisch. Sie hat ein ungeheures Potential, das wir noch gar nicht gehoben haben.

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La Paz, London - Frankfurt?

Ob als Emirates Air Line in London über die Themse oder als Teleférico in der bolivischen Gebirgstadtstadt La Paz: Seilbahnen in der City sind gerade in, zur Zeit noch mehr in der Theorie als in der Praxis. In Hessen werden sie bislang in touristischen Hanglagen genutzt: Im Ski-Ort Willingen zum Beispiel oder um von Rüdesheim (Rheingau-Taunus) die Weinberge hinauf zum Niederwalddenkmal zu gelangen. Als ÖPNV-Instrument gibt es die Seilbahn hierzulande lediglich als Idee: aus Eis gelegt für die Lahnberge in Marburg und aktuell für mehrere Stellen im Rhein-Main-Gebiet diskutiert. Auch andernorts in Deutschland hoffen Verkehrsplaner auf die Seilbahn., in München zum Beispiel. Häufig regt sich Widerstand. In Hamburg etwa erteilten die Wähler bei einem Bürgerentscheid schon 2014 Seilbahnplänen eine Abfuhr. Städte wie Wiesbaden oder Kassel melden: derzeit kein Interesse.

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Das Gespräch führte Wolfgang Türk.

Ihre Kommentare Wie fänden Sie Seilbahnen im Öffentlichen Nahverkehr?

32 Kommentare

  • Ich bin grundsätzlich dafür neue Verkehrsmittel einzusetzen um den normalenBerufsvVerkehr zu entlasten, Grundsätzlich muß aber eine Seilbahn, die von Oberursel über den Feldberg als Mittelstation, bis nach Schmitten führt, an den ÖPNV angebunden werden. Ich habe mir die Seilbahn am Deutschen Eck in Koblenz angesehen und war begeistert. Auch hier gab es am Anfang viel Skepsis. Heute ist sie nicht mehr wegzudenken. Uns würde eine solches Verkehrsmittel auch in Bezug auf den Tourismus sehr gut tun. Als Sahnehäubchen wäre dann auch der Feldberg in Zukunft Autofrei. Ich würde ein solches Projekt unterstützen. Es sollte nicht immer gleich wieder negativ geredet werden, sonder es sollte auf jeden Fall eine Machbarkeitsstudie durchgeführt werden.

  • Beispiel S-Bahn: Wenn ich von zuhause erst mit einem anderen Verkehrsmittel zur S-Bahn fahre, und dann am Ziel nochmal umsteigen muss, dann wird das Ganze sehr zeitaufwändig.
    Die Frage ist also, wieviele Leute können entweder am Start direkt einsteigen oder sind am andern Ende wirklich am Ziel. Wo da die Seilbahn passend sein wird, kann ich mir nicht vorstellen.

  • Was ich an Deutschland so mag ;-) ist, dass grundsätzlich alle erstmal gegen etwas sind ohne es etwas genauer zu hinterfragen. Sofort kommen die Gegenaspekte, negativen Seiten, Kontras usw. Anstelle sich dem Vorschlag anzunehmen und mal über die Türschwelle zu schauen, also Out of the Box zu denken, wird erst mal nach Herzenslust gemeckert. So drehen wir uns immer weiter im Kreis und ersticken in Selbstmitleid.

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