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Russen in Deutschland: "Ich habe nichts mit dem Krieg zu tun"

Ein Mann steht vor einem Gebäude an dessen Tür der Schriftzug "Bistro Moskau" zu sehen ist.

Hessen mit russischen Wurzeln werden derzeit angefeindet - auch wenn sie den Ukraine-Krieg gar nicht unterstützen. Bei einem Gastwirt aus Gießen hagelt es online Negativ-Kommentare, einer Friseurin in Weilburg wird das Russischsprechen untersagt.

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Im Bistro Moskau in Gießen gibt es alles, was die Herzen von Liebhabern der russischen und osteuropäischen Küche höher schlagen lässt: Pelmeni, russische Salate, polnischer Borschtsch, ukrainischer Kuchen - und eine riesige Auswahl an moldawischen Weinen.

Die Kundinnen und Kunden haben das Inhaber Oleg Ismagilow bisher gedankt: Bis vor wenigen Tagen hatte das Restaurant 4,8 Sterne als Bewertung bei Google - besser geht es fast nicht. Doch seit Ausbruch des Ukraine-Kriegs wird das Restaurant mit negativen Beurteilungen nur so überschüttet: Forderungen wie "Stop den Krieg!" oder "Stürzt Putin" und Bilder zerbombter Häuser dominieren neuerdings die Kommentare - oft versehen mit nur einem Stern.

"Ich habe nichts mit dem Krieg Russlands in der Ukraine zu tun"

"Das schockiert mich, denn ich habe nichts mit dem Krieg Russlands in der Ukraine zu tun. Ich lehne den Krieg ab", sagt der Inhaber des Bistros Moskau dem hr. In seinem Restaurant arbeiteten Menschen aus verschiedenen osteuropäischen Ländern zusammen, berichtet Ismagilow: "Hier sind mit mir sechs Menschen, zwei davon aus der Ukraine." Die Sorgen der ukrainischen Kollegen bekomme er derzeit Tag für Tag mit.

Screenshot einer Social Media-Plattform mit einigen Kommentaren zum Kriegsgeschehen.

Der Gastwirt meldet Google nun die Bewertungen, die nichts mit seiner Speisekarte zu tun haben. Ein Großteil wurde inzwischen von dem Suchmaschinenbetreiber entfernt.

Wahrscheinlich, so vermutet Ismagilow, sei die Flut an Negativ-Bewertungen die fehlgeleitete Folge eines Aufrufs der Hackergruppe Anonymous. Die Gruppe hatte dazu aufgerufen, Informationen zum Ukraine-Krieg zu verbreiten - und zwar über Restaurant-Bewertungen, um so die russische Zensur zu umgehen. Aber eben in Russland, nicht in Deutschland.

"Ich kann die Ursprungsidee an sich ja sogar etwas nachvollziehen, aber warum trifft das mich hier in Deutschland", fragt Ismagilow. "Leute dafür zu bestrafen, nur weil wir russische Wurzeln haben, ist eine Diskriminierung", findet er.

Auch im Friseursalon Thema Nummer eins

Auch Lidia Weiß, Inhaberin des Friseursalons Haarschön in Weilburg, bekommt den Krieg in ihrem Laden zu spüren. Sie hat deutsch-russische Wurzeln. "Seit der Krieg ausgebrochen ist, ist das hier das Thema Nummer eins", erzählt sie dem hr. Teilweise werde sie nun von fremden Menschen ermahnt, wenn sie auf Russisch telefoniert: "Sprechen Sie Deutsch, bekomme ich neuerdings dann gesagt", sagt Weiß.

Das verletze sie, auch wenn sie auf der Arbeit professionell und freundlich bleibe, berichtet die Friseurin: "Wir leben unser Leben lang in Deutschland, haben hier unsere Ausbildung, Schule genossen und sehen unseren Bundeskanzler Scholz als unseren Präsidenten."

Friseursalonbesitzerin Lidia Weiß aus Weilburg

Außerdem sei nicht jeder, der Russisch spreche, automatisch Russe oder Russin, sie selbst habe Wurzeln in Kasachstan, sagt Weiß. Vor allem sei sie Deutsche.

Hoffen auf Frieden und Versöhnung

Lidia Weiß hofft, dass Russisch sprechende Menschen nicht für Putins Politik verantwortlich gemacht werden. "Und dass dieser furchtbare Krieg endlich aufhört."

Die Friseurin berichtet, dass zunehmend Kundinnen und Kunden sie und ihre Kollegen auf die aggressive Politik Putins ansprächen: "Wir erleben mittlerweile Äußerungen wie diese: Was ist denn bei euch los? Was ist denn mit eurem Präsidenten? Es ist sehr traurig, dass wegen Unwissenheit und politischem Einfluss durch Medien viele nicht verstehen, dass die Länder der ehemaligen UdSSR die russische Sprache verbindet."

Zuspruch für Bistro-Besitzer

Mit Sorge beobachtet Lidia Weiß, dass manche Kundinnen und Kunden seit Beginn des Ukraine-Kriegs nur noch das Nötigste an ihren Haaren machen ließen oder zu Terminen nicht erschienen - ohne abzusagen. Das führe zu Umsatzeinbußen, sagt sie.

Der Gießener Bistro-Betreiber Ismagilow ist in die Offensive gegangen: In einem Instagram-Post hat er sich gegen den Krieg ausgesprochen und auf die negativen Kommentare hingewiesen, die ihm zu Unrecht ausgesprochen worden seien. Dafür bekommt er nun viel positiven Zuspruch - auch in seinen Restaurant-Bewertungen.

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