Lieferengpässe für Fahrrad-Ersatzteile

Das Rad reparieren? Ersatzteil ist nicht lieferbar. Ein neues E-Bike? 2023 könnte es klappen. Hessens Fahrradhändler und ihre Kunden brauchen in vielen Fällen einen langen Atem. Eine Folge von Corona, die wohl noch länger anhält.

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Platter Reifen eines Fahrrads auf Pflastersteinboden in Nahaufnahme.
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Die Nachfrage ist groß. Und doch läuft es in der Fahrrad-Branche nicht rund. Lieferengpässe, wo man hinschaut. Kunden warten gefühlte Ewigkeiten auf bestellte Räder und haben dazu noch wenig oder gar keine Auswahl beim anvisierten Kauf. Und selbst bei banalen Reparaturen müssen sie viel Geduld mitbringen. Denn die Werkstätten beklagen auch einen massiven Mangel an Ersatzteilen.

Das spürt auch Michael Malkmus in seinem Fuldaer Fahrradgeschäft Bike Box. "Ich muss immer wieder Kundschaft vertrösten, weil ich nicht genügend Ersatzteile geliefert bekomme. Egal ob Gangschaltungen, Reifen, Pumpen oder Helme - es betrifft das gesamte Sortiment. Es nervt, die Anfrage nicht bedienen zu können."

Die Gründe für die Flaute sind vielfältig. In der Pandemie haben viele Menschen ihre Liebe fürs Radfahren erst (wieder-)entdeckt. Ist ja auch auch eine corona-konforme, gesunde Freizeitaktivität an der frischen Luft. Zudem hat das Geschäft mit Bike-Leasing angezogen, bei dem sich Arbeitgeber für ihre Mitarbeiter beteiligen können.

Nachschub aus Asien stockt

Während die Nachfrage immens stieg, konnten und können in der Pandemie viele Hersteller nicht wie gewohnt produzieren. "Der Nachschub, zum Beispiel aus Asien, ist ins Stocken geraten. Die Bestände und Lager sind in allen Bereichen seit längerem ziemlich leergefegt", beobachten Malkmus und andere Branchen-Experten. Und das wirkt sich auf die Kunden aus.

Fahrradmechaniker Michael Malkmus in seiner Werkstatt in Fulda

Dieter Maier aus Fulda zum Beispiel wollte bereits vor rund einem Jahr zwei mittelteure E-Bikes bei einem großen Händler in Petersberg (Fulda) kaufen. Die Lieferung verzögerte sich immer wieder. Bekommen hat er die Bikes erst knapp ein Dreivierteljahr später. "Dass es so lange dauert, hat mich gewundert."

Ein großer E-Bike-Händler aus Alsfeld sagt: "Die Situation ist wirklich dramatisch. Wir könnten die doppelte Zahl an Mountainbikes verkaufen, bekommen aber nicht genug Ware und müssen jetzt schon für 2023 bestellen, wenn wir etwas bekommen wollen." Bei den Ersatzteilen und Komponenten sei die Lage mitunter noch angespannter. Große Hersteller geben aktuelle Vorlaufzeiten von 900 Tagen an.

Nachfrage höher als das Angebot

Aufgrund des Bike-Booms sind die Verkaufszahlen jüngst in die Höhe geschnellt. "Die Nachfrage ist dabei höher als das Angebot", berichtet der in Bad Soden (Main-Taunus) ansässige Zweirad-Industrie-Verband (ZIV).

Der Absatz von E-Bikes in Deutschland ist im ersten Halbjahr 2021 erneut gestiegen, und zwar auf 1,20 Millionen. Das ist ein Plus von rund neun Prozent. Mit 1,55 Millionen Exemplaren wurden dagegen Fahrräder ohne Tretunterstützung deutlich weniger verkauft als im Vorjahreszeitraum - ein Minus von 26 Prozent.

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Pedelec und E-Bike
Auch wenn man meist E-Bike sagt: Die Mehrheit aller angebotenen Elektro-Fahrräder sind genau genommen Pedelecs. Sie bieten nur dann Motorunterstützung, wenn der Fahrer etwas mithilft und in die Pedale tritt. Erfolgt die Pedalunterstützung bis 25 Kilometer pro Stunde, gelten Pedelecs als Fahrrad und sind nicht zulassungspflichtig. Reine E-Bikes hingegen fahren per Knopfdruck - auch ohne Pedalunterstützung. Dieses System ist ab sechs Kilometer pro Stunde zulassungspflichtig. Deshalb werden E-Bikes eher selten angeboten. Pedelecs haben somit den Vorteil, dass der Fahrer selbst entscheiden kann, wie viel Unterstützung er beim Radeln braucht. Wer ganz auf die Motorunterstützung verzichten will, kann sie ausschalten und herkömmlich Rad fahren.

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Auch im zweiten Corona-Jahr ist die hohe Nachfrage nach Rädern ungebrochen, wie der ZIV beobachtet. Weltweit setzten sich aber Werksschließungen und Produktionsunterbrechungen aus 2020 fort. "Die Knappheit an Rohstoffen und die Brüche in der Lieferkette haben sich 2021 deutlich verschärft."

Entspannung nicht in Sicht

Eine Normalisierung der Situation auf den Weltmärkten und somit auch auf dem heimischen Markt sei so schnell nicht zu erwarten, berichtet der Verband. Die Lage bleibe mittelfristig verhärtet. Eine Entspannung wird laut ZIV voraussichtlich erst gegen Ende des nächsten Jahres zu erwarten sein. Die Lieferengpässe bei Ersatzteilen und Bikes betrifft alle Räder - mit und ohne Motor. "Die Branche sieht sich mit Konflikten durch das gestiegene Interesse am Radfahren und den Auswirkungen der Pandemie konfrontiert", erklärt Felix Lindhorst vom Bundesinnungsverband Zweirad-Handwerk.

Weitere schlechte Nachrichten aus der Branche. Wer ein Rad kaufen will, sollte damit rechnen, tiefer in die Tasche greifen zu müssen. Die Endverbraucherpreise steigen, und zwar um 15 bis 25 Prozent, wie der Zweirad-Industrie-Verband schätzt.