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In Wiesbaden beobachten Kameras den Verkehrsfluss

ARCHIV - 18.12.2018, Hessen, Wiesbaden: Autos fahren die Schiersteiner-Straße entlang.

Nirgendwo in Hessen gibt es mehr Stau als in Wiesbaden. Um den Verkehr zu entzerren und die Luftqualität zu verbessern, setzt die Stadt auf smarte Ampeln. Sie können selbst entscheiden, ob Grün oder Rot ist.

Es ist kein Titel, auf den man in Wiesbaden stolz ist: Die Landeshauptstadt ist die staureichste Stadt Hessens, im bundesweiten Vergleich liegt sie auf Platz drei hinter Berlin und Hamburg. Einer Verkehrsanalyse des Navigationsgeräteherstellers Tomtom zufolge ergaben die täglichen Stauminuten in Wiesbaden 2020 summiert vier Tage - und das wohl gemerkt vor der langen Sperrung der Salzbachtalbrücke.

Das hohe Verkehrsaufkommen kostet die Wiesbadenerinnen und Wiesbadener nicht nur viel Zeit, es sorgt auch für eine hohe Schadstoffbelastung. Einem Diesel-Fahrverbot konnte die Stadt 2018 nur knapp entgehen. Um den Stickstoffdioxid-Ausstoß zu verhindern und den Verkehr zu beruhigen, wurde der "Green City Masterplan" ausgearbeitet. Ein wichtiger Teil dieses Plans ist nun in Betrieb: die Digitalisierung des Verkehrs.

Intelligente Ampeln sollen den Verkehr verteilen

"Digi V" hat die Stadt das Projekt genannt, das bisher einmalig in Deutschland ist und seit der vergangenen Woche zum Einsatz kommt. Über Sensoren werden Verkehrs- und Umweltdaten erhoben und in Echtzeit analysiert. Mit smarter Ampelschaltung und digitalen Anzeigen soll der Verkehr so effektiv gelenkt werden. 30 Millionen Euro investiert die Stadt in das Pilotprojekt, das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) unterstützt es mit 15 Millionen Euro.

Rolf Schmidt in der neuen Verkehrsleitzentrale Wiesbaden

"Wir wollen den Verkehr so verteilen, dass die Umweltbelastungen möglichst gering sind und wir Alternativen zum Autoverkehr anbieten und bevorrechtigen können", erklärt Rolf Schmidt. Er ist Sachgebietsleiter Verkehrstechnik beim Tiefbau- und Vermessungsamt der Stadt.

Langfristig wolle man so Radfahrer, Fußgänger und den öffentlichen Personennahverkehr stärken und im Umkehrschluss den Autoverkehr nicht weiter steigern. "Wir verteilen diesen Kuchen an Verkehrsnetzkapazitäten um", fasst Schmidt zusammen.

400 Kameras erfassen den Verkehr

Alle 227 Ampelanlagen auf dem Hauptstraßennetz der Landeshauptstadt wurden im Rahmen des Projekts umgerüstet. Die wohl auffälligste Neuerung: An etwa 60 Knotenpunken im Stadtgebiet sind nun insgesamt 400 intelligente Wärmebildkameras angebracht, die den Verkehr beobachten. Sie erkennen, welche Fahrzeuge die Straße befahren oder ob beispielsweise Kinder an der Ampel warten. Knapp 60 neue Umweltsensoren messen außerdem die Schadstoffbelastung.

Digitale Verkehrssteuerung Wiesbaden mit Wärmebildkamera

In der Verkehrsleitzentrale werden alle Daten ausgewertet. Die Mitarbeitenden können direkt in die Steuerung eingreifen. Ist an einer Straße beispielsweise der Stickstoffdioxidausstoß zu hoch, können sie Routenumleitungen über die neuen dynamischen Verkehrsschilder anzeigen lassen. So kann der Verkehr entzerrt und die Luftqualität partiell verbessert werden.

Die Werte werden aber auch direkt in der Ampel verarbeitet: Sie können nun selbst Entscheidungen treffen, beispielsweise Grünphasen für Fußgänger verlängern oder sie für Autos frühzeitig beenden, wenn auf einer Spur kein Verkehr ist. Auch Feuerwehr- und Rettungsfahrzeuge können Kontakt mit den Ampeln aufnehmen und sie bei Bedarf auf Grün schalten.

Erste Maßnahmen zeigen Verbesserungen im Verkehr

Teilprojekte von Digi V sind schon seit längerem in Betrieb. Die Umweltspur auf dem 1. Ring etwa wurde Anfang 2020 eingeführt. Eine Fahrspur musste weichen, sie ist nun eine Bus- und Fahrradspur. Dauerstau gibt es Schmidt zufolge wegen der flexiblen Ampelsteuerung trotzdem nicht.

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Smarte Verkehrssteuerung in Wiesbaden

hs
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Es zeige sich vielmehr, dass Digi V "in die richtige Richtung" gehe. "Wir konnten dadurch den Radverkehrsanteil verdoppeln, die Schadstoffwerte sind zurückgegangen und wir haben Fahrzeiteinsparungen von 30 Prozent im Busverkehr", so Schmidt.

Die sogenannte Pförtnerampel stadteinwärts an der Berliner Straße ist eine weitere Maßnahme. Dort messen Kameras den Verkehrsfluss und erfassen Lücken im Stadtverkehr. Ist der Andrang zu groß, springt die Ampel auf Rot und die Autos müssen vor der Stadt warten. Der Busverkehr wird an dieser Stelle priorisiert.

ADAC: Praxis wird zeigen, was Maßnahmen bringen

Digitale Verkehrssteuerung Wiesbaden mit Wärmebildkamera

"Die Digitalisierung des Verkehrs ist eine gute Sache", findet Cornelius Blanke vom ADAC Hessen-Thüringen. Durch die intelligente Verkehrsführung könne man die Grenzwerte senken. Vergleichbare Projekte hätten bisher aber nur in kleineren Stadtgebieten stattgefunden.

Er fürchtet zudem, dass gerade die Pförtnerampeln von Ortskundigen umgangen werden und der Verkehr sich auf Nebenstraßen verlagert. "Viele biegen rechts ab, wenn der Stau zu lang ist." Das müsse man beobachten und entsprechend gegenlenken.

Bilanz wohl erst 2023 möglich

Für eine Bilanz ist es ohnehin noch zu früh: Künftig sollen alle Prozesse automatisiert laufen und Digi V mithilfe selbstlernender Algorithmen den Verkehr ganz alleine steuern. Aktuell befindet sich das System aber noch in der Lernphase.

Dazu kommt: Der Verkehr in Wiesbaden ist in diesem Jahr unter anderem durch die Corona-Pandemie sowie die Sperrung und anschließende Sprengung der Salzbachtalbrücke alles andere als gewöhnlich.

Ob Stickstoffdioxid-Grenzwerte langfristig eingehalten werden können, werde sich daher erst mit der Neueröffnung der Brücke zeigen, stellt Cornelius Blanke vom ADAC fest. "Die Voraussetzungen sind da. Aber bevor man wirklich sagen kann, was das bringt, muss man aus meiner Sicht abwarten, bis wieder der Normalzustand über die Salzbachtalbrücke laufen wird."

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