Ende März 2019: Eigentlich sollte sich Großbritannien jetzt aus der EU verabschieden. Doch auch der verschobene Brexit macht sich in Hessen bemerkbar. In vielen Unternehmen kostet er Nerven, in manchen bereits Arbeitsplätze.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Wo ist der Brexit schon zu spüren?

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Wird es ein harter Brexit, ein weicher oder kommt er gar nicht? Das ist auch nach der Unterhaus-Abstimmung vom Freitag völlig unklar. Die Antwort darauf, wie die zukünftigen wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Großbritannien und der EU aussehen, ist für Hessen von enormer Bedeutung.

Für die Wirtschaft des Bundeslandes ist das Vereinigte Königreich der fünftwichtigste Handelspartner. 2017 kam Hessen auf ein Außenhandelsvolumen mit Großbritannien von 7,7 Milliarden Euro. Aus Politik und Wirtschaftsverbänden heißt es, hessische Unternehmen seien auf alle möglichen Szenarien vorbereitet. Fest steht: Schon jetzt ist der Brexit, der ursprünglich für den 29. März beschlossen war, in vielen Betrieben zu spüren.

Unternehmen füllen vorsorglich die Lager

Die Firma Wikus aus Spangenberg (Schwalm-Eder) produziert Sägebänder, besonders häufig für Großbritannien. Jedes vierte Spezial-Sägeband kommt dort aus Nordhessen. Im Gegenzug importiert Wikus Metall aber auch von der Insel. Für den Fall eines harten Brexits und drohender Zollprobleme hat Geschäftsführer Rolf Kullmann sein Lager vorsorglich gefüllt: "Wir haben unsere Rohmaterial-Versorgung hochgefahren, sodass wir unsere Kunden mindestens vier bis sechs Wochen weiter versorgen können."

Auch in der Chemie- und Pharmabranche stoßen einige Unternehmen auf Probleme. Das Unternehmen Mundipharma mit Sitz in Frankfurt zum Beispiel bekommt einen großen Teil seiner Medikamente vom neuen Standort im englischen Cambridge. Die Firma musste ihre Qualitätssicherung komplett umstellen.

Bei einem No-Deal-Brexit würde es durch offene Zollfragen schwierig werden, die Medikamente über die Grenze zu bringen, sagt Mundiphamrma-Kommunikationschefin Birgit Steinhauer. "Wir bauen zwar einen erhöhten Lagerbestand in der EU auf. Aber das Problem könnte werden, dass er nicht lange genug reicht, bis Regelungen eintreten." Das heißt: Irgendwann wäre die Versorgung von Patienten in Deutschland wirklich gefährdet.

Auch der Pharmariese Merck aus Darmstadt mit seinen 12 britischen Standorten musste sich vorbereiten. Engpässe für Patienten sind laut Merck zwar nicht in Sicht, trotzdem macht sich der Konzern Sorgen - auch wegen der Gültigkeit von Medikamenten-Zulassungen.

Banker können Verluste nicht komplett kompensieren

Die meisten Vorsichtsmaßnahmen der hessischen Wirtschaft wurden vorsorglich getroffen. Doch einige sind nicht mehr rückgängig zu machen. Ein Unternehmen aus Nordhessen hat sogar angekündigt, wegen weniger Nachfrage aus Großbritannien 40 Stellen streichen zu müssen.

Teilweise sind die Auswirkungen aber auch positiv: Insgesamt haben sich nach Angaben der landeseigenen Wirtschaftsfördergesellschaft Hessen Trade & Invest 29 britische Firmen in Hessen angesiedelt oder ihren Standort erweitert. "Wir werden Chancen, wenn sie sich bieten, wahrnehmen", hatte Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) noch kurz nach der Brexit-Abstimmung 2016 gesagt und zu Gelassenheit geraten.

Wie viele Banken am Ende ihre Geschäfte von London nach Frankfurt verlagern werden, ist unklar. Rund 40 sollen es nach Angaben der britischen Denkfabrik New Financial bislang sein. Denn für Geschäfte in der EU brauchen diese Banken selbstständige Tochtergesellschaften in einem EU-Staat. Und Frankfurt ist durch die zentrale Lage und die gute Verkehrsanbindung ein beliebtes Ziel – die Mainmetropole könnte das neue Finanzzentrum Europas werden.

In den nächsten Jahren sollen nach Angaben der Landesbank Hessen-Thüringen allein wegen des drohenden Brexits rund 8.000 neue Jobs in der Frankfurter Finanzbranche entstehen. Andere Schätzungen sind weniger optimistisch. Der Umzug Londoner Banker wird die negativen Brexit-Folgen für Hessen zwar kompensieren, aber nur teilweise. Überwiegen werden die Verluste im verarbeitenden Gewerbe. Das geht zumindest aus einer Studie des Ifo-Instituts hervor, die die Industrie- und Handelskammer Frankfurt 2018 in Auftrag gegeben hat. Demnach dürfte Hessens Wirtschaftsleistung auf lange Sicht etwas geringer ausfallen – je nachdem, wie hart der Brexit kommt.

Unabhängig von "den Bekloppten"

Nicht nur Unternehmen stehen vor einer unklaren Zukunft, sondern auch die rund 11.000 in Hessen lebenden Briten. Seit der Brexit-Abstimmung 2016 ist Großbritannien in Hessen von Platz 12 auf Platz zwei der meisten Einbürgerungen geklettert.

Chris Mason aus Frankfurt ist in der Nähe von Newcastle geboren und aufgewachsen. Weiterhin Engländer zu sein, war ihm wichtig. Als Nicht-EU-Bürger - und das wäre er nach einem Brexit - hätte er jedoch in Deutschland keine doppelte Staatsbürgerschaft besitzen dürfen und entweder seinen britischen Pass abgeben oder eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung beantragen müssen.

Das wollte er nicht. Deshalb stellte der 34-Jährige den Antrag zum schnellstmöglichen Zeitpunkt, nach sechs Jahren Aufenthalt in Deutschland. Mittlerweile kann er dadurch etwas entspannter auf das weitere Brexit-Chaos blicken: "Das Ganze ist eine riesige Katastrophe. Aber jetzt können die Bekloppten machen, was sie wollen, am Ende des Tages bin ich sicher und es trifft mich nicht so hart." Im Gegensatz zu manchem hessischen Unternehmen, das den Brexit bereits heute zu spüren bekommt.