Wilke-Firmenschilder bei Dunkelheit.

Die Großmetzgerei Wilke gilt als Quelle des Listerien-Ausbruchs, der drei Menschen das Leben gekostet hat. Aber wie kamen die Behörden eigentlich auf die Firma in Twistetal? Und wie stellten sie es an, dass möglichst schnell die betroffene Wurst aus dem Handel verschwand?

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Behörden auf der Suche nach der Listerien-Quelle

Firmenschild des nordhessischen Wurstproduzenten Wilke, durch Gitterstäbe fotografiert.
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Ein kleiner Erreger mit großen Auswirkungen: Bakterien der Gattung Listeria waren auf Wurst der Firma Wilke aus Twistetal (Waldeck-Frankenberg). Bei zahlreichen Menschen haben die Keime die Krankheit Listeriose ausgelöst, mindestens drei Menschen sind in den Jahren 2017 und 2018 daran gestorben.

Aber als der Verdacht gegen die Wilke-Produkte am 2. Oktober publik wird, geht auf einmal alles ganz schnell - teilweise innerhalb von Minuten verschwinden Wilke-Produkte landesweit aus den Regalen.

Wie kamen die Behörden dem Keim auf die Spur, und wie stellten sie sicher, dass es möglichst keine weiteren Opfer mehr gibt? Eine Rekonstruktion.

Der Anfangsverdacht

Es sind die Fachleute des Robert-Koch-Instituts (RKI) in Berlin, die als erste die Gefahr erkennen. Die Bundesbehörde ist zuständig für Infektionskrankheiten. Labore in der ganzen Republik schicken ihre Proben ans RKI, wenn sie bei Tests feststellen, dass Patienten zum Beispiel an Listeriose erkrankt sind.

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Info-Hotline

Das Verbraucherministerium hat seit Mittwoch eine Hotline eingerichtet: Unter 06151-126082 werden Fragen zur Wilke-Rückrufaktion beantwortet. Erreichbar ist die Nummer montags bis donnerstags zwischen 8 und 16.30 Uhr sowie freitags zwischen 8 und 15 Uhr.

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Die Experten vom RKI bemerken 2018, dass hinter auffällig vielen Listeriose-Erkrankungen Erreger stecken, die sehr nah miteinander verwandt sind. Sie nennen den Typus Sigma1. Diese Bakterien, das ist so gut wie sicher, entstammen einer gemeinsamen Quelle.

Länder wissen wohl seit 2018 vom Listeriose-Ausbruch

Der nächste Schritt ist nach Angaben einer RKI-Sprecherin mehr oder minder standardisiert: Das RKI informiert das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) und das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Dies geschah am 2. August 2018.

Die zwölf betroffenen Bundesländer müssen also 2018 erstmals vom Listeriose-Ausbruch erfahren haben. Das BVL teilt auf Anfrage mit: Als klar geworden sei, dass sich einige der Infizierten in Krankenhäusern und Reha-Kliniken aufgehalten hatten, habe man gemeinsam mit den Lebensmittelüberwachungsbehörden der Bundesländer beschlossen, "zusammen Ermittlungen aufzunehmen und nach Gemeinsamkeiten unter den in diesen Gesundheitseinrichtungen ausgegebenen Lebensmitteln zu suchen".

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Chronik zum Fall Wilke

Zum gleichen Thema bei hessenschau.de:
Was über den Fall Wilke bekannt ist - und welche Fragen noch offen sind. Ein Zeitstrahl
Kliniken, Uni-Mensen, Schulen: Wo es Wilke-Wurst gab - und wo (wahrscheinlich) nicht

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Patienten-Befragung ist eine Sackgasse

Das BVL macht sich zunächst auf konventionelle Art auf die Suche nach dem Verursacher. Patienten, bei denen der Erreger nachgewiesen wurde, werden befragt, was sie gegessen und getrunken haben. Eine Sackgasse. Das BVL erklärt: "Befragungsstudien zur Ermittlung der ursächlichen Lebensmittel führten beim aktuellen Listeriose-Krankheitsausbruch nicht zum Erfolg."

Das Problem ist die lange Inkubationszeit bei Listeriose. Zwischen der Ansteckung und dem Ausbruch liegen oft Wochen. Und wer weiß schon ganz genau, was vor vierzehn Tagen auf dem Teller lag.

Detektivarbeit bringt den Durchbruch

Im Mai 2019 schlägt das BVL bei den Ermittlungen eine neue Richtung ein. Nun wird geschaut, wann sich Patienten, bei denen Sigma1-Listerien gefunden wurden, in welchen Krankenhäusern und Reha-Kliniken aufgehalten haben. Mitarbeiter örtlicher Behörden suchen diese Einrichtungen auf, um herauszufinden, wer dort im fraglichen Zeitraum Lebensmitteln geliefert hat.

Die klassische Detektivarbeit an der Basis bringt den Durchbruch. Man habe die Daten erhalten und analysiert, so das BVL. "Hierbei stellte sich heraus, dass in sechs der Einrichtungen, die vertieft untersucht werden konnten, Wurst-Aufschnitt des Herstellers Wilke ausgegeben wurde. Es gab keine weiteren Wursthersteller, die an alle sechs Gesundheitseinrichtungen Produkte geliefert hatten."

Ein "Match": Die Ursache wird gefunden

Die Behörde ist überzeugt, die Quelle des Listeriose-Ausbruchs gefunden zu haben, der 2017 und 2018 drei Menschen das Leben gekostet hat. Am 12. August informiert das BVL das hessische Ministerium für Umwelt, Klimaschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz über das Ergebnis der Nachforschungen und den daraus resultierenden Verdacht.

Das Ministerium beauftragt daraufhin das am Bundesinstitut für Risikobewertung angesiedelte Nationale Referenzlabor für Listerien (NRL). Das Labor soll Proben von Wilke mit dem Listeria-Sigma1-Isolat abgleichen, das das RKI von den Erkrankten hatte. Am 16. September kann das NRL einen "Match" feststellen, es gab eine Übereinstimmung.

Die Alarmkette springt an

Nach einigen Kontrollen, Telefonkonferenzen und wechselseitigen Absprachen (mehr dazu in der Chronik) wird der Betrieb Wilke am 1. Oktober vorläufig geschlossen. Am 2. Oktober kommen zwei Vertreter der beim Regierungspräsidium (RP) Darmstadt angesiedelten Taskforce Lebensmittelsicherheit nach Twistetal. Sie bringen die Kundenliste von Wilke in Erfahrung.

Mit dieser Liste jagt das RP als Landeskontaktstelle eine Warnung über das EU-Schnellwarnsystem RASFF. Sämtliche Lebensmittelüberwachungsbehörden in Deutschland und im Ausland erfahren von dem Listerienfund bei Wilke und den Geschäftsbeziehungen der Firma.

Am Abend schickt Wilke außerdem eine mit dem RP Darmstadt abgestimmte Mitteilung an die Deutsche Presse-Agentur und ruft seine Produkte zurück. Das RP weist auf der Seite www.lebensmittelwarnung.de auf die Warnung hin.

Die Waren verschwinden

Ab dem Mittag des 2. Oktober berichten Medien bundesweit über den Listerienverdacht bei Wilke - auch der hr. Wie eine umfangreiche hr-Umfrage bei Landkreisen, Städten, Krankenhäusern und Studentenwerken zeigt, reicht allein diese Berichterstattung vielerorts, dass Großküchen, Großhändler und Caterer ihre Waren durchsuchen und Wilke-Produkte aus den Regalen räumen.

Die Landkreise informieren zudem die jeweiligen Wilke-Kunden, die in ihrem Zuständigkeitsbereich liegen, über den Rückruf - und holen deren jeweilige Kundenlisten ein. "Seit dem 2. Oktober bekommen wir von der Schnellwarnstelle beim Regierungspräsidium Darmstadt mehrmals täglich eine Flut von Excel-Tabellen mit Betrieben, die Wilke-Produkte erhalten haben", berichtet etwa ein Sprecher des Landkreises Kassel.

Eigentlich wäre auch die Firma Wilke gefordert, ihre direkten Kunden über den Rückruf sofort zu informieren, doch das scheint nicht in allen Fällen geklappt zu haben. Jedenfalls berichten Wilke-Kunden, von der Firma selbst keine oder erst sehr viel später Nachricht erhalten zu haben.

Die Kette geht immer weiter

Die Großhändler sind nun ihrerseits verpflichtet, ihre Kunden zu informieren. So hat der Großhändler Metro beispielsweise noch am 2. Oktober begonnen, sämtliche Kunden, die Wilke-Produkte gekauft haben, abzutelefonieren oder ihnen per Mail und Post vom Rückruf zu berichten. "Bis zum Mittag des 4. Oktober waren wir damit größtenteils durch", sagt eine Metro-Sprecherin.

"Die Kette geht immer weiter, bis zum Endverbraucher", erklärt ein Sprecher des Regierungspräsidiums Darmstadt. Gleichzeitig melden die Großhändler an die Kreise zurück, welche ihrer Kunden sie informiert haben - und die melden das ans Regierungspräsidium. "An der Anzahl der Rückmeldungen sehen wir, ob der Rückruf funktioniert", so der RP-Sprecher. In diesem Fall habe er funktioniert.

Was allerdings nicht passiert: Das Regierungspräsidium erstellt keine gemeinsame Liste für die Öffentlichkeit mit Informationen darüber, welche Betriebe oder öffentliche Einrichtungen Wilke-Wurst in den Regalen hatten. "Eine solche Liste kann es auch gar nicht geben", so der Sprecher des Regierungspräsidiums, weil sie nie vollständig sein könne.

Listerien-Fund bei Wilke schon im April

Schon im April dieses Jahres allerdings gab es bei einer Wilke-Kontrolle einen Listerien-Fund, wie die Zeitung Die Welt im Oktober berichtet. Damals habe die Firma jedoch weiterproduzieren dürfen, weil sie erklärt habe, die Keime erfolgreich bekämpft zu haben. Bei einer weiteren Kontrolle im Juli werden dann keine weiteren Keime mehr gefunden.

Ein Listerien-Fund in einem Lebensmittelunternehmen ist anders als eine Listeriose-Erkrankung nicht meldepflichtig. Listerien-Funde kommen bei Kontrollen bei Lebensmittelfirmen gelegentlich vor.

Auf hr-Anfrage erklärt das Verbraucherschutzministerium am Dienstag, dass aufgrund des Listerien-Funds im April eine Rücknahme von Wilke-Waren erfolgte. Allerdings habe man zu diesem Zeitpunkt keine Erkenntnis gehabt, dass die Firma im Zusammenhang mit Todes- und Krankheitsfällen stehen könnte. Erste Hinweise auf einen möglichen Zusammenhang hätten dem Ministerium im August vorgelegen, aber erst am 16. September sei die entscheidende Information - die über jenen "Match" beim Referenzlabor für Listerien - gefolgt.

Sendung: hr-iNFO, 14.10.2019, 9.50 Uhr